ARCH+ 86

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Erschienen in ARCH+ 86,
Seite(n) 25

ARCH+ 86

Zu diesem Heft

Von Kuhnert, Nikolaus

Architektur, Architektur

Als die Studenten Anfang der 70er Jahre das Mailänder Polytechnikum besetzten, wurden sie mit zwei Positionen konfrontiert: Mit einer Position, die sich ihnen in kritischer Sympathie unterwarf, in der Organisation von Kampagnen aufging, im Entwerfen von Flugblättern (Portoghesi), während die andere eigensinnig auf der Autonomie der Disziplin als Alternative zur kapitalistischen Entwicklung beharrte (Rossi). Nach Abflauen der Kämpfe sollte letztere einen ungeahnten Siegeszug durch die Architektenschaft antreten. Heute wird sie wieder in Frage gestellt, gleichwohl in anderer Absicht und von anderer Seite. Vorgeworfen wird ihr nun Sand ins Getriebe des gesellschaftlichen Fortschritts zu streuen.

Einer, der dem jüngsten Siegeszug der Architektur viel zu danken hat, ist O.M. Ungers. Garant seines Erfolges ist eine Architekturlehre, die in besonderer Weise die Sicht auf die Stadt mit der Intervention in der Stadt verknüpft. Diese Sicht auf die Stadt hat Schule gemacht, erst unter dem Namen Kontextualismus, später unter dem Namen Post-Modern, in der der Kontextualismus als eine Richtung u.a. aufgegangen ist. (Vgl. Ungers im Gespräch, 85 ARCH+, S.32 ff) Berlin, das Grüne Stadtarchipel, 1977 Ausgangspunkt ist der Verfall der Metropole. Diskutiert wird er am Beispiel des Bevölkerungsrückgangs von Berlin. Zur Anpassung der Stadt an den Bevölkerungsrückgang schlägt Ungers vor, überflüssige Stadtteile aufzugeben und die verbleibenden auszubauen. Eine Stadt von Enklaven und aufgelassenem Gelände. Dieses Konzept nennt er „Städte in der Stadt", kontextualistisch gesprochen, Körper im Raum. Es sieht eine Stadt von Inseln, die sich in Geschichte, Sozialstruktur und stadträumlicher Qualität unterscheiden und von Leerräumen vor, die entweder in Naturund Grünflächen zurückverwandelt oder aufgefüllt werden können mit Verkehrsnetzen, die die Stadtinseln verbinden, Drive-inKinos und -Banken, Supermärkten, in einem Wort, mit mobilitätsgebundenen Einrichtungen.

Diesen Vorschlag habe ich ausführlicher vorgestellt, weil er vieles berührt, was dieses Heft programmatisch faßt: Den Verfall der Metropole, den Umgang mit aufgelassenem Gelände, mit Leerräumen in der Stadt, die Flüchtigkeit metropolitaner Bedürfnisse im Widerspruch zur Permanenz der Architektur, die Insuffizienz der Architektur angesichts solcher Perspekiven ... Nichts von alldem ist bei Ungers zu spüren. Verpflichtet der Tradition der Architektur, sieht er in aufgelassenem Gelände nicht den Anflug von Leere, von Nichts, die Zeichen der Zeit als Ausdruck für die Geschwindigkeit gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, sondern ausschließlich Leerräume, die er konsequent kontextualistisch interpretiert: als die andere Seite des Wechselspiels von Körper und Raum. Der grüne Stadtarchipel - eine Gruppe von Körpern im Raum.

Am Grünen Stadtarchipel war neben anderen auch Rem Koolhaas beteiligt, in dem er heute das Paradigma für die weitere Entwicklung der Stadt schlechthin sieht. „Durch parallele Aktionen der Rekonstruktion und Dekonstruktion wird jede Stadt ein Archipel von , Architekturinseln' werden, die in einer post-architektonischen Landschaft schwimmen ... Das, was Stadt war, wird durch das Nichts ersetzt werden ... Das Nichts wird zum Herz der Metropole ... Nichts bedeutet in diesem Zusammenhang eine modifizierte Kaspar David Friedrich Landschaft - Deutscher Wald, unterbrochen von Arizona Highsways, in einem Wort, die Schweiz."

Diese Passage ist aus mehreren Gründen aufschlußreich. Nicht nur, weil sie überraschend die Leerräume in der Stadt, das Nichts im Verständnis von Koolhaas mit dem Urbanen, Metropolitanen verbindet, sondern weil sie darüberhinaus mit der Tradition stadträumlichen Entwerfens bricht, die Koolhaas, ein Schüler von Ungers selbst geprägt hat und weil sie schließlich die Grenzen zwischen Architektur und gesellschaftlicher Entwicklung neu zieht. Nicht mehr das Wechselspiel von Körper und Raum stadträumlichen Denkens zählt, sondern ihre bewußt in Kauf genommene Auflösung, der gegensatzlose Leerraum (void), die Leere (emptiness), das Nichts (nothingness). Nicht mehr die Disziplin setzt die Grenzen, sondern die gesellschaftliche Entwicklung hebt die Grenzen auf-die Schnelligkeit metropolitanen Lebens, das jedem Anflug von Dauerhaftigkeit widerspricht, die Gleichzeitigkeit von Aktionen, die nebeneinander herlaufen, sich überschneiden, ohne sich je zu berühren, die Vielfältigkeit von Eindrücken, die an einem Punkt auftreten, ohne je miteinander vereinbar zu sein-sie alle sprengen jede Form, verweigern sich jeder Kanalisierung, geschweige denn der durch eine Architektur der Straßen und Plätze, der Häuser und Paläste.

Architektur muß stattdessen anpassungsfähig und flexibel sein, auf wechselnde Bedürfnisse reagieren, im besten Fall ein leerer Raum, eine Leere, ein Nichts, das lesbar und benutzbar ist wie eine Partitur. Was das „Nichts planen" heißen kann, zeigen: • das Gitter von Manhattan, das es ein Jahrhundert früher gab, bevor es benutzt wurde, • der Central Park, ein Leerraum, der die Felswände provozierte, die ihn heute umgeben, Broadacre City, das Guggenheim-Museum, Hilberseimers ,Mid West' mit seinen Flächen mit Null Architektur, die Berliner Mauer. Sie alle enthüllen, daß die Leere in der Metropole nicht leer ist, sondern mit Programmen und Konzepten aufgefüllt werden kann, die implantiert sowohl die existierende Texture wie sich selbst verstümmeln." Folgerichtig fordert er von der Architektur, daß sie sich das Moment der Veränderung, der Bewegung, der Geschwindigkeit einschreibt. Das ist konzeptuelle Architektur.

Alle Zitate sind dem Beitrag von Rem Koolhaas, The terrifying beauty of the 20th Century, entnommen; teilweise in diesem Heft abgedruckt unter dem Titel: Die Illusion der Architektur, S.40.

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