ARCH+ 85

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Erschienen in ARCH+ 85,
Seite(n) 32-39

ARCH+ 85

„Vielfalt, die nicht auf Einheit gründet, ist Verneinung. Einheit, die nicht auf Mannigfaltigkeit beruht, ist Tyrannei.“ (Blaise Pascal)

Von Ungers, Oswald Mathias /  Kuhnert, Nikolaus

Raum und Körper

ARCH+: Herr Ungers, Sie sind jemand, der von einem stadträumlichen Verständnis von Architektur ausgeht. Wie sind Sie zu diesem Konzept gekommen? Was war für Sie Anfang der 60er Jahre, wenn ich an Ihren Berufungsvortrag in Berlin (65 ARCH+, S. 41 ff) denke, der Ausgangspunkt, sich mit Architektur nicht mehr in einem funktionalen, zweckrationalen Sinne auseinanderzusetzen, sondern Architektur in Abhängigkeit von Körper und Raum zu sehen? Was waren die Motive, was war Anregung - gerade vor einem Hintergrund, der für solche Art von Fragen kaum aufgeschlossen war?

Oswald Mathias Ungers: Ich meine, daß man etwas weiter ausholen müßte. Beginnen müßte ich sicherlich mit dem deutschen Anteil an der Architekturtheorie, mit Semper, Riegl, Worringer, Sörgel, Cöln; andere wären noch zu nennen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts war die Architekturtheorie eine wissenschaftliche Disziplin, die dann in Vergessenheit geraten ist; bis in die 20er Jahre läßt sich diese Spur noch verfolgen. Die Folgen kann man heute sehen. Es gibt keine Architekturtheorie mehr, nur noch eine Architekturkritik, die sich auf Emotionen, auf persönliche Kriterien oder was auch immer, jedenfalls auf rein deskriptive Dinge stützt. Daß jemand ein theoretisches Konzept hat oder eine theoretische Grundlage, aufgrund der er Architektur beurteilt oder macht, ist relativ selten geworden. Ich habe mich sehr früh mit diesen Dingen beschäftigt. Ich überlege gerade, angeregt durch das Gespräch, ob es einen Anlaß zur Beschäftigung mit Architekturtheorie gegeben hat. Vielleicht war der Auslöser der Mangel an Theorie. Anlaß kann auch der Versuch gewesen sein, sich Rechenschaft darüber abzugeben, was man eigentlich tut. Es kann doch nicht Sinn der Sache sein, einfach nur tätig zu sein, nur auf Dinge zu reagieren - man reagiert meinetwegen auf einen Auftrag, auf ein Programm, auf irgendeine Sache, vor die man sich gestellt sieht - aber man möchte die Dinge selber bestimmen, man möchte kontrollieren, was man tut. Das verlangt, sich darüber klar zu werden, was man eigentlich treibt, wenn man entwirft, wenn man sich mit Architektur beschäftigt. Und das verlangt natürlich auch, darüber nachzudenken, wie das alles zusammenhängt...

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