ARCH+ 87

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Erschienen in ARCH+ 87,
Seite(n) 62-65

ARCH+ 87

Baukonzept und Detail

Von Kulka, Peter

Details sind nicht nur eine Frage des räumlichen Zusammenhangs, sondern auch eine der Sinnstiftung: Es geht um Sinnbilder. Welchen Beitrag muß hierzu das Detail leisten? In einer Zeit, in der der Mensch Gefahr läuft, durch Fernsehen, Video und Computer sich noch immer weiter von eigenen sinnlichen Erfahrungen zu entfernen, muß der Lebensqualität mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Zur Lebensqualität gehört die Gestalt als bergende Hülle. Unsinnliche technische Strukturen auf der einen, beliebiger Formalismus und nostalgische Rückwendung auf der anderen Seite sind bestätigendes Abbild unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Eine fordernde Antwort, die hilfreich und unterstützend zur Seite steht, ist vonnöten. Diese Antwort wird erst dann möglich, wenn Bauen als ein ganzheitlicher Prozeß verstanden wird, der die Übereinstimmung von Inhalt, Form, Konstruktion und Detail zum Ziel hat. Details im Zusammenhang mit der jeweiligen Aufgabe und deren Sinnbildbezügen entwickelt, hilft dem Bau dem ihm angemessenen Ausdruck zu geben und dadurch neu sehen zu lernen. Dies ist ein Schritt weg vom beliebigen, willkürlichen, unsinnlichen Bauen hin zu einem sinnbezogenen, phantasievollen und materialgerechten Bauen. Es genügt nicht, einerseits auf gewohnte Bilder und Klischees zurückzugreifen, andererseits alle Erfahrungen über Bord zu werfen und losgelöst von ihnen neue Bilder zu entwickeln, die keinerlei Sinnbezug zum Menschen und seinen Bedürfnissen haben. Das Überkommene muß der Zeit gemäß aufgebrochen, verwandelt, mit Abstand betrachtet werden, das Neue muß sich erst bewähren. Jede gute Architektur lebt vom spannungsvollen Wechselspiel, das sich bis ins Detail hin fortsetzt: offen - geschlossen schwer - leicht weich - hart hell - dunkel Die zwei Projekte zeigen meine Versuche Übereinstimmung zwischen Aufgabe, Form, Konstruktion und Detail zu finden.

NEUGESTALTUNG UND ERWEITERUNG DER BENEDIKTINERABTEI KÖNIGSMÜNSTER, MESCHEDE Die bestehenden Bauten des Benediktinerklosters Königsmünster in Meschede sind zu klein geworden. Die innere Organisation des Altbaus ist unklar, die langen Flure sind ohne Ausrichtung, ohne Hinführung, ohne Motive und Blickpunkte, so daß das Kloster gerade funktioniert. Der neue Entwurf wird bestimmt durch drei wesentliche Ideen, die Schaffung zweier unterschiedlicher Wege, die alle bisher vorhandenen Bauteile und die Neubauten auf sinnvolle Weise miteinander verbinden. Es sind: • Der Weg vom „Außen zum Innen", vom Alltag zur Kapelle und zur Kirche und zurück zum Refektorium • Die Wege des praktischen Alltags, von denen sich der neu angelegte vom Altbau bis hin zu den Werkstätten erstreckt. • Ein neues Kraftfeld Mitte im Zentrum: die Kapelle

Die Wege des praktischen Alltags selbst bilden die Schwellen vom „Draußen" zum „Drinnen". Sie sind überschreitbar, sowohl von innen wie von außen. Am Flurende des Altbaus beginnt im Erdgeschoß die Klausur und der neugeschaffene Weg des klösterlichen Alltags. Er führt auf einem massiven Sockel liegend, überdacht vom Altbau, am Refektorium vorbei, durch die drei neuen Wohnhäuser hindurch bis hin zu den Werkstätten. Dieser Weg ist gleichzeitig die Grenze von Außen nach Innen, Schwelle und Filter, wohl überschreitbar, durchlässig und durchsichtig. Stufen, Barrieren, Glas und Räume sind seine Konkretisierung und Ausformung. Das neue Kloster ist nicht wie die Klöster des Mittelalters, des Barocks und wie die aus den 30er Jahren als geschlossene, homogene Anlage gedacht. Landschaft, Viehweide, Arbeitsstätten und Friedhofsind einbezogen und können vom Klostergarten aus erlebt werden. Die raumbildenden Teile des Klosters sind aus massivem Mauerwerk, gleich Häusern in einer Stadt, die durch Wege aus Stahl, Glas und leichten Blechverkleidungen verbunden werden. Konstruktion, Detail und Materialwahl werden dabei ganz in den Dienst des Entwurfs gestellt und im Zusammenhang mit der Sinnbildfrage gesehen: • Mauer steht für bergende Hülle, feste Orte • Stahl, Glas, Blech für Offenheit und Bewegung Der Weg von „Draußen nach Drinnen" wird zum Prozessionsweg zur Kirche. Abgehoben vom Erdreich, wird er brückenartig von Stahlbetonpfeilern getragen. Der Weg zur Kirche ist kein gerader Weg. Er bricht sich an der Kapelle inmitten der Anlage.

Die Kapelle ist gedacht als ein Ort der Sammlung und der geistigen Hinwendung. Ihre A usrichtung nach Osten sowie die baugeschichtlich formale Anknüpfung deuten die klassischen Standpunkte der Kirche an. Das Zusammentreffen von Innen- und Außenrichtung an dieser Stelle entspricht dem Zusammentreffen von Körperlichkeit und Geistigkeit und soll als Konfliktstelle auf dem Wege zur Kirche, zum Ort der Begegnung in Christus, angedeutet werden.

Die Ostung der Kapelle und ihre Bedeutung haben dazu geführt, von hier ausgehend die Verlegerichtung des Fußbodens zu bestimmen.

Für die Benediktiner ist das Essen selbst ein Sinnbild geistiger Vorgänge. Man hat es früh schon mit dem sakralen Abendmahl verglichen. Dem Refektorium wurde der 3. Platz nach der Kirche und dem Kapitelsaal in der Klosterhierarchie zugewiesen. Das Refektorium erhielt deshalb in der neuen Anlage einen besonderen Platz und eine ablesbare, unverwechselbare Gestalt. Sein tonnenartiges Dach erinnert von außen an ein Brot.

KATHOLISCHE KIRCHE ST. MARIEN, HAMM-HEESEN Der kreuzförmige Körper des Kirchenbaues mit seinen 75 cm dicken massiven Mauern, der durch gelb-rote Ziegel unterschiedlichen Formates gegliedert ist, durchbricht den quadratischen Sockelbau aus roten Ziegeln. Dadurch, daß die massiven Ziegelwände beider Bauteile auch innen sichtbar bleiben, wird die Entwurfsidee - der Durchdringung - innen und außen erlebbar. Die schotenförmige Wand aus Stahlbeton vor der Sakramentskapelle, hinter der Altarinsel, hält die Mauern des Kirchenraumes. Bildhaft steht dieser statisch aussteifende Bauteil im Zusammenhang mit der inhaltlichen Deutung. Die Ringanker aus Beton bilden einen gesimsartigen, umlaufenden oberen Abschluß. Am Eingang in den Kirchenraum wird die schwere Wand durch ein Stützträgersystem aus Beton abgefangen.

Die Vierungsstütze im Bereich der Taufkonche löst sich in vier schlanke Stahlstützen auf. Zwischen ihnen findet der alte vorhandene Taufstein seinen Platz. Der kreuzförmige Grundriß bleibt nachvollziehbar, gleichzeitig wird er aufgebrochen. Durch die Transparenz an dieser Stelle wird der Kirchenraum zum gegliederten Zentralraum mit Blickbeziehungfür alle. Eine leichte Stahlkonstruktion unter der Empore schafft ein filterndes Netz zwischen Werktagskapelle und Kirchenraum. Bezieht man die sichtbare Leimbinderkonstruktion des Daches in die Betrachtung mit ein, so bleibt der gesamte A ufbau der Kirche auch für den späteren Betrachter ablesbar.

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