ARCH+ 84

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Erschienen in ARCH+ 84,
Seite(n) 21

ARCH+ 84

Zu diesem Heft: Bauen mit Stein

Von Kuhnert, Nikolaus

Mit Fug und Recht Bauen mit der Natur

Mit diesem Heft schließen wir vorerst die Folge: „Bauen mit der Natur" ab. Beabsichtigt war, ein Resümee zu ziehen aus dem neugeweckten Interesse am Bauen mit natürlichen Bausteinen, mit Lehm, Ton und Holz. Wahrend die Sache im Fall des Lehmbaus und Holzbaus (80,82 ARCH+) einfach war, da beide fast schon Synonyme für alternatives Bauen sind, liegen die Dinge beim Ziegelbau komplizierter. Schon von der sozialen Seite her. Keine Bewegung trägt ihn. Höchstens versprengte Gruppen. Das Bauen mit Ziegeln transportiert zwar das Bedürfnis nach Anders Leben, aber zwischen Bedürfnis und Ziegel steht, anders als beim Lehmbau und zugespitzter als beim Holzbau zu allererst und überall das Industriesystem, sei es in Form der Produktion (Industrielle Fertigung statt Handarbeit), sei es in Form des Wandaufbaus (Mehrschaligkeit statt Vollmauerwerk), sei in Form der Wandoberfläche (Flächenmuster statt wandtiefe Verbände). Und so kann es nicht verwundern, daß ein anderer Umgang mit dem Ziegel beschwerlich begann, mit dem Umdrehen des Maschinensteins einsetzte und mit der Suche nach aufgelassenen Pressen noch längst nicht beendet ist. Heinz Bienefeld kann davon ein Lied singen. So mühselig das Bauen mit Ziegeln auch immer ist, mehr noch, gegen eine zubetonierte Praxis erst behauptet sein will, so drängender ist das Bedürfnis, das ihn bewegt. Es sucht am Stein, am Bauen mit Ziegeln und im Leben zwischen Steinen eine neue Einheit zwischen Mensch und Natur, zwischen Bau und Leben zu stiften. Das heißt in diesem Fall: Anders Leben. Der Ziegelbau ist hierfür das Anwendungsfeld par exellance. Denn welche andere Bauweise kennt eine solch innige Verbindung von Stein und Hand, von Steinmaß und Handfertigkeit, von Maßsystem und Arbeitskörper.

Anders Leben - Alternative Praxis oder Lebensphilosophie? Was die Ökopaxbewegung in traumwandlerischer Sicherheit an Sehnsüchten nach Gliederung, Ordnung nachfragt, realiter ist es längst durch Zerfall in Partialfunktionen entzaubert: der Ziegel in die Funktionen des Verblendens und Hintermauerns, die Wand in die Funktion des Tragens (im Zweifelsfall Beton), Dämmen und Darstellen und das Haus in die Funktionen des Gehäuses (die Summe von Geschäft und Ingenieurleistungen) und des applizierten Kleides, beispielsweise aus Ziegeln. Der Ziegel als Baustein, Modul, als kleinste Einheit eines Maßsystems, die Wand als Einheit von Tiefe und Textur, das Haus als Gehäuse und Bauform - was sind sie mehr noch als die Archäologie der Zunft, die mit dem Aufkommen des Industriesystems unter seinen Ablagerungen verschwand. Ist das sein Preis - der Verlust an Hand-Fertigkeit und Kenntnissen der Hand, die das Bauen mit den Kanones der Alten verband? Aus diesem Grund steht der anti-industrielle Anfang unter einem zweifach unglückseligen Stern: Neuzubeginnen ohne historische Vorbilder und ohne Verbindung zur Tradition, allein auf sich gestellt, zudem noch dem Druck der Verhältnisse ausgesetzt. Begonnen werden muß so von vorn, mit nichts als sich selbst, mit dem Körper, der Hand, um wieder das Greifen des Steins zu lernen, das Werfen von Hand zu Hand, das Wiegen des Steins vor dem Aufsetzen, das Eindrehen durch Hochwerfen des Steins in die Position, in der er am besten zu teilen ist..." (Hoffmann-Axthelm).

Einer Gefahr ist damit Tür und Tor geöffnet. Zurückgeworfenheit auf sich selbst, learning by doing mittels Hand und Rumpf kann zugleich fuhren und verführen; sie können zum Wiederauffinden vergessenen Körperwissens, verlorener Handwerkskenntnisse beitragen; sie können aber auch dazu verführen, in ihnen mehr zu sehen als altes Bauwissen: in der Handbewegung, im Setzen des Steins das Futter für eine Philosophie, die die Flüchtigkeit der Bedürfnisse, gerade der nach Alternativen zu den aufgeherrschten Lebensmöglichkeiten zur Lebensphilosophie festschreibt. Nachvollziehbar ist solche Selbstideologisierung immer, bsp. als Ausgleich für ausbleibende Erfolge, als Rückhalt vor dem Aufgehen im täglichen Einerlei. Nur ist sie auch akzeptierbar? - mehr noch: ist sie der Preis für den dornenreichen Weg nach vorn, für den Ausstieg aus der Gesellschaft, für die Unstabilität alternativer Lebensformen?

Der kritische Zeitgenosse wird spätestens an dieser Stelle den Grabeshauch des Konservativismus wittern und zum Rundumschlag zur Verteidigung der Moderne ausholen. Heftig und kalt zugleich wird er darauf verweisen, daß die Lebensverhältnisse sich geändert haben, daß heute... sicherlich, sicherlich... Und sicher gibt es heute nicht mehr den überkommenen Zusammenhang vom Bauen Wohnen Denken, an dem Heidegger hang. Das Band ist zerrissen. Was einst Hand und Stein, Mensch und Bauen verband, das tertium comparitum, die Proportion, ist, was ihre mathematische Seite betrifft, längst in Maschinen inkorperiert und geistert, was den Rest betrifft frei herum, frei verfügbar für jede Form von Ideologie. Auf der anderen Seite die Maschine. Mathematische Gesetze regieren sie, dem Zeichner aber suggeriert die Maschine, daß anything goes, will sagen, daß alles eingegeben, verarbeitet und ausgezeichnet werden kann. Totale Objektivation einerseits, unbegrenzte Individuation andererseits - kann ein Zeitalter gegensätzlicher ausfallen?

1. Ausweg: Rechner-gestütztes Entwerfen emst nehmen Ernst genommen werden müssen die Auswirkungen apparat-gestützten Entwerfens, das, was Jean Francois Lyotard im Begriff der Immaterialien zu fassen sucht, die Verschmelzung von Apparatur und Immateriellem, von Hard- und Software. Denn was ist im interaktiven Dialog mit dem Rechner Objekt, wer Subjekt? Was sind die Grenzen des einen, was die des anderen? In welcher Weise werden sie durch den Rechner tangiert - durch Ausbau oder Überschneidung, wie Lyotard denkt? Was das für den Raum bedeuten kann, die Wiederkehr von Illusionsräumen, um die Übergänge von haptisch faßbaren und nicht mehr faßbaren Räumen zu betonen, haben wir mit 83 ARCH+ anzudeuten versucht, was das für die mathematischen Grundlagen von Architektur heißen kann, für Zahl, Maß, Modul, Gitter, soll in Heft 87 beschrieben werden.

2. Ausweg: Design ernst nehmen Die Beispiele hierfür finden sich zuhauf. Nicht mehr die aufgelöste Wand der Moderne, sondern die dekorierte Nach-Moderne herrscht. Nicht mehr der scheitrechte Sturz trägt, wenn auch schon von verborgenen Stahlankern gehalten, sondern sein Muster begrenzt allseitig das Loch in der Wand, nach oben wie unten, nach rechts wie links. Nicht mehr die überkommenen, wenn auch technisch überholten Bauregeln des Lastens und Tragens regieren die Wand, sondern ihre konstruktiv entleerten Figuren. Verwandt werden sie wider jede tektonische, wider jede sinnfällige Logik. Alles scheint zu schweben, sich von der Erdkraft losreißen zu wollen, gleichwohl immer im Schultergriff des unsichtbaren Traggerüstes. Der erste Eindruck: entfesseltes Design, Design sans phrase - ohne die Selbstzweifel, das soziale Gewissen der Moderne. Auf ihnen fußte der moralische Impetus der Moderne, aber auch der Zwang, das Designmotiv zu verbergen. Vorteil: diese Architektur zeigt, um was es in nuce geht: um die Gliederung der Fläche nach ZahL Maß und Oranment. Um sonst nichts.

3. Ausweg: Bedürfnisse ernstnehmen Wie beschwerlich der Weg auch immer sein mag, anders zu leben, führt er doch mit Sicherheit zu den richtigen Fragen: was eint Bauen Wohnen Denken. Die Alten kannten eine Antwort. Sie heute zu suchen, heißt: mit der Hand be-greifen, mit dem Kopf ver-stehen, selbst um den Preis des Verzichts an Arbeitserleichterung, Wohnkomfort und Lebenszeit. Ein Beispiel sind u. a. die frühen Arbeiten von Heinz Bienefeld. 

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