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ARCH+ 175


Erschienen in ARCH+ 175,
Seite(n) 28-31

ARCH+ 175

Europa als dramaturgisches Phänomen

Von Sloterdijk, Peter

Nicht: Wer gehört aufgrund welcher Kriterien und Traditionen zu einem “eigentlichen” Europa, muß die Frage lauten, sondern: Welche Szenen spielen die Europäer in ihren historisch entscheidenden Momenten? Welches sind ihre bewegenden Ideen oder aktivierenden Illusionen? Europa ist einer von den Gegenständen, die man philosophisch wie mythologisch weit herholen kann und weit herholen muß. Und zwar nicht von der üblichen Abholstelle, wo Europa-Rhetoren üblicherweise andocken. Wir beginnen unsere Geschichte diesmal nicht auf dem Rücken eines Stiers, nicht mit einer Jungfrau gleichen Namens, die sich aufgrund undurchschaubarer, abwegig erotischer Komplexe von einem kretischen Vitalitätsungeheuer abtransportieren läßt. Nach meiner Überzeugung führt der kretische Pfad nicht wirklich dorthin, wo wir heute stehen, er erschließt nicht die richtige Abholstelle für einen fruchtbaren Diskurs über diesen Kontinent und seine geschichtemachenden Spannungen. Um Europa weit und richtig herzuholen – dazu muß man nach meiner Überzeugung auf eine andere Stelle in unserem mythologischen Korpus zurückgehen, zu einer Urszene, die Vergil in seiner Aeneis beschrieben hat. Es handelt sich um einen wahrhaftigen locus classicus, der vielen vertraut sein wird. Theodor Haecker hat in einem bekannten Buch anfangs der 1930er Jahre die früher weitverbreitete Meinung zum Ausdruck gebracht, man habe in Vergil den eigentlichen Vater Europas zu sehen – zu jener Zeit zog man es aus ideologischen Gründen vor, Abendland statt Europa zu sagen (daher der Titel des Buchs Vergil, Vater des Abendlandes). Vergil wurde zum Erfinder Europas, als er den Römern ein Textbuch schrieb, das ihnen helfen sollte, ihren beispiellosen politischen und militärischen Erfolg besser zu verstehen. Ich meine, noch heute kann man das von ferne nachvollziehen, wenn man das US-amerikanische Beispiel danebenlegt. Die Römer der Augustuszeit standen im Grunde fassungslos vor ihrer eigenen Stellung in der Welt. Sie sahen sich außerstande anzugeben, wozu sie diese einzigartige Macht akkumuliert hatten. In dieser Lage setzte Vergil einen neuen Akzent, indem er seinen Landsleuten erklärte, wozu es Römer gibt und welche Rolle sie im großen Ganzen zu spielen haben. Vor allem schrieb er diese Deutung seinem Freund und Herren Oktavianus Augustus ins Stammbuch, doch auch nach Augustus mußten alle Erben der römischen Macht das vergilische Drehbuch memorieren. Doch man täusche sich nicht: Bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurden Europas Gymnasiasten dazu erzogen, das in der Aeneis aufgestellte Programm zu verinnerlichen...

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