ARCH+ 86

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Erschienen in ARCH+ 86,
Seite(n) 89-90

ARCH+ 86

Die venezianische Schule

Von Léon, Hilde

Eine Nachlese zu ARCH+ 85

Mittlerweile sind zwanzig Jahre vergangen, daß Architekten der Universität Venedig anfingen, die Analyse der Stadt zu einer Methode zu verfeinern, die als Voraussetzung für den Entwurf dienen sollte. Was 1964 mit didaktischen Schriften für Studenten begann und schließlich vor allem von Carlo Aymonio und Aldo Rossi zu Büchern gepreßt wurde, ist seit langem als „Venezianische Schule" international bekannt. Ab Mitte der siebziger Jahre wurden ihre Ansätze auch in Deutschland veröffentlicht, doch ihr Einfluß blieb bemerkenswerter Weise gering. Heute wieder darüber zu schreiben, erlaubt schon beinahe, mit kritischer Distanz oder selbst mit einer Haltung, die grundsätzlich in Frage stellt, ein historisches Resümee zu ziehen. Denn die Architekturdiskussion in Italien hat sich anderen Themen zugewandt, Themen, die die Architektur der Baukörper betreffen, die Architektur der Architekten, und nicht mehr die Architektur der Stadt.

Auch wenn die theoretische Auseinandersetzung vorerst beendet zu sein scheint, ist ein Resultat geblieben, die Stadt in ihrer Gestalt zu untersuchen, um ihre Kontinuitäten, Veränderungen und historischen Brüche zu erkennen, die Stadt in Beziehung zur Gebäudestruktur zu setzen, um diese mit typologischen Klassifikationen in ihrer Gesamtheit von Tradition, technischer Ausführung, Gebrauch und Geometrie ordnen zu können. Begriffe wie „Typologie" und „Morphologie" sind in die Sprache der Architektur eingegangen.

Man theoretisiert die Begriffe weniger, man praktiziert sie vielmehr, wie fertige mathematische Formeln, die nicht mehr hergeleitet zu werden brauchen. Sicherlich verschwimmen dabei die theoretischen Akzente, doch das ist ein Opfer jeder praxisbezogenen Anwendung: sie werden zur Praxis hin modifiziert, brauchbar gemacht. Und sicherlich ist auch eine inflationäre Anwendung der Begriffe „Typologie" und „Morphologie" bei oftmals persönlicher Auslegung unvermeidbar. Die Methode läuft auch Gefahr, durch eine Popularisierung banalisiert oder mystifiziert zu werden, so wie es dem Funktionalismus wiederfahren ist. Die Inhalte verschwimmen und nur ein Bild bleibt übrig. In der heutigen Hinwendung auf prägnante Architekturobjekte einzelner und einer Neuentdeckung des Genies kann man parallel einen Rückzug von großmaßstäblicher und komplexer B etrachtung der Stadt beobachten, d.h. Rückzug von der Rationalität zur Individualität.

Die ausschließlich akademische Diskussion hatte kaum Auswirkung auf die Bau- und Städtebaupraxis. Sie hat bestenfalls zu mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität gegenüber bestehenden städtischen Strukturen geführt. Einen Versuch, die Stadttheorien anzuwenden gibt es allenfalls in Pesaro, wo die Gruppo Architettura, ein Zusammenschluß verschiedener „Lehrstühle" der Universität Venedig, 1972 beauftragt wurde, den Bebauungsplan für die Altstadt zu erstellen. Aber auch hier wurde nach und nach das ambitiöse Programm auf das Machbare reduziert. Nach nunmehr 15 Jahren Planung wurden die radikalen Eingriffe der Neuplanung vor allem auf Protest des Denkmalschutzes eingeschränkt. Der Verwaltungsapparat läuft schwerfällig und die wirklichen Eingriffe sind gering. Eine weitere Anwendung scheiterte in Rom, wo Carlo Aymonino von der KPI1981 als „Stadtbaurat" (assessore al centro storico) für die historische Stadt berufen wurde, am parteipolitischen Wechsel, und die Planungen blieben somit Papier. Hier zeichnen sich die Grenzen der Stadtanalyse auf planungspolitischer Ebene ab: Dem Konzept, die Stadt zu analysieren, um daraus die Orte zu bestimmen, die durch Neuplanung neu definiert werden müssen, stehen die realen Verhältnisse in der Stadt - wie z.B. die Eigentumsverhältnisse, Sozialstruktur und vor allem der Denkmalschutz - entgegen.

Im Gegensatz hierzu ist die Anwendung typologischer Analysen, die zielgerichtet sind auf eine grundsätzliche Erhaltung, bzw. Wiederherstellung und Erneuerung im historischen Sinne, bei der altstädtischen Gebäudestruktur erfolgreich, so wie sie in Bologna erstmalig ausgeführt wurde. Sie wird inzwischen ohne große ideologische Diskussion - im Gegensatz zu den 70er Jahren - gerade wegen ihrer pragmatischen Art in vielen Klein- und Mittelstädten in Italien praktiziert und auch ins Ausland „exportiert".

Das gilt im besonderen in denjenigen Städten, in denen die Entscheidung für eine „rigorose" Erhaltung des historischen Zentrums gefallen ist. Diese in Italien verbreitete und sich in viele inhaltliche und ideologische Richtungen verzweigende Stadt- und Gebäudeanalyse ist dort fast schon verinnerlicht. In Deutschland jedoch hat dieser Ansatz nie so recht Fuß gefaßt, im Gegensatz zu Spanien und gerade Frankreich, wo die italienische Diskussion aufgenommen und weiterentwickelt wurde. Eine der wenigen deutsch-sprachigen Zeitschriften, die die Debatte hierzulande bekannt gemacht hat, war ARCH+ (ARCH+ 50, 1980) mit ihren Übersetzungen und Wertungen. Auch bei allem Interesse für die Altstadtsanierung in Bologna, die ja in Deutschland als beispielhaft und vorbildlich gerühmt worden ist, wurde fast immer nur Wert gelegt auf den sozialpolitischen Aspekt der Planung und Durchführung.

Die fachliche Methode der Erhaltung, die typologische Analyse als Grundlage der Wiederherstellung historischer Bausubstanz und der Rekonstruktion nach historischem Vorbild, war bei der deutschen Wertschätzung immer nur Nebensache. In Italien war die Sanierung nicht nur Beispiel für die neue kommunale Politik der KPI, sondern auch für deren kulturellen Führungsanspruch. Die Altstadt wurde zum gesamten Monument erklärt. Diese radikale Forderung wollte eine Wiederaneignung, die die Stadt zum „kollektiven Gut" erhebt. Man verstand die Altstadt als ökonomisches Erbe, als materielles Produkt historischer Akkumulation, und als kulturelles Erbe, als Ort der gesellschaftlichen Konflikte. Das entsprach genau der fortschrittlichen Sanierungsdiskussion in Deutschland. In Italien allerdings entzündete sich hieran eine über Jahre geführte kulturelle Debatte und das Konzept Bologna wurde gerade auch von den venezianischen Architekten, führend dabei Aldo Rossi, aufs schärfste bekämpft: warum sollte ein „Status quo ante" in der Stadt als absolutes hegemonistisches und exklusives Modell festgesetzt und als unveränderbares Ergebnis eingefroren werden? So wollten sie ihre Theorien nicht verstanden wissen! Ihnen war daran gelegen mit einer neuen Architektur akzentuiert in die bestehende Stadt einzugreifen, ohne dabei den historischen Stadtkern als Tabuzone zu behandeln. Schließlich war die Altstadt zu keiner Zeit ein in sich geschlossenes, perfektes Stadtgebilde und ist es heute noch viel weniger, sondern die Schichtungen der Zeit und die baulichen Veränderungen zerlegen die Stadt in Teilbereiche, wobei in den schwachen Teilen neue Zeichen durch eine neue Architektur gesetzt werden müssen.

Böse Zungen behaupteten daraufhin, daß jene Architekten nur einen Vorwand mit ihren Theorien suchten, um mit ihren Bauten in den historischen Städten eingreifen zu können: Schließlich seien sie doch Entwerfer. Während diese Auseinandersetzung die italienische Architekturdiskussion beherrschte, waren Fragen der kommunalen Dezentralisierung, der Betroffenenbeteiligung über Quartiersräte und der politischen Umsetzung des Sanierungskonzepts die entscheidenden Fragen, denen hierzulande nachgegangen wurde. Diese unterschiedliche Bewertung der Rolle, die hier und dort der Architektur zukommt, wurde auch in der Rezeption und Interpretation der Stadttheorien deutlich.

Die Faszination, die diese Theorien in Deutschland auslöste, lag in der Tatsache, daß es, im Gegensatz zu den hiesigen Verhältnissen jener Jahre, überhaupt eine Diskussion über Architektur gab, eine Diskussion die Architektur als eine eigenständige Disziplin anerkennt und die die Gestalt der Stadt sieht als Ausdruck und Bild gesellschaftlicher Prozesse und Brüche, die in der Architektur Gestalt annehmen. Dieser Ansatz war hierzulande fremd und im Widerspruch zur anti-architektonischen und politisierten Haltung jener Jahre nach der Studentenbewegung. So sah man den Architekten eher als „Anwalt der Betroffenen", also ausschließlich in der fachlichen und technischen Umsetzung von Bevölkerungsinteressen und weniger akzeptierte man die kreativen und schöpferischen Aspekte seiner Arbeit: das waren die „Gebrauchswertillusionen" des Architekten und die „warenästhetische Verkleidung" ökonomischer Interessen.

Nur bei O.M. Ungers finden wir eine vergleichbare architekturtheoretische und entwurfliche Auseinandersetzung wie bei Rossi oder Aymonino. Er ist den Italienern am nächsten und vielleicht gehört er deswegen zu den bekanntesten deutschen Architekten in Italien. Seine Position war aber isoliert, da seine theoretischen Überlegungen nur als persönliche Entwurfsgrundlagen verstanden wurden und er an deutschen Universitäten keinen Einfluß hatte. In der Tat entwickelte sich bei Ungers ein Schwergewicht auf den schöpferischen Aspekt in der Architektur, denn für ihn gehen Entdeckungen und Anregungen immer von Einzelnen aus. Doch auch Ungers plädiert für das Studium des Ortes in seiner komplexen Realität und für das Lernen aus der Geschichte. Dies sind seine Voraussetzungen für den Entwurf, aber sie haben nicht den Anspruch einer umfassenden Theorie.

Die Qualität des architektonischen Ergebnisses bleibt abhängig von der individuellen Fähigkeit, und das ist mit anderen Worten nicht weit entfernt von Rossis „biographischer Einmaligkeit der Erfahrung", die als persönliche Komponente in die rationale Architektur mit einfließt und die Architektur unverwechselbar macht. Die Faszination an ihren Theorien wurden in erster Linie durch ihre Architektur selbst vermittelt. Das trug dazu bei, ihren theoretischen Ausführungen größeres Augenmerk zu schenken. Die Architektur, insbesondere der Wohnkomplex Gallaratese, mitten in der trostlosen Peripherie von Mailand, ist in Deutschland häufig veröffentlicht und mit diesem Projekt wurden die Architekten international bekannt. Bei dieser ersten größeren Realisation entwikkelte Aymonino das Konzept und vertraute den Entwurf einer der langen Zeilen Rossi an.

Die überschwengliche Formenkomposition des einen und der Purismus des anderen - oder wie Tafuri poetisch sagt, dem Lärm von Aymonino stehe die Stille von Rossi gegenüber - hinterließ in Deutschland gleichzeitig tiefen Eindruck und stieß auf äußerste Ablehnung, bis hin zu dem flotten, typisch deutschen Vorwurf einer „faschistoiden" Formensprache. Daß gerade Rossi versucht, eine „aristokratische Ungeschicklichkeit der Formen" (Tafuri) wiederherzustellen, wird nicht erkannt oder nicht akzeptiert. Wie sich also zeigte, war die Sprache beider Architekten im theoretischen Ansatz die gleiche, in der Architektur jedoch konträr oder auch ergänzend. Die Schriften und das Projekt Gallaratese eröffnete hier aufs Neue die linke Diskussion über Architektur.

Die Notwendigkeit der architektonischen Disziplin kam allmählich wieder auf. Man hatte gemerkt, daß die Absicht, im Interesse der Bevölkerung als Architekt agieren zu wollen, impliziert noch nicht eine gestalterische Antwort auf die Umwelt. Man bewegte sich eigentümlich tastend auf diesem neuen Feld, schließlich sollte kein neuer Formalismus propagiert werden. Es sollte ein neuer Weg sein, wegführend von „dem verkürzten Verständnis von Architektur, sowohl bei den Apologeten gegenwärtiger Baupraxis, als auch in der linken Diskussion", bei der Architektur „in Abstraktion von ihrem Gebrauchswert nur in ihrem politischen und ökonomischen Verwertungszusammenhang diskutiert wird." (ARCV+ 30)

Architektur wieder ästhetisch und kulturell begreifen und sie denn für eine politische Arbeit brauchbar zu machen, ist bis heute Anspruch geblieben. Der „Produktionsprozeß" von Architektur, der Entwurf also, war in ökonomistischer, verklausulierter Ausdrucksweise eine Annäherung an ein tabuisiertes Thema: doch die Sprache fehlte noch. Man fand sie - mit Zögern und Vorbehalten - bei der kritischen Architekturkonzeption von Rossi und Aymonino, die sich gegen die gängige Architektur und technokratische Betrachtung der Stadt wandten. Sie bleib allerdings merkwürdig aufgesetzt: denn die sozialengagierte basisdemokratische Städtebaudiskussion und die Fragen nach dem Selbstverständnis des Architekten hatten wenig gemein mit der neuen kritischen Bestirn'fnüng der Architektur seitens der Italiener. Es waren einfach nicht ihre Fragen und Probleme. Hier liegt das Mißverständnis: Der italienischen Diskussion wird der kritische Aspekt an falscher Stelle unterstellt! Einerseits wurde die italienische Debatte gesellschaftskritischer interpretiert als sie es im Kern war, andererseits wurde sie aus deutschem Selbstverständnis als ungenügend sozial-politisch engagiert kritisiert. Für Aldo Rossi ist die Architektur autonom. Der kritische Ansatz der neuen architektonischen Kultur ist auf andere Weise gegeben.

Die venezianische Schule greift auf ein reichhaltiges Material an Untersuchungen zurück, sie geht jedoch weiter als die klassizistischen Architekturtheoretiker oder die Funktionalisten durch den Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen: die bestehende Stadt. Die Realität ist die Basis, es wird nicht unterschieden in gute oder schlechte Stadt und trotzdem sind die Thesen voller Kritik an der architektonischen Realität: ein Kampf gegen jene Eingriffe, die die Stadt abreißen, ausnehmen und vernichten wollen. Hier liegt auch der Unterschied zu denjenigen Theoretikern der Stadt, die meinten, nur über eine radikale Veränderung durch einen einzigen Akt könne man die bestehende, historisch gewachsene Stadt, die einem „abgesoffenen Motor" gleicht (Le Corbusier), retten. Sie setzen sich aber auch von den theoretisierenden Praktikern ab, die die gesamte Altstadt zum Monument deklarieren. Natürlich ist für Aldo Rossi und Carlo Aymonino die Architektur - gerade in dem Konglomerat Stadt - gesellschaftlich bedingt: ihre Gestalt ist das Produkt der Gesellschaft; es ist ein Brennglas, durch das die Gesellschaft sich zeigt.

Die Stadt zu „enthüllen", Schicht für Schicht freizulegen, zeigt Verschüttetes und heißt, die Stadt verstehen zu lernen, Aspekte, die zur Grundlage des Entwurfs gehören. Die direkte mechanische Beziehung zwischen Stadtanalyse und Entwurfwurde immer verneint. In der Tat ist es kaum möglich, bei den Entwürfen von Rossi oder Aymonino z.B., die Bezüge zur Stadtanalyse herzuleiten. Viel eher kann man bei den Projekten unabhängig vom Ort die Individualität der Architekten erkennen. Sicher herrscht heute mehr denn je Unsicherheit über die Begriffe „Typologie" und „Morphologie" und noch mehr über die Art der Anwendung. Wenn also Stadtanalyse bedeutet, den Prozeß des Entwurfs zu rationalisieren und der bestehenden Stadt gerecht zu werden, so heißt es jedenfalls nicht, sich der äußeren Hülle anzupassen.

Es geht nicht um das Produzieren von Bildern oder um das Simulieren von Authentizität. Denn die Kenntnis der Gebäudetypen und der Stadtmorphologie läßt den letzten Schritt offen - den Entwurf-. Die Typologie ist kein Musterbuch der Architektur. So wie der Rücken - nach Quatremere de Quincy - der Typ für die Rükkenlehne aller Stühle ist, so ist das Verhältnis der Stadtanalyse zum Entwurf: für doch nur einen Typ Rücken gibt es eine Unmenge von Stühlen, aber nur die wenigsten sind bequem.

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