ARCH+ 174

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 174,
Seite(n) 12

ARCH+ 174

Design: Ein Essentialist – Nachruf auf Maarten van Severen

Von Remmele, Mathias

Am 21. Februar 2005 verstarb der belgische Designer und Innenarchitekt Maarten van Severen im Alter von nur 48 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Einer Familie von Künstlern entstammend, zählte van Severen zu den eigenwilligsten Figuren der internationalen Designszene. Oft quer zu den Zeitströmungen stehend, den materiellen Erfolg, der ihm erst in den letzten Jahren zuteil wurde, wenig achtend, verfolgte Maarten van Severen mit außergewöhnlicher Konsequenz einen Weg, der sich markant von den heute üblichen Designerkarrieren unterschied. Seine Möbel und seine innenarchitektonischen Arbeiten, unter denen vor allem die in Zusammenarbeit mit Rem Koolhaas realisierten Projekte internationale Beachtung fanden, zeugen von Erfindungsgabe, Originalität und Radikalität. Sie sind aber zugleich von einer meisterlichen, ja klassischen Reife, die ihresgleichen sucht. Dieses Paradox erklärt sich durch die Sorgfalt, mit der van Severen seine Ideen entwickelte. Sein Schaffen ist geprägt von der intensiven Beschäftigung mit elementaren Möbeltypen wie Stuhl, Tisch, Liege, Regal und Schrank, für die er wiederum elementare Lösungen entwickelte. Ansporn und Anregung dafür fand er unter anderem in der Designgeschichte, in der fruchtbaren Auseinandersetzung mit den Werken von Jean Prouvé, Le Corbusier, Charlotte Perriand, Mies van der Rohe, Marcel Breuer, Gerrit Rietveld und Willy Guhl. Seine Arbeiten basieren stets auf einer umfassenden gestalterischen Recherche. Im Mittelpunkt standen dabei Fragen der Form, des Materials und der Konstruktion. In jüngerer Zeit galt sein Interesse auch dem Thema Farbe.

Handwerkliche Herkunft

Maarten van Severen, der am 5. Juni 1956 in Antwerpen geboren wurde, entstammte einer Familie von Künstlern und Kunsthandwerkern. In den 70er Jahren absolvierte er zunächst ein Architekturstudium an der Kunstakademie in Gent, ehe er sich zu einer Karriere als Designer entschloß. Nach Beschäftigungen in verschiedenen Designstudios gründete er 1987 seine eigene Werkstatt in Gent. Hier machte er sich als Entwerfer und Hersteller von in Kleinserien produzierten Möbeln einen Namen, dessen Reichweite man nicht überschätzen darf. Die Einheit von Gestaltung und Produktion, die es in dieser Form wohl seit Prouvé nicht mehr gegeben hat, war eine wesentliche Basis für seine Arbeit. Denn wie für Prouvé war auch für ihn das Experimentieren in der Werkstatt, die physische Auseinandersetzung mit dem Material, Teil der Entwurfsmethode. Die eigenhändige handwerkliche Umsetzung der zuerst in Skizzenform festgehaltenen Idee galt ihm nicht nur als Nagelprobe für deren Tauglichkeit, sondern bot auch die Kontrolle über den Produktionsprozeß.

Die 1996 beginnende Zusammenarbeit mit Vitra markierte eine Zäsur in seiner Karriere. Sie ermöglichte ihm den Gebrauch neuer Materialien beziehungsweise Produktionstechniken und sie eröffnete ihm eine bis dahin nicht gekannte Breitenwirkung. Die erste und wichtigste Frucht der Kooperation mit Vitra war der Stuhl .03, den man als Übersetzung seines Chair No. II in ein Industrieprodukt lesen kann. Unter Beibehaltung seiner zeichenhaft schlichten Form entstand durch die Nutzung von Integralschaum für Sitzfläche und Rückenlehne einer der innovativsten Stuhlentwürfe der letzten Dekade. Der .03, der sich auch in kommerzieller Hinsicht als großer Erfolg entpuppte, brachte van Severen den internationalen Durchbruch. In den vergangenen Jahren hat er mit Edra, Kartell und Alessi zwar weitere industrielle Partner gefunden, doch das Verhältnis zu Vitra blieb von besonderer Intensität.

Kooperation mit Koolhaas

Parallel zu seinem Möbeldesign widmete sich van Severen immer wieder innenarchitektonischen Aufgaben. Besonders prominent sind in diesem Kontext neben den Arbeiten im Museum für zeitgenössische Kunst (SMAK) in Gent (1999) und im Van Abbeemuseum in den Niederlanden (2003) die mit Rem Koolhaas/OMA realisierten Projekte – zuletzt etwa die Bestuhlung für die Konzerthalle in Porto oder die Möblierung der im vergangenen Jahr eröffneten Seattle Public Library, für die er eigens ein neues Regalsystem entwickelte.

Der unbestrittene Höhepunkt in der kongenialen Kollaboration von Koolhaas und van Severen ist aber das 1998 fertiggestellte Maison Floriac bei Bordeaux, das für einen Rollstuhlfahrer konzipiert war. Hier gelangen van Severen so viele überzeugende, ja beglückende gestalterische Lösungen, daß ihm schon dafür ein Platz in der Designgeschichte gewiß wäre. Erwähnt seien nur die Hebebühne, mit deren Hilfe sich der Hausherr durch das Gebäude bewegt, die spektakuläre, über drei Stockwerke reichende, transluzente Bibliothekswand, das Badezimmer mit seinem aus mattiertem Plexiglas gefertigten Waschtisch und die Küche mit dem in einen Betonwinkel eingelassenen Herd.

Freundlicher Minimalismus

Angesichts der formalen Strenge und des Purismus, die vielen seiner Entwürfe eigen sind, hat man die Arbeit van Severens oft als minimalistisch etikettiert. Die kühle Perfektion etwa seiner Aluminiumregale, die einen Vergleich mit den Objekten von Donald Judd nahelegen, hat dem natürlich Vorschub geleistet. Der Minimalismus als Form hat ihn freilich nicht interessiert. Sein Minimalismus ist das Ergebnis eines langen Designprozesses, der auf das Wesentliche zielt, der Reichtum nicht im Überfluß, sondern in der Konzentration und Beschränkung sucht. Van Severens Design ist nicht gefällig, es erobert die Herzen nicht im Sturm. Es fordert Beschäftigung, es will entdeckt werden. Dann offenbart es hinter seiner herben, bisweilen spröden Anmutung Wärme und Beseeltheit. Bedingt durch seinen frühen Tod hinterläßt Maarten van Severen ein vergleichsweise schmales Œuvre. Aber alles, was sein Studio als fertiger Entwurf verließ, war wirklich fertig. Seine Arbeiten sind ausgereift, rund und auf den Punkt gebracht. Sie ruhen in sich. Sie besitzen einen starken Charakter. Sie werden Bestand haben.

Dieser Text ist ursprünglich erschienen in Design Report 5/2005.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!