ARCH+ 168


Erschienen in ARCH+ 168,
Seite(n) 56-57

ARCH+ 168

Die Benefits des Schlechten

Von Knutson, Peter

Die chinesische Architektur ist schlecht – ein bizarrer Mischmasch aus Platten und beschichtetem Glas, mit vergessenen und dann nachträglich angepappten Notwendigkeiten, ein kunterbunter Rekurs auf eine scheinbar unendliche Menge von Stilen; Low-Tech, gepaart mit High-Speed, etwas Rohes und potentiell Unförmiges. Die chinesische Architektur steht aber auch im Brennpunkt der frappierendsten städtebaulichen Umgestaltung der jüngeren Geschichte.

Geschwindigkeit ist endemisch

Es hat den Anschein, als wolle China fünfzig Jahre ‘verlorener’ Entwicklungszeit im Laufe der nächsten achtzehn Monate nachholen. In Schanghai war kürzlich sage und schreibe ein Viertel sämtlicher Baukräne der Welt im Einsatz. Das altehrwürdige, 1934 erbaute und von Kissinger so geschätzte Park Hotel war bis Ende der 1980er Jahre mit seinen 84 Metern das höchste Bauwerk Schanghais. Mittlerweile wird es von nicht weniger als eintausend Gebäuden überragt. Noch im Jahre 1993 war Schanghais Pudong-Bezirk ein eher ländliches Gebiet mit Reisfeldern, Schiffswerften und Häusern, von denen kaum eines mehr als zwei Geschosse aufwies. Heute sind in diesem Stadtviertel nicht nur zwei Millionen Menschen beheimatet, sondern auch zwei der höchsten Gebäude der Welt – und die Fundamente für das höchste sind dort bereits gelegt worden.

Dieses aberwitzige Tempo ist nicht nur in Schanghai zu beobachten, sondern in jeder größeren Stadt Chinas. Dies illustriert den immensen Erfolg, den die chinesische Stadtentwicklung bei der puren Bauleistung erzielt – und gleichzeitig offenbart es die immensen Probleme, die eine solche Entwicklung mit sich bringt.

Zeit hängt nicht vom Bauvolumen ab

Ein solches Tempo und eine so manische Energie erfordern eine grundsätzliche Lockerheit, was die Qualität, die Menschen und die Ideen anbelangt, sowie eine strikte Einhaltung der Terminpläne. Der Architekt wird kontaktiert, sobald die Abrißarbeiten begonnen haben. Die Baugruben für die Fundamente werden ausgehoben, lange bevor die Vorentwürfe fertiggestellt sind. Details für die Vorhangfassade müssen entwickelt werden, noch bevor der Aufriß des Gebäudes endgültig feststeht. Die Fertigstellung der Werkpläne beansprucht lediglich einen Monat. Dabei spielt das Bauvolumen nicht die geringste Rolle, denn für einen Universitätscampus wird nicht mehr Planungszeit veranschlagt als für ein provisorisches Bürogebäude. Angesichts dieses Tempos und dieses unersättlichen Appetits auf Neues werden nur wenige Gebäude gebaut, die für die Ewigkeit gedacht sind. Man baut mit der Ökonomie der Geschwindigkeit, mit den Zyklen der Politik, mit dem Instrumentarium des Augenblicklichen und mit der Perspektive einer extremen Kurzfristigkeit. Und all dies macht die gegenwärtige chinesische Architektur zu einer schlechten.

Ungesund, aber letztlich von Vorteil

Bei der schlechten chinesischen Architektur werden noch unausgereifte Ideen buchstäblich in Stein fixiert. Probleme, die im frühen Entwurfsstadium meist unvermeidlich und sogar hilfreich sind, werden zur physischen Realität, noch bevor man sie überhaupt als Probleme erkannt hat. Die Entwicklung von Ideen vollzieht sich, während der Beton bereits aushärtet. Lernprozesse finden zwischen Projekten statt, nicht während eines Projekts.

Wie und warum geschieht dies?

Handelt es sich bei China um eine Nation, dermaßen ausgehungert nach Fortschritt, daß sie das Augenblickliche regelrecht in sich hineinstopft, und die sich über kurz oder lang gesättigt zurücklehnen wird? Nein, das Ganze geht tiefer, ist dauerhafter und konstruktiver als das. In der Tradition der Entwicklungsländer des 20. Jahrhunderts verfügt China über ein gewaltiges Heer ungelernter, billiger und williger Arbeitskräfte und über die bereits erwähnte grundsätzliche Lockerheit, wenn es darum geht, Verträge abzuschließen oder Entscheidungen zu treffen. In China sind zwei Jahre der Entwicklung bis zur endgültigen Fertigstellung eines Entwurfs nicht nur eine Zeitverschwendung, sondern sogar gefährlich.

Bei der schlechten chinesischen Architektur fürchtet man Perfektion, denn Perfektion ist ein hindernder Faktor: Sie verzögert und unterminiert eine rasche, energische Erkundung und sie verhindert zwangsläufig eine offene und gleichberechtigte Zusammenarbeit. Die schlechte chinesische Architektur erfordert eine bedingungslose Kooperation auf allen Ebenen. Das Tempo gebietet dies einfach. Die Ideen und das Bauen laufen simultan ab, in einem Kommunikationsgeflecht aller Beteiligter. Das Resultat dieser Architektur ist eine Vereinigung von Differenzen. Und daraus folgt, daß die chinesische Architektur eine konsistente und keine optimale Qualität aufweist.

Geschwindigkeit ist totale Freiheit

Bei der schlechten chinesischen Architektur bedeuten Krisen zugleich auch eine Chance. In diesem permanenten Zustand eines verzweifelt vorangetriebenen Fortschritts kann eine echte Avantgarde ihre Musterbauten mit beispielloser Geschwindigkeit produzieren. Die neuen chinesischen Baumeister sind keine Individuen, sondern diffuse, in ständigem Fluß befindliche Teams, die bei der Realisierung ihrer Projekte so schnell vorgehen, daß letztere bereits fertiggestellt sind, noch bevor sich der Bauplan endgültig herauskristallisiert hat. Je schneller ein Projekt, um so wagemutiger ist es. Die größten Möglichkeiten der schlechten chinesischen Architektur ergeben sich nicht in einem kritischen Vakuum, sondern mit kritischer Hypergeschwindigkeit. Anders als im Westen paßt sich die chinesische Architektur dem Tempo der einheimischen Veränderungen an, so daß sie noch etwas zum zeitgenössischen Denken beitragen kann, anstatt diesem bloß hinterherzuhinken. Nur das wirklich Schlechte macht das Interessante möglich.

 

Aus dem Englischen: Fritz Schneider  

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