ARCH+ 78

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Erschienen in ARCH+ 78,
Seite(n) 46-54

ARCH+ 78

Eine mitzuteilende Methode

Von Kükelhaus, Hugo

Vorangestellt in vollständiger Wiedergabe ein Brief Goethes an Hegel:

Jena den 7. October 1820. Ew. Wohlgeboren möge beykommendes Heft zur guten Stunde treffen! und besonders der entoptische Aufsatz einigermaßen genug thun. Sie haben in Nürnberg dem Hervortreten dieser schönen Entdeckung beygewohnt, Gevatterstelle übernommen und auch nachher geistreich anerkannt, was ich gethan, um die Erscheinung auf ihre ersten Elemente zurückzuführen. Beykommender Aufsatz liefert nun, in möglichster Kürze, was ich von Anfang an, besonders aber seit den letzten Jahren bemerkt, versucht, verschiedentlich wiederholt, gedacht und geschlossen; wie ich mich theils in dem Kreise gehalten, theils denselben ausgebreitet, auch Analogien von manchen Seiten herangezogen und alles zuletzt in eine gewisse Ordnung aufgestellt, welche mir die geläufigste war und die anschaulichste schien, wenn man die Erfahrungen selbst vor Augen legen und die Versuche, der Reihe nach, mittheilen wollte.

Möge das alles einigermaßen Ihre Billigung verdienen, da es freylich schwer ist, mit Worten auszudrücken, was dem Auge sollte dargebracht werden. Fahren Sie fort, an meiner Art die Naturgegenstände zu behandeln kräftigen Theil zu nehmen, wie Sie bishergethan. Es ist hier'die Rede nicht von einer durchzusetzenden Meinung, sondern von einer mitzutheilenden Methode, deren sich ein jeder, als eines Werkzeugs, nach seiner Art, bedienen möge.

Mit Freuden hör ich von manchen Orten her, daß Ihre Bemühungjunge Männer nachzubilden, die besten Früchte bringt; es thut freylich Noth, daß in dieser wunderlichen Zeit irgendwo aus einem Mittelpunct eine Lehre sich verbreite, woraus theoretisch und praktisch ein Leben zu fördern sey. Die hohlen Köpfe wird man freylich nicht hindern, sich in vagen Vorstellungen und tönenden Wortschällen zu ergehen; die guten Köpfe jedoch sind auch übel daran, denn, indem sie falsche Methoden gewahren, in die man sie von Jugend auf verstrickte, ziehen sie sich auf sich selbst zurück, werden abstrus oder transcendieren. Möge sich Ihr Verdienst, mein Theuerster, um Welt und Nachwelt, durch die schönsten Wirkungen immerfort belohnt sehen. treulichst Goethe.

Mit diesem Brief sandte Goethe seine Farbenlehre an Hegel.

Die „mitzuteilende Methode", die die Durchsetzung von Meinung ausschließt, geht in der Erforschung und Anwendung der Funktionsbedingungen und Wirkweisen vonstatten, durch welche die Organe der Wahrnehmung (hier des Sehens) die innere subjektive und die äußere objektive Welt als ein wechselseitiges Wirkganzes erfahren und ins Spiel bringen, das ein und denselben Gesetzen gehorcht.

Die Methode erfüllt sich in sich selbst. Sie strebt an, was gegenwärtig, und sie verwirklicht, was gegeben ist. Sie erwirbt, was ererbt ist. Durch ihren Vollzug ereignet sich, was Goethe so formulierte: „Der Mensch erlangt Gewißheit über sein inneres Wesen dadurch, daß er das äußere Wesen als seinesgleichen, als gesetzlich anerkennt.“

„Anerkennt“. Anerkennen ist ein Akt der Ehrbezeugung auf gleicher Stufe; eine Art von „Reverenz“. Was den Menschen in seinem Subjektsein mit der Natur als einem objekt-seienden Gegenüber verbindet, ist nicht etwa das einer „Identität“ von Subjekt und Objekt, sondern ist die Anerkennung ihres Verbundenseins durch ein und dieselbe Gesetzlichkeit.

Die nachfolgende Erscheinung ist insofern Gegenstand dieser Anerkennung, als sie die Gesetzlichkeit der „inneren Natur“ des Menschen wiedergibt; und zwar, da es sich um eine des Auges handelt, auf eine anschaubare Weise.

Das Quadrat a wird durch die sich in der Mitte kreuzenden Diagonalen in vier deckungsgleiche Dreiecke geteilt. Es wird gesehen als ein ebenes, zweidimensionales Gebilde; flächenhaft ausgeglichen, spannungslos im Gleichgewicht seiner Elemente.

Im gleichgroßen Quadrat b ist der Kreuzungspunkt der Diagonalen aus der Mitte herausgerückt: damit sind alle vier Dreiecke verschieden voneinander. Das Gleichgewicht, das die Figur in der Ebene hatte, ist gestört. Damit ändert sich ihr Erscheinungsbild in merkwürdiger Weise. Es wird nicht mehr zwei-, sondern dreidimensional, es wird räumlich, körperhaft gesehen, entweder als erhabener Vierkantkegel oder als Trichter. (Konkav oder, in optischer Inversion, konvex). Was geht hier vor sich? Wir können es folgendermaßen beschreiben: das Auge ist bemüht, Ausgleich zu schaffen. Das tut es immer. Das durch gegenseitige Überschneidung und Verdeckung Torsohafte der Sehdinge im Sichtfeld und dieses selbst zu einem sinnvollen Beziehungsgefüge, das Auseinander zu einem sinnvollen In- und Miteinander zu verwandeln: das ist als Vorgang und als Ergebnis das Eigentliche des Sehens; ist sein „inneres Wesen&ldquo.

In der Abb. b sind die Gegenstände der Abb. a so dargestellt, wie sie jenseits ihres Gesehenseins als Projektionsformen beschaffen sein würden: als Bruchstücke, als Torsen, Das Auge sieht sie als Teile eines zusammenhängenden Ganzen. Und dieses nicht etwa trotz, sondern vermöge des Umstandes, daß sie sich gegenseitig zu Bruchstücken überdecken. Das Sehen vollzieht sich konstitutiv als die Bemühung, Einanderausschließendes und Verschiedenes in jener „höheren Dimension“ zu einen, die - auf das Raumhafte bezogen - gegenüber der Zweidimensionalität als, wie wir sahen, Dreidimensionalität zur Erscheinung gelangt. In der Tat: in ihrer körperhaften Erscheinung als Kegel oder Trichter sind die vier verschiedenen Dreiecke nicht trotz, sondern kraft ihrer Verschiedenheit von gleicher Größe, mit gleichen Winkeln und gleichen Seiten wie – eine Dimensionsstufe tiefer – im ebenen Quadrat. Wir brauchen uns nur vorzustellen, wir blickten vom Flugzeug aus in Vogelperspektive auf eine ägyptische Pyramide herab. Sie erscheint so wie das Quadrat in Figur b. Wir kämen nie auf den Gedanken, die begrenzenden Dreieckflächen der unter uns liegenden Pyramide wären verschieden groß und verschiedenwinklig.

Was ist es, das wir hier, informiert durcht die Funktionsweise unserer Organe, also durch uns selbst von uns selbst erfahren? Wir erfahren, da ja die Organe (im vorliegenden Fall die Augen) nicht etwas Fürsichseiendes sind und keine von außen eingesetzten Apparate, keine Prothesen, sondern in solchem Maße Glied von uns selbst, daß wir sagen möchten: „Mein Auge, das bin ich...“; wir erfahren, daß wir hinsichtlich der Funktion unserer Organe mit der Fähigkeit ausgestattet sind, Ausgleich zu schaffen, Sichausschließendes miteinander zu verbinden – Bruchstückhaftes ganz zu machen, gewissermaßen Zerbrochenes zu heilen, Vielfalt auf ein einigendes Gemeinsames zu beziehen. Wir selbst sind es, die die vier verschiedenen Dreiecke gleich machen, ohne ihre Verschiedenheit, ohne ihr Eigensein im geringsten anzutasten; im Gegenteil: wir einigen sie – ohne sie zu ändern – kraft und aufgrund und durch ihr Verschiedensein! Welch eine Organisationsfähigkeit! Welch eine staatsmännische Kunst wäre es, die ihr entspräche; welchse sozialpolitische Strategie!

Wir sind – im Feld unserer Organe, also im Bereich unseres Organismus, also in unserem Fleisch – befähigt, jene sonst so paradox klingende Formel von der coincidentia oppositorum (der Einheit der Gegensätze) des Nicolaus von Cusa zu verwirklichen. Ja sogar: diese Formel erweist sich als wahr dadurch, daß sie eine Funktion ist von Organfunktionen. Jenseits dieser Konkretheit ist sie sinnlos. Soll sie Sinn haben, muß sie Organfunktion sein.

Nun kann man fragen: Wie macht es das Auge, daß ihm diese seltsame coincidentia oppositorum gelingt? Wobei von „Gelingen“ keine Rede sein kann, da dieses Leistungsergebnis eben sein Leisten selber ist. Die Frage ist unter der Kontrolle eines Selbstversuchs zu beantworten. Die Antwort lautet vorweggenommen: das Auge fixiert nicht. Es haftet nicht am Gegenstand. Es starrt nicht. Mehr noch: der Gegenstand, auf den sich das Sehen bezieht, wird überhaupt nur dadurch zu einem Sehgegenstand, daß dieser - in einer Wendung Meister Eckeharts ausgedrückt - „seiner selbst entwird“ oder „seiner selbst ledig wird“. Und zwar, wir nehmen die Erfahrung des Selbstversuchs zunächst vorweg, in dem hochfrequenten Wechsel von „etwas und nichts“. - Machen wir uns, was hier beim Sehvorgang vor seh geht, erfahrbar am Gehvorgang! Wir gehen nämlich, indem wir zwischen zwei Zuständen wechseln: zwischen Fall und Auffang des Falls. Um von der Stelle zu kommen, auf der wir stehen; oder, anders ausgedrückt, um aus dem Stand herauszukommen, müssen wir aus ihm herausfallen. Wir müssen den Schwerpunkt aus unserem Körper herausverlagern ... nach vorn; nach dorthin, wo ich nicht bin. Das geschieht dadurch, daß wir den Halt, den wir im Stehen (relativ) hatten, preisgeben. Wir müssen einen Moment der Haltlosigkeit riskieren, bis der erhobene Fuß auf dem Boden landet, um dann sogleich von dem anderen Fuß mit dem gleichen Wagnis abgelöst zu werden. Gehen ist ein ständig – in der rhythmischen Symmetrie von Rechts und Links – aufgefangener Fall.

In der chinesischen Schrift wird das Wort Mensch durch das Zeichen eines Gehenden dargestellt; unter der von chinesischen Kommentaren um die Zeit des Konfuzius angeführten Begründung, daß der Mensch, um leben zu können, wie beim Gehen das Wagnis des Fallens auf sich nehmen müsse und daß das Schriftzeichen das Bewußtsein dieser Bedingung seines Gedeihens auf der Erde in dem, der es liest und vor allem in dem, der es schreibend ausführt, wachhält.

Was beim Gehenden als körperlich ausgeführte Leistung vor sich geht, stellt sich im Medium der Sprache als dessen Beschreibung etwa so vor: Im Gehvorgang konkretisiert sich das Prinzip dessen, das „Prozeß“ genannt wird; oder das Prozessuale eines Prozesses.

Nämlich: Prozesse verlaufen im Wechselschlag von Sicherung und Entsicherung. Wenden wir diese Erfahrung, die eigentlich eine Erfahrung des Erfahrens ist, auf den Sehvorgang an, so werden wir uns durch einen kleinen Selbstversuch schnell davon überzeugen können, daß das Sehen nicht anders gelingen kann, als daß es im Prinzip eines Prozesses vonstatten geht.

Betrachten wir im Dunkeln eine Leuchtzifferuhr. Wir werden schnell gewahren, daß die Ziffern erst dann und dadurch richtig zur Erscheinung kommen, wenn ich sie nicht anstarre; wenn ich vielmehr in einem leichten Winkel daran vorbei oder drumherum schaue – ins Dunkle. Und daß umgekehrt, wenn ich meine Augen zwinge, im Dunkeln das Glutende einer Zigarette anzustarren, der Glühpunkt anfängt, sich zu bewegen, und zwar in wurmartigen Windungen. Wobei, nebenbei gesagt, die vereinfachende Vorstellung vom Erkennen von Bewegung, dieses sei nur durch Unterscheidung zwischen den Bewegungszuständen wenigstens zweier Körper möglich, für das sehende Erkennen von Bewegung zu korrigieren ist: das Erkenntnissystem selber ist es, das sich bewegt, um Bewegung erkennen zu können.

Mit diesen kleinen, sozusagen Mini-Erfahrungsschritten, durch die das Erfahren als ein Pendeln zwischen Halten und Lassen, Binden und Lösen erfahren wird, bewegen wir uns wieder auf die Koinzidenz- Erscheinung zu: wir betrachten beidäugig durch ein Stereoskop (das es sogar als billiges Spielzeug gibt) die gegensätzliche Doppelheit (um die es ja bei der „coincidentia oppositorum“ geht) von einem schwarzen und einem weißen Feld auf neutral grauem Grund.

Man kann den Versuch bei einiger Übung auch mit bloßen Augen anstellen. Was wird geschehen?

Man hatte beim ersten Mal des Versuchs angenommen, daß die beiden schwarzen und weißen Felder in ihrer gegenseitigen Überdeckung durch das stereoskopische Sehen als deren mittleren Wert Grau ergeben würde. Das gerade ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr stellt sich in konkreter Form das Paradox der Aufhebung der Gegensätze in einen neuen Zustand dar, der sie zugleich auslöscht wie bewahrt: es erscheint das schwarze Feld als schwarz und zugleich als weiß; oder umgekehrt das weiße Feld als weiß und zugleich als schwarz, wobei aber beide Felder ein einziges bilden.

Es erscheint eine hochfrequente Oszillation zwischen Schwarz und Weiß, die als Glanz gesehen wird. In der Tat: Schwarz und Weiß sind, ohne aufgehört zu haben, schwarz oder weiß zu sein, ausgelöscht in einer glänzend reflektierenden Oberfläche. Hierin sind sie gelöscht, bewahrt und ... emporgehoben. „Emporgehoben“: dieses sogar im buchstäblichen Sinn. Denn es ist ja mit dem stereoskopischen Sehen so bestellt, daß es ein und denselben Gegenstand in einer Getrenntheit von sich selbst vorstellt, und zwar dadurch, daß die beiden Augen ihn aus zwei Winkeln sehen. Die Erklärung dafür, daß ein Finger, den man sich vor die Nase hält, hin und her springt, wenn man ihn abwechselnd mit dem rechten und linken Auge anvisiert.

Stellen wir statt der schwarzen und weißen Felder die beiden stereoskopisch aufgenommenen Fotos ein und desselben Gegenstandes in das Gerät (oder vor die bloßen Augen), so erscheint, wie jedermann bekannt, die Fotografie dreidimensional und so verblüffend körperhaft, daß man meint, drumherum greifen zu können. Das optisch Dreidimensionale verhält sich hier zum optisch Zweidimensionalen des Gegenstandes in seiner dualen Gespaltenheit wie Glanz zu Schwarz und Weiß: die beiden getrennten Ansichten des Gegenstandes sind in dessen dreidimensionaler Erscheinung gelöscht, bewahrt und - eben buchstäblich aus der Ebene heraus - in Räumliche emporgehoben.

 Das Geheimnis, womit dem Auge dieser Dimensionssprung gelingt, durch den das Gespaltene einer n-Dimension ein Ganzes ist in einer n + 1-Dimension, ist offenkundiges fixiert den Gegenstand nicht. So, wie es die Leuchtziffern der Uhr im Dunkeln nicht fixiert, um sie sehen zu können. Das Auge wagt das Dunkel oder, wenn man so will: das Nicht-Licht, um Lichthaftes wahrzunehmen. Hier begegnen wir wieder der Grundeigenschaft eines Prozesses als eines Pendeins zwischen Sicherung und Entsicherung.

Als Kindern bereitete uns das Bedürfnis, das Prozessuale eines Prozesses zu erfahren, das Vergnügen, über Balken, Schienen, Dachfirste und andere schmale Gefährlichkeiten zu balancieren. Wir erfuhren im Risiko dieser Art des Gehens, daß das normale Gehen selber und als solches und sogar auch das Stillstehen gleichbedeutend ist mit Balancieren; und das Balancieren eben nur gelingt, wenn wir weder die nächste Auftrittstelle noch irgendeinen anderen Festpunkt anvisierten, sondern den Blick angstfrei für die Weite des ganzen Horizontes offenhielten.

Anders und allgemeiner ausgedrückt: um im Endlichen sicher zu gehen, mußten wir uns dem Unendlichen öffnen. Es ist dies das Verhalten, das man beim Schilaufen, am Steuer des Autos, beim Bersteigen oder als Fallschirmspringer zu erlernen hat. Hierzu ein einfacher Selbstversuch aus dem Stand heraus.

Bei aufrechter Haltung und waagerecht ausgestreckten Armen beschreiben wir mit den Händen Luftzeichen, und zwar in willkürlich aktiver Weise nur mit einer Hand, etwa der rechten, während die andere (linke) Hand mit unwillkürlichen Bewegungen denen der rechten Hand folgt. Dabei erfahren wir, daß die „passive“ Hand das jeweils annähernd genaue Spiegelbild von dem Zeichen in die Luft schreibt, das die aktive Hand vollführt. Mag das Zeichen noch so kompliziert sein.

Diesen Vorgang können wir auch im Kleinen ausführen: wirn ehmen Schreibstifte in die rechte und linke Hand, um mit einer der beiden aktiv in normaler Schreibschriftgröße zu schreiben, während die andere (normalerweise die linke), ohne daß wir ihr Aufmerksamkeit zollen, den Bewegungen der anderen passiv folgt. Wir bemerken, daß die passive Hand auch die geringste Bewegungsausschläge der aktiven Hand spiegelverkehrt nachvollzieht, ohne Anstrengung und ganz von selbst.

Diese Erscheinung hat ihren Grund in der symmetrischen Bildung des rechts und links vom Rückenmarksstrang ausgehenden vegetativen Nervensystems, das alle rechts oder links im Organismus stattfindenen Funktionen im Sinne einer bilateralen Blance in der Weise zum (synneurischen) Ausgleich bringt, wie wir es bei den Schreibbewegungen erfuhren. Dabei aber ist dieses Rechts und Links nicht einfach dasselbe in Spiegelverkehrtheit, sondern die R.-L.-Symmetrie ist eine asymmetrisch gespannte und prozessuale, derart, daß z. B. auch die beiden symmetrischen Hirnhälften verschiedene Funktionen erfüllen: bei den Wahrnehmungsprozessen „schaltet“ die linke Seite mehr begrifflich, die rechte mehr bildhaft.

Wir stellen uns nun, um den angesagten Selbstversuch zu vollenden, mit leichtgespreizten Beinen auf – etwa vor ein offenes Fenster oder im Freien, mit möglichst weitem Blickfeld. Breiten die Arme in Schulterhöhe aus, bis sie eine gerade Linie bilden. Jetzt versuchen wir, die rechte und die linke Hand gleichzeitig zu sehen. Wir bemerken bald, daß dies gelingt, wenn wir die Finger flatternd, gleichsam wie Flimmerhaare, bewegen. Allerdings ist dieses Sehen eher ein Fühlen wie ein Sehen. Wir versuchen, die Hände noch zu fühlsehen, wenn die Arme schon über 180° nach hinten gebogen sind. Die Flimmerbewegung der Finger tritt seitlich vom äußersten Rand her in den Bereich der Augenlinse ein als ein Reiz, der an der Grenze zwischen Sehen und Bewegungsempfindung liegt. Man weiß nicht zu entscheiden, ob man die spielenden Finger noch als eine Eigenbewegung empfindet, oder ob man sie schon sieht.

Ein Wesentliches bringt dieser Versuch zur Erfahrung: den gegenstandentbundenen Blick; den Blick „ins Offene“. Deshalb ins Offene, weil der Blick nur durch Richtungslosigkeit, durch Nicht- und Nichts-Ansehen, die seitlichen Grenzreize wahrnehmen kann. Bei diesem völligen Offensein gegenüber dem (übrigens ovalen) Sichtfeld kommt es zur Erfahrung einer Empfindung, deren Wurzeln vermutlich in die Frühschichten der Keimentwicklung hinabreichen: in das raum-zeitliche Ereignisganze, aus dem die Augenkerne als mit dem Hirnstamm verbundene Drüsen hervorgingen. Diese Erfahrung dürfte als eine nervliche Rückbindung an die tiefsten, weil anfänglichsten Schichten der Ausgliederungsvorgänge des Organismus zu verstehen sein. So ist auch erklärbar, daß sich beim richtungs- oder gegenstandsfreien Sehen die Empfindung einstellt, das Sehvermögen wurzele im Rücken, rechts und links vom Rükkenmarkstrang. Und damit zusammenhängend wären auch die Gegenstände im vorderen Sehfeld Projektionen (oder Ausläufer) von Dingen, die im Rücken liegen. Plötzlich spüren wir, daß das Aktuale, dem wir im Wachzustand hingegeben (oder ausgeliefert) sind von einem nicht faßbaren Potential im Rücken gespeist wird.

Das, was vorne geschieht, ist das Mündungsdelta von Strömen, die hinter meinem Rücken entspringen. Diese Empfindung ist deswegen eine folgenreiche Selbstentdeckung, weil sich mit ihr das einseitig Vorne dergewohnten Lebensrichtung durch Rückbindung an einen hinterwärtigen Anfang zu dem Regelkreis schließt, durch den das linear zielende Gerichtetsein erst Sinn erhält. In der Tat: durch gewisse elektronische Reizeinwirkungen auf Nervenfelder seitlich der Wirbelsäule lassen sich Seheindrücke bei Blinden erzielen.

Wir befinden uns in einem dunklen Raum. Von der Decke hängt eine weiße Kugel von etwa Kürbisgröße. Nun soll die Erfahrung die Behauptung beweisen, daß die Kugel im Hellen ebensowenig als Kugel erscheint wie im Dunkeln. Das allseitig ausleuchtende Lichtbündel eines Scheinwerfers wird auf die Kugel gerichtet: mit dem Effekt, daß sie in der Tat nicht als Kugel erscheint, sondern als flache Scheibe. In totaler Ausleuchtung verliert sie ihre Erscheinungs- Wirklichkeit ebenso wie in der Dunkelheit. So stellt sich die Frage, wann denn nur und unter welcher Bedingung die Kugel als das erscheint, was sie ist. Die Antwort erteilt sie uns, wenn wir sie weder totalen Helligkeit noch der Dunkelheit aussetzen, sondern dem Zusammenspiel beider, dem Licht und dem Nichtlicht.

Wir gehen dabei so vor, daß von einer Seiter her Licht auf die Kugel fällt, so daß sie sich nach der entgegengesetzten Seite hin abschattet. Nunmehr wird die Kugel raumhaft gesehen und erscheint so als Kugel. Damit erweist sich die Kugel als Erscheinung „Kugel“ als „aufgehoben“ in einer n + 1-Dimension gegenüber der n-Dimension des Gegensatzpaares Licht-Nichtlicht. Wir können auch sagen: die Kugel als Erscheinung ist der Integralzustand des Gegensatzpaares Kugel im Licht und Kugel im Dunkeln.

Dieser Versuch und sein Ergebnis liefert auch ein buchstäblich anschaubares und durch bloßes Hinsehen sich selbst erklärendes Modell für das Verhältnis von Subjekt und Objekt. Wenn wir nämlich das Sehen der Kugel als „Subjekt“, die Kugel selbst als „Objekt“ ansetzen, so ist ihre Erscheinung als Erscheinung der Subjekt und Objekt zur Funktionseinheit aufhebende Prozeß. Allerdings: Erscheinung als Erscheinung ist kein Status: sondern ein Prozeß. Denn: warum wird erst die verschattete Kugel als Kugel sichtbar? Warum die total präsentierte nicht? Die Antwort ist so einfach wie folgenschwer: Weil das Totalpräsente des Gegenstands (als Effekt schattenfreier Ausheilung) dem Sehvermögen die Eigentätigkeit als Bedingung seines Prozesses blockiert und paralysiert durch Vorwegnahme. Wir sprechen heute von „Perfektion“ und lehnen sie ab ... gefühlsmäßig und unter Berufung auf das Gefühl. Das aber ist kein wirksames Argument, solange nicht das, was das Gefühl an der „Perfektion“ vermißt, als biogenetischer Grundprozeß ausgewiesen ist.

Perfektion ist die Ausschaltung des Prozessualen physiologischer Prozesse. (Ein perfekter Stuhl etwa ist ein Stuhl, der dem Körper so angepaßt ist, daß er mir das Sitzen abnimmt.) Wenn jedoch die Kugel teilweise im Schatten liegt, findest das Auge jene Bedingung vor, durch die allein es zur Eigentätigkeit herausgefordert wird: die Unsicherheit. Somit sind wir wieder beim Gehen als dem sich selbst aussprechenden Vorstellungsmodell von dem, was ein Prozeß ist: Selbstgewinnung durch das Wagnis des Fallens aus sich heraus; im Pendelschlag mit der Rückkehr zu sich; systolisch-diastolisch schwingend zwischen Selbstabstand und Selbstverharren, Lassen und Halten, Öffnen und Schließen, Weiten und Engen, Dehnen und Dichten, Heben und Senken ...

Was den perfekten Stuhl angeht: man ist heute mit dem Druck, den weltweit starke Interessengruppen auszuüben vermögen, dabei, den Kindern während ihres Aufenthaltes in den Lernanstalten ab Vorschulalter Stühle auf Gleitrollen, die als Korsetts aus Kunststoff dem Körper je nach Altersstufe angepaßt sind, zu verpassen. Mit dieser Nebenbemerkung lenkt sich unser Blick – vorerst noch wie zufällig und vage, nach und nach jedoch genauer und härter – auf ein seitlich unseres schrittweise zurückgelegten Selbst-Erfahrungsweges sich ausbreitendes Gespensterpanorama, das uns das Fürchten lehren wird.

Das Bewegungssystem der Beine ist pendelnd in das Becken eingehängt. „Pendelnd“: vorweg eine kurze Erinnerung an das besonders Eigenschaftliche der Pendelschwingung. Es ist nicht eine, sondern es sind zwei Kräfte, die in ihr miteinander spielen. Ein Spiel, das in der Form verläuft, daß die beiden Kräfte einander ablösen, jedoch nicht in einem zeitlichen Nacheinander, sondern so, daß die eine in der anderen als deren Gegensatz zunimmt, während die andere abnimmt. Je höher das Pendelgewicht auf der einen Seite steigt, desto mehr nimmt in dieser Steigekraft die ihr entgegenwirkenden Fallkraft zu.

Wogegen, wenn das Pendelgewicht fällt, in der Fallkraft die in ihr enthaltene Steigekraft wächst. Die beiden Kräfte bilden ein Jedesto-Verhältnis. Wenn wir eine Pendelschwingung mit den Augen verfolgen und uns dabei auf die Empfindungen besinnen, die dieses Sehen in uns auslöst; wenn wir also diese inneren (subjektiven) Vorgänge ebenso als Gegenstände behandeln wie die mit den Blicken verfolgte äußere (objektive) Schwingung, so erfahren wir etwas Fundamentales: wir erfahren, daß die Beobachtung von Schwingung als eine damit korrespondierend schwingende Beobachtung vonstatten geht. Der Gegenstand außen wird uns zum Vorgang innen.

Das Objekt wird – so Goethe – zum Organ. So wie das Ineinander der Gegensätze Steigen und Fallen, Heben und Senken in der Pendelschwingung als ein keimartiges Ineinander vonstatten geht, so – im Gleichklang mit deren Wahrnehmung – wird das Auseinander von mir, dem Subjekt, und dem Pendel als Objekt ein ebenso keimhaftes Ineinander wie die Steige- und Fallkraft im schwingenden Pendel. Es ist der dingliche Erfahrungsgrund des Begriffs „integral“ oder der Formel von der Einheit der Gegensätze, der in der sinnlichen Pendelbeobachtung zur Geltung kommt. Zur Geltung kommt, daß die Pendelschwingung von mir nicht als von einem stabilen statisch festen Raumpunkt wahrnehmbar ist, sondern von mir als einem selber schwingenden System.

Ins Allgemeine gedacht, heißt das: die äußere, objektive Welt als eine solche von Schwingungen, als eine rhythmische, bildet mit mir, dem Subjekt, dann und nur dann die Einheit eines Wirkganzen, wenn ich mich schwingend, wenn ich mich rhythmisch verhalte. Der rhythmische Lebensvollzug und nur dieser stiftet Wirklichkeit. Wenn wir uns die leichte Mühe machen würden (die Mühe liegt in ihrer Leichtigkeit), den Pendelversuch als Empfindungsversuch durchzuführen, so würden wir sehr bald die bewußtseinserhellende und rhythmisch steuernde Eigenschaft dieses Wahrnehmens erfahren.

Nichts anderes ist es, was wir als Kinder auf der Schaukel empfanden und was wir mit Lust und Wonne als eine Leib-Findung, ja als eine Leib-Zeugung erlebten: das immanente Ineinander des Gegensatzpaares von Steigen und Fallen mit deren übergänglicher Elastizität in den beiden höchsten Kehren und in deren Mitte als dem tiefsten Punkt.

Die pendelnde Aufhängung der Beine im Becken realisiert das Prinzip des Prozessualen als eine diastolische Hinausverlagerung des Schwerpunktes aus dem und sein systolisches Wiederhereinholen in das System.

Machen wir uns die Rhythmik als Element des Sehens (stellvertretend für alle Organfunktionen) an einem ganz einfachen Beispiel klar. Wenn wir die ständig vor sich gehenden und meist unmerklich verlaufenden Helligkeitsschwankungen des Tageslichts vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang als Kurve aufzeichnen, so sieht diese, schematisch vereinfacht, aus, wie oben dargestellt.

Wobei diese Schwingungen, die die Kurve aufzeichnet, keine linear in einer Ebene verlaufenden sind, sondern räumliche in der Erdhülle. Würden wir dem Licht diese sowohl rhythmische wie räumliche Eigenschaft nehmen; würden wir es als eine Reduktion auf eine a-rhythmische Konstanz produzieren, derart, daß die Hell- Dunkel-Differenzkurve statt eine wellenförmige eine gerade Linie ergeben würde:

+

______

-

Das Kunstlicht (vor allem das der Leuchtstoffröhre) ist – analog einer geraden Linie – konstante Helligkeit.

so würde infolge der mit der Anlage der Augenkerne entwicklungsgeschichtlich bedingten Wirkweise des Sehens als eines drüsensteuernden Prozesses nicht nur das Sehsystem davon betroffen, sondern eben mit diesem der Organismus im Ganzen (in der Summe) und als Ganzes. An dieser Stelle ist es notwendig, uns durch einen Blick in die Entstehungsgeschichte des Auges dessen bewußt zu werden, in welchem Maße unsere bisher angestellten, dem Sehen gewidmeten Erfahrungsschritte und Versuche dadurch ganzheitliche sind, daß sie keimgeschichtlich begründete sind; daß es unsere embryonische Vergangenheit ist, die in ihnen und durch sie als einer Methode tätige Gegenwärtigkeit gewinnt.

Zunächst auf die sich hier erhebende theoretische Frage deren Beantwortung durch Erfahrung: Wann und wie entstehen Organe?

Kein Organ entsteht zum Zwecke einer später zu erfüllenden Funktion. Organe entstehen nicht für, sondern als und durch Funktionen. Auf das Auge angewandt, bedeutet dieses entwicklungsdynamische Gesetz eine Korrektur der Vorstellung, die wir normalerweise vom Auge als einem „optischen Apparat“ haben. Wohl ist das Auge ein optischer Apparat (dessen Beschreibung aus physikalischem Aspekt mit Helmholtz begann). Aber das ist nicht alles und ist vor allem nicht das erste. Denn das Auge legte sich nicht an und entstand nicht als optischer Apparat. Optische Beanspruchung lag bei seiner Entstehung nicht vor. Die genetisch zuerst ausgebildete Sehbahn, die von der Netzhaut zum Hirnstamm Führt, entspricht der Entstehungsgeschichte des Auges als einer mit der Hypophyse verbundenen, der Hormonregulation dienenden Drüse. (Vgl. Becher, Hollwich, Blechschmidt).

Die optische, von der Netzhaut zum Sehzentrum im Hinterhaupt führende Sehbahn ist von der erstangelegten, der „energetischen“, zu unterscheiden. Beim Neugeborenen bilet sich die optische Sehbahn im Zusammenspiel mit der energetischen erst durch das Sehenlernen zu der Funktion aus, die man normalerweise als die einzige des Sehprozesses kennt und worunter man „Entschlüsselung von Signalen aus der Außenwelt“ zu einer Art Abbild derselben versteht. Der Effekt des viel komplexeren Systems ist jedoch kein Abbild der Außenwelt. Es bildet sich nichts ab. Sondern: das Gesehene ist die Außenwelt im Zustand der Umwandlung durch den, der sieht. Und umgekehrt. Die äußere Lichtwelt ist - sozusagen - der nach außen gekehrte Augenleib und umgekehrt. Nicht das Auge sieht, sondern der Mensch sieht. Im Sinne des paarigen Wirkzusammenhangs der Bezugsrichtungen vom Subjekt auf das Objekt und der vom Objekt auf das Subjekt sieht der Mensch, indem er gesehen wird. Esse est perzipi.

Was geschieht mit dem Menschen (das war die Ausgangsfrage, die zur Betrachtung des Zusammenhangs von Auge, Zwischenhirn, Organismus führte), wenn die wissenschaftlich-technische Realität, in der zu existieren er genötigt ist, ihn zwingt, ein Drittel seiner Lebenszeit unter einer technisch produzierten Lichtglocke zu verbringen, deren Konstruktionsfaktoren unter Ausschaltung der Prozessualität der menschlichen Organik als zentraler Einflußgröße zusammenaddiert werden? Aus welchem Grunde immer. Etwa – „unbewußt“ – aus Ignoranz infolge Erfolgssucht um jeden Preis. Oder – „bewußt“ – um durch Unterbindung kardinaler biologischer Bedingungen Sklavenheere zu züchten. Was geschieht vor allem und wird angerichtet, wenn der Mensch die Entwicklungsphase der Kindheit via Schulzwang in einer para-biotischen Konstruktionswelt verbringen muß?

Der Gang unserer selbstwerkzeuglichen Methodenschritte hat zu dieser Frage geführt. Nicht etwa, um eine Analyse bestehender Zustände außen zu betreiben, sondern weil – wie beim Wechselgang der Pendelschwingung, wo das Ja sich mit dem Nein, das Nein sich mit dem Ja entfaltet – das Prinzip der Erfahrung verlangt, die Gegenwelt des Rhythmisch-Organischen dadurch als Element der Methode zu behandeln, daß diese Gegenwelt begriffen wird nicht als etwas, das außen vonstatten geht, sondern im eigenen Inneren, als „seinesgleichen“, als Objektivität des Subjektiven. Und umgekehrt. Solange man unter dem Vorstellungszwang des Getrenntseins von Subjekt und Objekt lebt, lebt man in und aus der Verleugnung der zu verantwortenden Wirksamkeit des subjektiven auf das objektive Geschehen.

Indes spricht hier die Wirklichkeit des Zerfalls der Biospähre des Planeten durch das aus seiner Gesetzlichkeit herausgefallene Subjekt Mensch ein Machtwort. Die Erde spielt nicht mehr mit. Sie präsentiert dem sich aus der universalen Gesetzlichkeit seiner Lebensprozesse heraustechnisierenden Menschen die Quittung. Es ist aus diesem Grunde auch niemand und nichts anzuklagen. Der Hebelansatz ist bei mir selbst zu suchen, und zwar in dem Bereich, in dem das Prinzip der Aufhebung des Auseinanders so bestimmend ist, wie es die selbstwerkzeugliche Methode zu Erfahrung und Bewußtsein bringt: in unserem Fleisch. Dort, wo Schwarz und Weiß sich versöhnt im Glanz; dort, wo das Inkommensurable einer n-Dimension aufgehoben ist in einer n+1-Dimension; dort, wo – wie in der Zellsymmetrisierung – Selbstabstand Akt der Selbstzeugung ist: dort ist das Gegenüber von Subjekt und Objekt, Ich und Welt, zum Ineinander eines Funktionsganzen aufgehoben. Was sich im Fleisch zum Ganzen erwirkt, bewirkt Ganzes, sofern ich es in Anerkennung der Wahrheit seiner Normen und Elemente vollziehe. Leben nur kann Leben stiften.

Wenn wir uns daher die Gegenwelt zu Bewußtsein bringen, so tun wir es in der Leibständigkeit des Bewußtseins, durch die das Nein im Ja, das Ja im Nein umgriffen wird.

Die oberen Kehren und der tiefste Punkt in der Mitte der Pendelbahn sind jeweils die Punkte, in denen die gegensätzlichen Kräfte des Steigens und Fallens übergänglich aufgehoben sind. Beide sind hier in der Zwiefältigkeit ihrer Grenze vereint: endend im Kommen, anfangend im Gehen. Das Übergängliche ist es, das sie verbindet. (Nichts in der Welt wird so leicht übergangen als dieses.) Damit weist sich Grenze und Grenzhaftes aus als Prozeß, durch den angrenzende Bereiche ein sie aufhebendes Neues, Drittes erzeugen. Grenzen schließen ab durch Öffnen und öffnen durch Schließen. In ihnen erwirkt sich Inneres nach außen, Äußeres nach innen. Sie trennen nicht, sondern gliedern.

Das Organ, das uns durch uns selbst belehrt, was eine Grenze ist, ist die Haut. Durch sie behandelt der Organismus sein Inneres von außen und sein Äußeres von innen her. Sinnesverrichtungsorgane sind Grenzorgane. Als Grenzorgane sind (entwicklungsgeschichtlich bedingte) Hautgebilde.

Thomas von Aquin bezeichnet die Haut als den Sinn aller Sinne. Aristoteles empfiehlt, um sich die produktive Funktion der Haut als Grenze zur Erfahrung zu bringen, Daumen- und Zeigefingerkuppe in loser Berührung aneinander kreisen zu lassen. Dabei stellt sich nach einer Weile die Empfindung ein, daß sie zwischen den beiden Berührungsfeldern eine rollende Kugel befindet. Wir betrieben dieses Spiel – ohne Kenntnis des Aristoteles – als Kinder. Wie denn überhaupt Kinder vorzüglich daran interessiert sind, sich selbst durch Erprobung ihrer Organe zu erfahren. In der Haut wird der Begriff von der Grenze als eines aufhebend Neuen zum Ding. Dessen belehrt die drüsige Funktion der Schleimhäute. Die Schwarz und Weiß verbindende Grenze ist Glanz. Die Speisen werden verdaulich im Mund. Die Haut-an-Haut-Bewegungen von Zunge und Gaumen erzeugen Speichel; und Geschmacksempfindung. Die Bewegung der Zunge als solche von Haut bringen Innerstes nach außen, Tiefstes nach oben - wie umgekehrt: ihre Bewegungsgestik ist die der Entwicklungsdynamik des Embryo: rollend, drehend, reibend, stoßend, ziehend, quirlend, saugend, drängend, dehnend, engend ... Der Atemstrom wird allein durch die Zunge zum Wort. „Mit Zungen reden“. „Das Brot lesen, das Wort essen.“

In ihren Hüllen steigern sich die Dinge zu sich selbst. Man kann es sehen. Daß das Auge es sieht, ist zugleich das Wie seiner Funktion. Der Sehvorgang demonstriert im Sinne einer „ontologischen Logik“ die produktive Funktion des grenzhaft Übergänglichen dadurch, daß es das Umgrenzte sowohl größer als auch – falls das Umfeld farbig wäre – farbig tingiert erscheinen läßt: Das Auge sieht den Stern im „Daran vorbei“.

Indem es den Stern im „Daran vorbei“ sieht, schafft (oder beläßt es) ihm eine Hülle. So und nur so kommt es zur Erscheinung.

Durch Hüllen und Hüllprozesse, durch Begrenzung erhalten die Dinge ihre Wirklichkeit und Wirksamkeit als Erscheinung. Das Subjektive und das Objektive findet seine Koinzidenz in der Erscheinung. Mit den Methodenschritten, die uns durch Haut und Haar zum selbsterfahrenen Dingzustand des Begriffs „Grenze“ geführt haben, befinden wir uns in dem Grenzbereich, der Materie und Technik als objektive Realität auf der einen Seite, Organismus und werkzeugliche Methoden als subjektive Wirklichkeit auf der anderen Seite zu übergänglich Neuem verbindet.

Das gegenständliche Erscheinungsbild und die Zustandsform des räumlich-materiellen Energieaufwandes, den die Gesellschaft zum Zwecke des Zusammenlebens betreibt, ist – im weitesten Sinne ihres Begriffs – die Architektur. Sie ist der Brennpunkt, der die Bezüge des sachdinglichen Bereichs der Gesellschaft auf sich vereinigt. Sie hat ihrerseits innerhalb des eigenen Systems einen Bezugspunkt, dessen tätige Wahrung und Wahrnehmung das Maß für die menschbildende Energie ihrer Verdinglichung ist. Das ist der Kultbau. Sofern wir jedoch die Normen und Elemente des Organismus als die des Kultes und des rituellen Lebensvollzugs erkennen, sehen wir diese nicht auf das speziell Religiöse beschränkt, sondern wir finden sie in all denjenigen menschlichen Verhaltungen waltend, die den Gegenpol zu deren Verneinung bilden. Im Lichte dieses Begriffs vom Kultbau findet entsprechend der grundsätzlich genetischen Funktion des Kultes dessen besondere Wirkungsrichtung, den Erfahrungsstoff der Entwicklungsvergangenheit in die Gegenwart vermittels der Sprache einzuformen, seine bauliche Verdinglichung in der Kategorie des Bildungsbaus.

In den letzten sechs, sieben Jahren sind in den USA, Deutschland und anderswo Schulen gebaut worden, in denen Lebensprozesse durch technische Programme praktisch in der Keimung verhindert werden, selbstverständlich unter Verantwortung „progressiver“ Architekten und ihnen folgender Behörden. Die leitende Zielvorstellung dabei ist: Ausschaltung aller, den sog. „Lernprozeß“ störenden Einflüsse, d. h. aller Reizeinwirkungen, die nicht in direkter Beziehung zum Lernstoff und dessen Einprägung durch minuziös zielende Lernschritte stehen.

Man stellt sich dabei vor, daß das Lernen von Kenntnisstoff des kindlich und jugendlichen Organismus ein durch Rezeptorenfelder im zentralen Nervensystem (vor allem im Großhirn) geleistetes Speichern und Kombiniern von Daten sei. Analog einem datenverarbeitenden Automaten. (In einer ähnlichen Faszination durch Maschinen faßte man im vorigen Jahrhundert das Auge als einen optischen Apparat mit mangelhafter Ausführung (so Helmholtz), das Herz als eine Pumpe auf (damals war gerade die Bergbaupumpe erfunden worden), den Blutkreislauf als ein Pumpsystem.)

Jedoch: wenn wir uns auf die Auskünfte des Organismus beziehen, deren wir uns einleitend versichert haben, stellt sich das von einem lebenden Organismus betriebene Lernen, zumal, wenn es ein junger, noch in der Ausreifung befindlicher ist, als ein in der Oszillation von Sicherung und Entsicherung, Engung und Weitung, Hinwendung und Ablenkung vonstatten gehender ganzheitlicher, autonom – und zentralnervlicher Prozeß dar – und gerade nicht durch Fixierung auf Informationen. Ebenso wie es beim lebenden Organismus kein linear direkte Verbindung zwischen Reizursache und Reizwirkung gibt, ebensowenig gibt es solche hinsichtlich von Informationen sprachlicher Natur. Mit anderen Worten: Nicht das Gehirn oder ein sonstiges Aufnahmefeld des Organismus (genau genommen des jungen, noch nicht „vorgestanzten“ Organismus) lernt, sondern der ganze Mensch; und der Mensch als ein die Summe seiner Bestandteile übersteigendes offenes, instabil-rhythmisches System von Prozessen ist es, der Information nicht einprogrammiert, sondern einverleibt.

Einstein 1947 in einem Brief an Max Born: Immerhin kann ich mich auf logische Elemente berufen, um meine Überzeugungen zu verteidigen; es sei denn mein kleiner Finger, alleiniger und schwacher Zeuge einer zutiefst in meiner Haut verankerten Ansicht.

Robert Oppenheimer: Auf der Straße spielen Kinder, die einige meiner dringlichsten physikalischen Grundprobleme lösen könnten, weil sie über eine Form der Sinneswahrnehmung verfügen, deren ich seit langem verlustig gegangen bin.

Es konnte nicht anders sein, als daß die einer einengenden Verzweckung verfallene Mentalität kategorisch nur Verengungszwänge produzieren und zulassen kann. Konsequenterweise zeichnet sich die Lernanstalt-Architektur (von der Grundschule bis zur Universität, z. B. Dortmund) durch die Anwendung der gleichen Techniken aus, durch die Hühner-, Hähnchen- und Schweinefabriken mittels minuziös dosierter Nährmittelstöße Massenausstoß von Eiern und Fleisch garantieren. Auch die Warenhäuser und Supermärkte entsprechen – nur in der umgekehrten Richtung des Konsums – diesen „Zielvorstellungen“. (Das Wort verrät sich.) Sie heißen: Gradlinige Anpeilung gewünschter Effekte. Ausschaltung aller Störfaktoren. Risikofreie Verfahrenstechnik.

Auf den Bildungsbau angewendet, ergibt sich folgende Praxis. Wir beschreiben dabei tatsächlich Ausgeführtes und objektiv Vorhandenes, das nicht Einzelfall ist, sondern Modell mit inzwischen weltweiter Fortführung. In New York (Harlem) wurde 1966/67 eine Mittelschule in Betrieb genommen für etwa 2000 meist farbige Jugendliche. Das Gebäude ging seiner Zeit als beispielhaft für die Lösung moderner Schulbauprobleme durch die Weltpresse. Unter dem Schlagwort „Fensterlose Schule“. Die Schule liegt im Kreuzungsgebiet mehrerer zwei- und dreidimensional geführter Verkehrsbahnen. Unter einer Glocke pausenlosen Lärms mit Phonstärken weit über dem zumutbaren Pegel und zudem mit einer kaum noch atembaren Sauerstoff- und ionenarmen Gasluft, ganz zu schweigen von dem sozialen Klima Harlems. Diesen Teufel trieb man nun mit dem Beelzebub aus – auf dem Rücken der Kinder, ihrer Eltern und Lehrer (meist Lehrerinnen).

Es liegt in der Konsequenz der Bewußtlosigkeit, mit der der Zweck-Brutalismus operiert, daß sie auf einen groben Klotz einen noch gröberen Keil setzt und Übeln durch Super-Übel begegnet. Die Schule ist ein durch fensterlose Wände von der Außenwelt abeschlossener Bunker aus Beton von kastenhafter Form, der auf Betonstützen ruht. Die unterhalb entstandene ebenerdige Fläche ist mit Magazinen bestückt und zu den umführenden Straßenzügen ringsum vergittert. Einen Schulhof gibt es nicht.

Das Innere des Komplexes empfängt sein Licht durchweg und ausnahmslos für alle Räumlichkeiten (Treppentrakte, Flure, Klassen, Labors, Bibliothek, Gymnastikhallen, Musikräume, Behandlungszimme, Lehrerzimmer, Büros usw.) durch derart dicht an dicht gereihte Leuchtstoffröhren, daß es zu keinerlei Schattenbildung kommt. Lichtmenge: 2500-3000 lux. Vergleichsbild: Lebensmittelsupermarkt im Souterrain der Warenhäuser, Pflanzen sind ebensowenig zu unterhalten wie Aquarien und Terrarien.

Sämtliche Wände sind einheitlich weiß gekachelt und stark spiegelnd, vom Boden bis zur Decke. Die Decke ist wie üblich aus weißen Schallschluck- Plastiktafeln gebildet, mit der Ausschaltung jeglichen „Überschalls“. Die menschlich Stimme hört sich an wie durch Watte gesprochen. Die Böden bestehen einheitlich für den ganzen Bau aus spiegelglatten PVC-Kunststoffplatten. Die Türen sind kunststoffbeschichtet, weißgrau, ebenso sämtliche Tisch- und Pultflächen.

Da es keinen Schulhof gibt, suchen sich die Kinder während der Pausen Bewegung auf den langen gradlinigen Fluren zu verschaffen. Die Lehrer stöhnen über zunehmendes Schulschwänzen, über Unlust, Lernschwäche, Streitsucht, Neurosen, Phobien, Haltungsschäden, Schäden an Augen und – damit zusammenhängend – an Nieren, wachsende Kriminalität, Rauschgiftsucht in allen erdenklichen Formen und Stufen.

Die Lehrkräfte und Bürotätigen nehmen sich von den Schädigungen nicht aus. Bei den Lehrerinnen kommt es zu chronischen Unterleibsbeschwerden. Zeitweise wurde versucht, die Ausfälle durch kostenlose Glutaminverabreichung zu beheben. Natürlich vergeblich.

Nun wäre es ein Wunder, wenn dieses Projekt nicht in Westdeutschland eine Parallel-Entwicklung gefunden hätte. Eine der ersten solcher inzwischen massenhaft sich ausbreitender Schultypen wurde 1970/71 in Neu-Isenburg, Kreis Offenbach, in Betrieb genommen (nach einem monatelangen Streik der Eltern, die sich jedoch mangels Vorbringung fundierter Gegenargumente nicht durchsetzen konnten). Die dortigen Anlage übertrifft das Harlemer Modell durch Einführung weiterer biogenetischer Negativ-Faktoren beträchtlich. Die Anlage ist ebenerdig. Ihre Raumsätze bewegen sich in ein derselben Ebene stufenfrei. Die Belichtung erfolgt ebenfalls durch gereihte Leuchtstoffröhren bei etwa 1200 lux schattenlos. Die Physiologie gestattet maximal 250 lux Kunstlicht.

Die Schule läßt Tageslicht in der Form in die Klassenräume, daß sie vom Boden her bis in Augenhöhe reichende Öffnungen mit farbig abgedämpften Glasflächen wie bei den Panoramafenstern von Touristik-Bussen aufweist. Man hat sich dazu bereitgefunden, um nach ernsten medizinischen Vorhaltungen Phobien bei den eingeschlossenen Kindern vorzubeugen. Man erblickt auf diese Weise den unter Augenhöhe liegenden Teil der Außenwelt wie durch eine Schneebrille. Kein Himmel.

Die stufenfreie Bodenebene ist mit einem für alle Räume einheitlich maisgelben Spannteppich aus Perlon-Verlours ausgelegt. Die Wände bestehen durchweg aus eierschalenweiß beschichteten Aluminiumblechen über den üblichen Isolierschichten. Die Decke: Schallschluckkassetten aus Synthetik. Die Unterrichtsräume sind mittels vom Boden bis zur Decke reichender Glasflächen von den Gängen, der foyerartigen Pausenhalle und anderen Klassenräumen aus einsichtig.

Das Mobiliar – Gestühl und Tische – aus weißem odergrauem Kunststoff. Akustik praktisch bis zur Echolosigkeit abgedämpft. Gleichförmige Auswärmung durch Vollklimatisierung. Als farbiges Element, soweit baugebunden, monochrom behandelte Kunststofftürflächen.

Bei dieser kurz gefaßten Skizze biologischer Fehlregulationen geht es nicht um eine Anklage; es ließe sich allenfalls sagen: „Sie wissen nicht, was sie tun“; und die wissen, was sie damit anrichten, wissen erst recht nicht, was sie tun. Es weiß nur der, was er tut, der sich methodisch der Anerkenntnis der das Innen und das Außen aufhebenden Gesetzlichkeit zuwendet. „Selig der Mann, der weiß, was er tut“, sagte Jesus (nach einem apokryphen Wort), während er einem arbeitenden Bauern zusah. Die Anerkenntnis gibt uns folgende Weisungen.

Bewegungsführung in ein und derselben Ebene

Das Kind lebt nicht in einem zwei-, sondern in einem dreidimensionalen Bewegungsstil. Ein lineares Leben in Zweidimensionalität, zu dem die Schule die Kinder verurteilt, wird bezahlt mit allen Ausfällen, die im Gefolge des Abbruchs der kategorisch raumhaften Entwicklungs-Gestik, die bis mindestens ins siebente Lebensjahr die Ausreifung bedingt (das Kind ist sogar bis an die Grenze der Pubertät noch ein extrauterer Foetus“) eintreten müssen. Die vordergründigsten sind atrophische Bildungen im Skelett-Muskel- System (Haltungsschäden), psychosomatische Ausfalle. Durch ihre Zweidimensionalität übertrifft das Neu-Isenburger Modell als eines von inzwischen zahllosen, die sich heftig weitervermehren, die Harlemer Negativbilanz gravierend. In Harlem konnten die Kinder wenigstens noch die Treppen rauf- und runterlaufen.

Der Boden

Eine unaustauschbare Rezeptorenfläche des vegetativen Nervensystems ist die Fußsohle, besonders für einen noch in der Entwicklung befindlichen Organismus. Alle Kinder laufen deswegen so gerne barfuß, weil die höchst komplexen, auf der Fußsohle lokalisierten Reizzonen dieser Dauermassage bedürfen. Die „Zonentherapie“ des amerikanischen Arztes H. Fitzgerald beruht auf der Wiederentdeckung und Ernstnahme uralter Heilkunde (verwandt mit der auf einen „energetischen Leib“ bezogenen Akupunktur), wonach Druck und Massage spezifischer Punkte an gewissen Zonen der Körperoberfläche eine physiologische Wirkung auf entlegene Binnenorgane und deren Funktion ausüben. Fuß und Fußsohle nehmen in dieser Grenzzonenwirksamkeit des Organismus dadurch einen besonderen Rang ein, daß die Fußsohle das Grenzorgan ist, mit dem der Mensch sich von der Erde durch sein Darübergehen in aufrechter Haltung abhebt. Hier – wenn man so will – beginnt er, Mensch zu sein. Das Ritual der Fußwaschung bedeutet Menschwaschung. Die Lebens- und Erlebensvorgänge verlaufen in inniger Wechselbeziehung zum Fuß. Das gilt spezifisch für die Lernfähigkeit des Kindes. Überhaupt: das Kind lernt nicht durch den Kopf. Sondern entsprechend dem Verhältnis des Zentralnervensystems zum autonomen Nervensystem als dessen Potential und entsprechend der Ausformung des Gehirns in innigstem Wachstumszusammenhang mit dem Herzen und den Händen lernt das Kind durch die Haut (einschließlich der Sinne als Hautorgane) und durch die Raumgestik seines Gliedmaßensystems – „plus“ Kopf.

Konkretere Folgerung: die Fuß-Böden vornehmlich der durch die Öffentliche Hand gebauten Kindwelt sind als dreidimensionale Greifzonen auszubilden. Erforderlich ist eine entsprechende Klimatisierung, Bioklima, Strahlungswärme vom Boden her. Die raumbildende Durchformung des Baukörpers hat ihr dreidimensionales Programm zu erfüllen durch die Anlage von Schwellen, Stufungen und Treppentrakten, diese nicht nur als Verkehrsfaktoren und Feuerleitern, sondern als Treppen-Häuser, amphitheatrisch mit Sitzmöglichkeiten auf Stufen.

Perlon-Velours nach dem Typ Neu-Isenburg als Bodenbespannung, noch dazu weich unterfüttert, ist absolut ruinös. Ein Problem für sich sind die elektrostatischen Verhältnisse.

Die Wände

Die Wand erfüllt ihre biogenetisch bestimmte Funktion, mittels Raumgliederung Raum erzeugen, nicht dadurch, daß sie als Trennelement Flächen nach einem Effektivitätsschema rastert, noch dazu „variabel“. Sondern dadurch, daß sie in der Funktion einer Grenze, die wir uns methodisch zur Erfahrung brachten, Raumfolgen nicht trotz, sondern kraft und vermöge der Verschiedenheit ihrer Leistungsansprüche zu einem Leistungsganzen vereint, und daß sie nicht trotz, sondern vermöge dessen, daß sie unbeweglich und unverändert an ihrem Grundrißort verharrt, als eine bewegende und verwandelnde Energie wirksam wird.

Dieses Ergebnis wird im Rahmen der vorbestimmten Beanspruchung durch die Erfüllung von drei Bedingungen erreicht: Durch biorhythmische Proportionierung der Räume mittels Moduln. Durch die Behandlung der Wände als Körper mit Konstuktionsprinzipien, in denen sich ersichtlich körperbildende Verfahren spiegeln. Gemacht von Menschen, die „Gewißheit über ihr inneres Wesen dadurch erlangen, daß sie das äußere Wesen als ihresgleichen, als gesetzlich anerkennen“ (Goethe). Für sie ist es kein Können, sondern ein Sein; nicht Leistung, sondern Verfassung. Die Behandlung der Wände als strukturlose Trennflächen entzieht den Sinnesverrichtungsorganen des Sehens, Hörens, Tastens und dem Gleichgewichtssinn die Bedingung entsprechend der körperhaften Verfassung der Wände körpergemäße Prozesse zu vollziehen.

Schattenlose Helligkeit durch Leuchtstoffröhren

Im physiologischen Bereich ist konstante Helligkeit nicht identisch mit Licht. Organologisches Licht ist ein räumlich bewegtes, instabiles Hell-Dunkel-Gefälle. Prozesse bedürfen konstitutiv der Hausforderung durch sich verändernde Zustandsunterschiede. Der Sehprozeß ist sowohl ein ganzheitlicher als auch signifikant ein ganzpersonaler. Totalaushellung ist Dauerschädigung des Organismus und der Personalität. Im juristischen Sinne ist sie Körperverletzung.

Akustik

Analoges gilt für die Echolosigkeit. Das Gehör benötigt entsprechend der physikalischen Vorgänge im Innenohr Reflexion der Schallwellen.

Klimatisierung

Gleichförmige Auswärmung des Luftraumes oder thermische Konstanz (sofern sie klimatechnisch angesteuert wird) ist dem Organismus als einem thermoelektrischen Gewebemosaik absolut zuwider. Der Organismus - besonders des Kindes - braucht ein wohlproportioniertes, veränderliches Warm-Kühl-Gefälle: Strahlungswärme von 23° C zu einer Luftkühle von 16° C. Zum Vergleich für die Wirkweise dieses Gefälles denke man daran, als wie wohltuend im Hochgebirge Temperaturen von minus-Graden vereint mit Sonnenstrahlung empfunden werden. Der Baukörper Wie die methodisch erwirkte Erfahrung von der Grenze als einem Austausch-Organ lehrt, benötigen Bauten, die wie die Bildungsstätten vom Kindergarten bis zur Universität menschliches Leben hegen und Entwicklung fördern sollen eine Hüllzone, die als architektonisches Element des Baukörpers selbst aufzufassen ist. Zu realisieren durch „Überdachungen, Bogengänge, Säulengalerien, Kreuzgänge, Vorhöfe, Innenhöfe, Pergolen und gestufte Um- und Zugänge“.

Die angeführten Entgegnungen zu den sieben besonder hervorstechenden Fehlregulationen, die in letzter Konsequenz aus Schulen statt Erfahrungsräume Entlebungsanstalten machen, beziehen sich in erster Linie auf deren Verursacher: eine Pädagogik auf dem Rücken eines durch Blockierung aller Organprozesse, die nicht in direkter Beziehung zur Begrifflichkeit des Lernstoffes stehen, in seiner Ausreifung gestoppten Kindes. Des Kindes, des im eigentlichen Sinn konkreten und nicht erspekulierten Regenerationspols der Gattung Mensch. Was ist zu tun? Das Getane ist zu tun; das Geschehende zu leisten.

Kein Organ legt sich an zwecks einer später zu erfüllenden Funktion. Organe entstehen nicht für, sondern durch Funktionen. Funktionen, die ihrerseits hervorgehen aus Wachstumszwängen ..., gewissermaßen als Antwort auf solche Herausforderung. Wie denn überhaupt – entgegen landläufiger Auffassung – die Ausgliederung des Organismus nicht eine – im Steuer eines genetischen Programms – von innen nach außen drängende ist, sondern ein durch Wachstumsreize mobilisiertes passives Potential. Das Adernetz entsteht nicht etwa als Röhrensystem zwecks Kanalisierung des Blutstroms, sondern durch und als das Bahnnetz strömenden Blutes. Die Hände entstehen nicht zum Zweck späteren, nachgeburtlichen Greifens und Formens, sondern sie entstehen bei einem Keimling von drei Wochen und zweieinhalb Millimeter Größe als gestische Bewegungsglieder im Wirkzusammenhang mit der Entwicklungsgestik des Organismus. Die Hände entstehen als das, was sie nach der Geburt fortsetzen: als gestaltende Organe. Nur, daß vor der Geburt die eigene Leibwerdung der Gegenstand des Formens ist. Die Fortführung dieses mit und durch uns als Embryonen vonstatten gegangenen Geschehens und Verrichtens wäre der Verhaltensstil, mit dem wir der Welt, in die wir hineingeboren wurden, zu begegnen hätten, um ihr so zu begegnen, wie sie uns begegnet. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Goethe tat es, als er in der Pflanze die ihn und diese aufhebende Urplanze entdeckte (gewissermaßen in Erfüllung einer von der Natur gehegten Erwartung) und diese Entdeckung folgerichtig mit den Worten verkündete: „Die Natur selbst muß mich um sie beneiden.“ Oder, hinsichtlich seiner Farbenlehre: „Von den Farben weiß auch Gott nicht mehr als ich.“

Die zur Zellvermehrung führende Zell-Symmetrisierung geht so vor sich, daß der Kern im Zellinneren nach entgegengesetzten Richtungen auseinandertritt, während gleichzeitig auf der Zellhaut Energieströme einsetzen, die von den äußeren beiden Enden des Zellkörpers her nach desse Mitte zudrängen und damit die Ein- und Abschnürung verursachen, mit der aus der einen Zelle zwei werden. Je mehr im Inneren der Zellkern sich von sich selbst distanziert bis zur Bildung von zwei Kernen, desto mehr nimmt die einschnürende Rückbewegung an der Außenhaut zur Mitte hin zu. Der Selbst-Distanzierung entspricht die Selbst-Induktion im Je-desto- Verhältnis der Pendelschwingung. In der distanzierenden „Steigebahn“ steht der Zellkern sich selbst als einem Objekt gegenüber. In der „Fallbahn“ (der Induktion) geht er auf sich zu.

Dieses Aus-sichheraus und Aus-sich-zu findet seine Aufhebung in dem – gewissermaßen dritten – Zustand, in dem die Einzell-Einheit als Einheit von zwei Zellen auftritt. Auf die Weise des Pendelschlags von Selbstobjektivierung und Selbstinduzierung erfüllt sich das Gesetz des Stirb und Werde. Nur dadurch, daß ich mich selbst wie von fern her als eine Außenwelt behandele, oder anders gesagt: indem ich mich selbstwerkzeuglich, methodisch, zu dem mache, der ich bin, wird die Außenwelt mir zur Innenwelt. Derart, daß die beiden gegenläufigen Wirkrichtungen sich aufheben zu einer neuen, sie übersteigenden Wirklichkeit. Wie im Falle Goethe er selbst und die Pflanze sich aufgehoben finden in der Urpflanze.

Die Urpflanze ist etwas anderes als ein hypothetisch angenommenes morphologisches Muster und auch etwas anderes als „unwandelbare Urbilder“ (wie man sie, wahrscheinlich mißverstehend, Plato zuschreibt). Die Urpflanze ist ein evolutionäres, Mensch und Pflanze in gleichem Maß und Umfang betreffendes Ereignis. Damit erst ist sie das, was Goethe als „Urphänomen“ bezeichnet; und dessen Eigenschaft, als Erscheinung und nichts als Erscheinung sich selbst auszusprechen, ist identisch damit, daß in ihm Subjekt und Objekt als in einer neuen Wirklichkeit aufgehoben sind.

Wir waren als Kinder immer auf den Augenblick gespannt, wenn nach dem Baden das Badewasser abläuft: da erblickten wir einen gurgelnden saugenden Strudel. Die Erscheinung des Strudels ist deshalb ein „Urphänomen“, weil seine spiralige Bewegung, die eine Himmel und Erde, Mensch und Natur umfassend gesetzliche ist (vom Atom zum Stern, vom Embryo bis zu den Lebensäußerungen nach der Geburt) als genetisch primäres Bezugsmuster im Nervengewebe substantiell verankert ist. Gleiches gilt für die Symmetrie und gleiches gilt für das Funktionsprinzip der Wahrnehmungsvorgänge, wie sie uns eingangs durch selbstwerkzeugliche Methodenschritte zu Erfahrung und Bewußtsein kamen.

Einer Pädagogik, deren Prinzip der Umgang mit Elementarvorgängen ist, deren einer Gegenstand die „innere Natur“ in Form der eigenen Organik ist, deren anderer die „äußere Natur“ in Form physikalischer und biologischer Vorgänge, entspricht eine Architektur, deren Subjekt – und nicht Objekt wie bis auf den heutigen Tag – der kindliche Organismus ist mit dem ganzen Bedingungsgefüge seiner Prozesse. Das Bauprinzip einer derart elementaren Architektur ist, da es beide Bereiche umfaßt, der unmittelbaren, weil entwicklungsgeschichtlich begründeten, Wirkkraft der Urphänomene zugeordnet. Den Kindern und Jugendlichen ist die Gesetzlichkeit des eigenen Organismus dadurch zu Bewußtsein zu bringen, daß sie als übereinstimmend mit der Gesetzlichkeit der äußeren Natur erfahren wird. Damit erfährt das Wissen oder die Kennerschaft von Naturdingen den Dimensionssprung, den man mit Martin Wagenschein das Verstehen nennen sollte. Wagenschein ist es zu danken, die Weiterentwicklung des Wissens von Naturdingen zu deren Verstehen oder, anders gewertet, die Rückbindung dieses Wissen auf das – in der eigenen Genese begründete – Verstehen als didaktische Methode entwickelt zu haben. In der Beherrschung der Natur auf der Basis des Wissens haben wir es mörderisch weit gebracht. Worauf es ankäme, wäre, gemäß der Leistung des sich symmetrisch objetivierenden Zellkerns, die Beherrschung der Beherrschung. Das Verstehen der Naturgesetze ist der einzige Schlüssel zur Beherrschung ihrer Beherrschung. (...)

Aus: Scheidewege. Vierteljahresschrift für skeptisches Denken. Jahrgang 4, 1974.

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