ARCH+ 87

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Erschienen in ARCH+ 87,
Seite(n) 71-73

ARCH+ 87

Kleines Glossar zur Geschichte des Details

Von Wagener, Wolfgang

B A U - M E I S T E R : „Aber, wo finden wir die Meister?" fragte die Revue generale d'architecture 1849. „Sicher nicht unter den alten Maurern, deren Hände sich so lange mit Stein und Mörtel abgaben, daß man sicher annehmen darf, auch ihre Hirne bewegten sich nur in einem beschränkten Umkreis." Wer sind die Meister? Der Handwerker, der Konstrukteur, der Künstler-Architekt oder der technoide Ingenieur?

Während im 17. Jahrhundert der bis dahin tätige, handwerkliches Können und theoretisches Wissen vereinende Bau-Meister zum Mythos wird, avanciert zum l'homme modernepar excellence der Ingenieur; gleichzeitig streiten die Architekten an der erst 1671 von Colbert gegründeten Academie royale d'architecture um einen langsam bröckelnden Gegenstand: die Architektur, die jetzt theoretisch begründet werden sollte - mal aus der Geschichte, der Antike, mal aus der Natur. Zum Meister aller Klassen des 17. Jahrhunderts, zum wirklich modernen Champion, wird dagegen nur einer: la raison. Langsam wurde klar, daß die feudalständische Architektur, die noch regional, auf die Realität des Bauens bezogen war - auf Finanzierung, Bequemlichkeit, sozialer Status ... -, auch nicht durch einen bürokratischen Apparat zu halten war. Wenn schon die mittelalterliche Einheit von Architekt und Ingenieur, die Einheit von anthropomorpher Architektur und kosmischen Menschen im Mutterschoß Gottes aufbrach, so sollte doch wenigstens eine Einheit von „Gottes Gnade" möglich sein. Aber die Academie konnte keine regelstiftende Architektur-Ästhetik retten. Der Niedergang des ancien regime, die aussichtslose Konfrontation von Feudalismus und Rationalität der Aufklärung, der Aufstieg des selbstbewußten Individuums, der Bourgeoisie, der Spekulanten, Fabrikbesitzer und Generäle ermöglichten kein einheitliches Regelwerk. Im Gegenteil: die Auflösung der traditionellen Architektur vollzog sich an der königlichen Architekturschule selbst. Claude Perrault forderte im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts für die Architektur eigene Gesetze, die nur von der Art des Bauens, der Gewohnheit und der Tradition, dem bon goüt, abhängig seien. Vitruvs anthropomorph-plastische Architektur war damit zerschlagen.

B A U - P R O Z E S S : Zwei offizielle Vorkämpfer werden seit 1747 in das Rennen um die Architektur geschickt, denn Perronet gründete die Ecole des Ponts et Chaussees. Von den Architekten anfänglich belächelt, konnte sich das Bauingenieurwesen erfolgreich auf die nützlichen, rein rationalen Prinzipien ihrer Disziplin stürzen. Befreit von gesellschaftlich-kulturellen Forderungen und symbolischer Formensprache, zerlegte man in Ruhe die Konstruktionsmethoden bis in jede Einzelheit, man detaillierte. Während der Gegenstand der Architektur gleich blieb, wurde das „höhere" Reich der Kunst langsam unterhöhlt durch das Arbeiten en detail. Nicht die Bauten für den menschlichen Gebrauch, sondern der Prozeß des Bauens selbst, das Herstellen, wurde zur treibenden Kraft nicht das ,Was' sondern das ,Wie' war gefragt. Straßen, Kanäle, Brücken, Eisenbahnnetze, Dämme, Schleusen, Talsperren und die Stapelflächen englischer Fabriken entwickelten ihre eigenen, technisch-ökonomischen Gesetze. Die abstrakten Regeln hatten nichts mehr zu tun mit der Natur, dem Menschen oder dem Handwerk. Die einsetzende Versachlichung entzauberte die Welt, der technische Fortschritt hat seinen Preis: den Verlust der unmittelbaren Verständlichkeit, der sinnlichen Wahrnehmung.

A U T O N O M I E : Zu Beginn des 17. Jh. hatte Galilei mit einem technischen Gerät, dem Teleskop, das mittelalterliche Universum aufgebrochen. Tauchte 1664 das Fernrohr auch auf in einer allegorischen Umsetzung hierachisch geordneter Architekturbegriffe von Abraham Bosse: in der Hand von der nur im Hintergrund gedulteten Figur der Schönheit (des Angenehmen), die sich dem obersten Gesetz, der Vernunft, unterzuordnen hat. Die Treppe zur Vernunft...

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