ARCH+ 176/177

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Erschienen in ARCH+ 176/177,
Seite(n) 6-7

ARCH+ 176/177

Kriminogene Architektur

Von Kroll, Lucien

Kommentar zu den Unruhen in den französischen Vororten

Die Moderne in Architektur und Städtebau wurde oft als abstrakt und akulturell angeprangert, selten jedoch vor dem Hintergrund ihrer gelebten Konsequenzen. Wiederholt äußerten Architekten, daß gewisse Katastrophen das Ende der Moderne besiegelt hätten, leider ohne ihrer Kritik mögliche Schlußfolgerungen oder Lösungsvorschläge hinzuzufügen, die aus dem Verhängnis der Moderne herausführen könnten. Zunächst, wie sollen wir es nennen? Die Wahl einer passenden Bezeichnung fällt nur denen leicht, die sozusagen schon Bescheid wissen, die anderen begreifen nicht oder wollen nicht begreifen. Mangels besserer Alternativen fahren wir fort, es modern, modernistisch, spätmodern oder entgegengesetzt postmodern zu nennen, im rein zeitlichen Sinn, denn wenn es dieses Wort gibt, muß ihm der Begriff modern vorausgegangen sein, und man setzt logischerweise dessen Verschwinden voraus.

Anzeichen des Desasters

Ich möchte zwei wesentliche Anzeichen nennen, die einen Bruch ankündigten. Es war 1972, in St. Louis, Missouri, USA: Man baute sozialen Wohnraum im Zuge der großen Bewegung der 60er Jahre im Stile jener sträflichen Kasernenarchitektur. Als der Bau zur Hälfte fertig war, quartierte man dort die armen Amerikaner ein: Schwarze, Puertorikaner, Indianer etc. Sie verwüsteten die Anlage sofort dermaßen, daß man sie in die zweite Hälfte umsiedeln mußte, die inzwischen fertig war. Bald waren auch diese Gebäude zerstört. Die Amerikaner warfen alle Bewohner hinaus und rissen die halbe Million Quadratmeter ab, angefangen mit einer Implosion: Man erprobte hier erstmals eine neue Sprengtechnik. Das Bild des Gebäudes, das autistisch zu einer unförmigen, tragischen Masse zusammensackt, ging um die Welt. Die anderen Gebäuderiegel wurden von Hand abgerissen, menschlicher: Ein Henker ist brüderlicher als eine Maschine. Es war bereits eine unbewußte Vorwegnahme des 11. Septembers … Damals war dort eine Art von Scham zu spüren: Man machte einen Bogen um das Grundstück, um nichts zu sehen. Für einige war es diese soziale Abrißaktion, die das Ende der Moderne determinierte. Von nun an war nichts mehr in Unschuld modern.

Das zweite Anzeichen stellt Il Corviale dar, jener ein Kilometer lange Sozialwohnbau in einem Vorort von Rom. Man begann mit seinem Bau 1972, im selben Jahr, in dem Pruitt-Igoe in St. Louis abgerissen wurde. Er wurde zu einer Pilgerstätte für moderne Architekten, die in ihm das triumphale Modell italienischer Sozialarchitektur sahen. Mario Fiorentini, Autor des Projekts, war ein sehr guter Architekt, doch er hatte sich in der Epoche geirrt. Zunächst ordnete er die vier Gebäuderiegel à 240 Meter Länge im 90°-Winkel zueinander an, um das direkte Gegenüber zu vermeiden, jedoch vor allem, um ein imposanteres Bild zu erzeugen: Enttäuschung! Es reichte nicht einmal zum Kilometer, es waren nur 958 Meter. Es gibt dort gut geplante Innenräume à la Piranesi (und seinen Gefängnissen), hübsche zenitale Lichtschächte. Im Erdgeschoß verläuft eine Rue intérieur: Sie diente als Motorradrennstrecke. Aufgrund der Vorteile hinsichtlich Qualität, termingerechter Ausführung, rationaler Schönheit und Baukosten hatte man sich für die industrielle Vorfertigung entschieden. Die Wirklichkeit sah weniger rosig aus. Die Mieter mußten in eine Baustelle einziehen und Wände, Fenster und Türen, Sanitäranlagen etc. selbst fertigstellen. Eine ursprünglich für kommerzielle Zwecke vorgesehene Etage wurde von Familien besetzt, die sich den Strom aus den Treppenhäusern und Wasser aus dem öffentlichen Netz holten. Es ist amüsant zu sehen, daß eines der Geschosse komplett mit gebrauchten, unterschiedlichsten Fenstern ausgestattet ist. Natürlich weigerten sich die Mieter, die die Bauarbeiten selbst ausgeführt hatten, Miete zu bezahlen, ebenso die Besetzer. Ich habe gehört, daß insgesamt 15 % der Bewohner Miete an den Besitzer entrichten: Die anderen verhandeln mit der lokalen Mafia. Wirtschaftlich gesehen weiß man, daß die Vorfertigung teuerer war als die konventionelle Bauweise, die Verzögerungen sich nachteilig auswirkten und die Mieten ausblieben: eine wahre Pleite. Am 14. Dezember 2001 wurde an der römischen Universität La Sapienza offiziell der Tod der rationalistischen italienischen Architektur ausgerufen. Dieselbe Universität, deren Dozentenschaft ich Jahre zuvor gegen mich aufbrachte, als ich mich über den Kilometer lustig machte, organisierte nun einen Kongreß mit dem Untertitel “Muß die Corviale abgerissen werden?” Ich war der einzige, der antwortete: “Nein: Es gibt dort Bewohner, mit deren Partizipation man etwas erreichen könnte.”

Die dritte Katastrophe ist eklatanter und insofern kein Vorzeichen mehr, sondern das Desaster, das die beiden ersten angekündigt haben: Die Unruhen in den Banlieus und die Brandanschläge, die vom 27. Oktober bis zum 17. November 2005 in Clichy-sous-Bois stattfanden, wo wir mit engagierten Bewohnern an einem städtebaulichen Projekt gearbeitet hatten. Jeder brüstet sich, die Wurzeln der Gewaltakte zu kennen, die sich gegen Symbole wie Autos, Schulen und öffentliche Verwaltung richten und von Jugendlichen ohne kriminelle Vorgeschichte begangen werden: symbolische Handlungen? Das gewalttätige Schicksal liegt in der Moderne selbst begründet und wurde doch nie von ihren Kritikern beleuchtet: Jedesmal waren die Anzeichen zu schwach, um das Verhalten der Profession in andere Bahnen zu lenken. Bestenfalls attestierte man ein ästhetisches oder berufsständisches Problem, auch jetzt will niemand den gewalterzeugenden Charakter der modernen Architektur anerkennen. Natürlich ist sie nicht der alleinige Grund, doch einer der Auslöser. Niemand weist darauf hin, daß nichts Vergleichbares in den Nachbarvierteln der Grands Ensembles passiert, obwohl das soziale Elend dort dasselbe ist. Sie sind nur gewöhnlicher und ein bißchen weniger übersichtlich. Die Demonstranten wählen ihre Ziele konfus und irrational, wenn man unseren althergebrachten Verständnismechanismen glaubt: Sie zerstören Schulen, Kindergärten, öffentliche Gebäude, Autos. Es sind ihre eigenen, nicht die in den Reichenviertel, wo man einen Racheakt verstanden hätte. Während der Unabhängigkeitsrevolten von Kinshasa sah man die Schwarzen ebenso Schulen, Kindergärten und soziale Einrichtungen anzünden, die die ihren geworden waren. Dies dem Konto von Rassismus oder Religion zuzurechnen, wäre naiv.

Die Motive

Es ist den Kritikern nicht gelungen, sich die Verantwortlichkeit der Moderne vor Augen zu führen: Ihr Architekturverständnis bildete sich in den Jahren um 1930 oder 1960, manchmal 1990. Sie betrachten die Moderne als vernünftiges, unschuldiges Projekt, das bisher nur leider unvollendet geblieben ist (ansonsten wäre alles bei bester Ordnung), ohne den städtebaulichen Rückschritt zu sehen, den sie bedeutet. Die moderne Bewegung in der Architektur entsprang dem Versuch, die industriellen Rationalisierungen des 19. Jahrhunderts zu imitieren. Nach dem Vorbild der Wissenschaft begann sie, Analysemethoden anzuwenden und wies althergebrachtes, ganzheitliches Wissen ängstlich zurück. Durch diese Anleihen bei der Technik wurde die Architektur zur Maschine, ein kaltes, skalpiertes Objekt, losgelöst von ihrer Vergangenheit, ihrer Kultur und der körperlichen Intelligenz, die der Vereinigung von Kalkül und Intuition entsprang. Während die Architekten noch dem Aberglauben der Moderne anhängen, geben Philosophen wie Peter Sloterdijk den Verlust dieser Universalität inzwischen zu. Diese kritische Annäherung ist ein Verdienst der Postmoderne, die eine neue Aktionsfreiheit eröffnet: Man kann seitdem machen, was man will, sogar gute Architektur.

Die Projekte der Moderne jenseits jeden Maßstabs unterhöhlen die Zivilisation. Ihre negativen Auswirkungen, angefangen bei sterilen Raumdefinitionen bis hin zu Korruption, den Folgen der Kolonialisierung und der Auto-Kolonialisierung, unter dem Deckmäntelchen humanitärer Einsätze, werden längst anerkannt und Demonstranten lehnen sich friedlich gegen sie auf.

Der Universalismus oder die Globalisierung (der International Style des CIAM z.B.) war ebenfalls ein Auto-Kolonialismus (oft unschuldig und wohltätig), ein Ethnozentrismus gestützt auf eine schiefe Argumentation und die Vernunft der Architektur. Sie wurde bald die Architektur der Macht, auch wenn ihre Akteure zu den brillantesten zählten: Die Gründe sitzen tiefer … Von Max Weber bis Pierre Bourdieu hat man gesehen, daß Kunst und Architektur Mittel zu Herrschaft und sozialem Aufstieg waren. Man hat jedoch kaum untersucht, wie die Architektur, die endlose Vorfertigung zum Instrument einer wohlkalkulierten sozialen Degradierung wurde, die die Bewohner des sozialen Wohnungsbaus in eine Art von Sträflingskleidung gesteckt hat.

Der Moment ist gekommen, die “Lust an der Uniform” anzusprechen, die im zivilen und privaten Leben zu beobachten ist. Sie wird von der vulgären Zurschaustellung der Machtinsignien begleitet: Manche südamerikanischen Generäle oder vor Medaillien rasselnden Russen scheinen einem Tintin & Milou-Comic entsprungen zu sein. Man denke an die seltsame Episode der Machtübernahme der Union Minière im kolonialistischen Kongo: Ein Funktionär hatte Tausende von Pullovern für die armen, frierenden Schwarzen produzieren lassen: ohne Ärmel, dreckig-braun und viel zu klein: Man sollte sie schon von weitem erkennen, “unsere” Armen.

Im Mittelalter waren die Leibeigenen gezwungen, Name, Farbe und Wappen ihres Lehnsherrn zu tragen. Doch durch was für einen Irrtum findet sich der soziale Wohnbau in solch demonstrativen Kastensymbolen wieder? Genau wie der Karl-Marx-Hof in Wien in großen Buchstaben den Hinweis “Eigentum der Stadt Wien” trägt, brandmarken die Cowboys ihr Vieh. Für die Postbeamten, die Kaminkehrer, die Gerichtsvollzieher würde eine Kopfbedeckung alleine auch genügen. Selbst die Polizisten, die ihre Uniform sogar am Schreibtisch tragen, kleiden sich nach Dienstschluß bürgerlich. Die einzigen, die nach Feierabend uniformiert bleiben, sind die sozial Schwachen. Sie sind an ihren einförmigen Behausungen schon von weitem zu erkennen. Sind die Unruhen nicht teilweise eine instinktive Befreiung von diesem Bild? Jeder weiß, daß es viel gesünder ist, soziale Wohnbauten im Stadtgebiet zu verteilen, sie von dieser Uniformität zu befreien, die sie gettoisiert.

Viele weitsichtige Architekten spüren all dies zwar, ignorieren jedoch die Tatsache, daß das Thema nur in den eigenen Reihen aufkommt: Sogar die Kammer, Hüter ihrer moralischen Verantwortlichkeit gegenüber der Gesellschaft, schweigt sich aus. Die Architekturphilosophen flüchten sich in Utopie und moralische Bequemlichkeit. Im Fall der französischen Unruhen legen die Politiker die Verantwortlichkeiten nicht ausführlich dar, sie schicken die Armee und verhängen Ausgangssperre, was ohne Zweifel im Notfall unverzichtbar ist. Man muß dennoch den legitimen Anspruch anerkennen und nicht von Unterdrückung sprechen, sondern von Maßnahmen eines kränkelnden Staats: Ja, zur Ausgangssperre, wenn sie den Katalysator darstellt, der unverzüglich klärende Debatten in Gang setzt.

Was tun die Architekten?

Einige beschäftigen sich mit der Ökologie des Menschen, versuchen, Risse zu flicken, lehnen die Machtsysteme ab und suchen den kleinen Maßstab, das Soziale. Dennoch, wenn auch viele Architekten gegen die Standardisierung waren, fanden nur wenige Mittel, sie zu vermeiden, sie durch einen anderen, emphatischeren Entwurf zu ersetzen. Wenngleich natürlich der Architekt nicht der Schuldige ist, ist es die verbrecherische Architektur umso mehr. Sie müßte ihre Homogenität durch ein Konglomerat solidarischer und doch unabhängiger Einzelteile ersetzen, die sich vereinigen, ohne ihre Verschiedenartigkeit zu verlieren. Wenn sie aufhörte, kalte Mechanik und funktionales Werkzeug zu sein, müßten sich all ihre Bestandteile in warmherzigen Respekt, in Vermittler zwischen Menschen und Dingen und in sorgsamen Umgang mit dem Kontext wandeln. Die Arbeit der Bauarbeiter würde zur humanitären Hilfe, einer stummen Aktion für die Begegnung, und niemals zur Ware. Das ist zeitgenössische Kunst. In der Mémé (UCL Brüssel) zeigten die Maurer, denen wir die Entscheidung über die Mischung von Steinen und Bindern selbst überlassen hatten, ihren Familien die Arbeit der Woche.

Einige noch moderne Architekten sehen die Ökologie lediglich als weiteres funktionelles Programm, ohne ihr Verhältnis zu ihrem Handeln und ihren Klienten (im Sinne von Carl Rogers) zu ändern. Sie tun nichts weiter, als die Lösung eines Problems zu berechnen. (GPS, H. Simon, er schon wieder …) Sie können die Ökologie gar nicht erreichen, da sie diese ihres Sinnes beraubt haben. Ihre Aktion wird zur Ware und ihr Klient zum Käufer. So sind die Rollen verteilt und definieren die Form ihrer Architektur. Dies ist genau das Gegenteil der Partizipation! Eine gefühlte Notwendigkeit muß an die Stelle der einfachen Arbeit treten. Es geht hier jedoch nicht um Moralaposteltum, sondern darum, den Klienten als eine Person anzusehen, die man respektiert. Diese Art der Beziehung verändert Sinn, Form und Bild der Architektur und läßt die Moderne im Guten hinter sich.

Le Monde, 5. Dezember 2005

Ich habe mich gefreut, daß man schließlich in der Presse doch noch die Verantwortung der Architekturen behandelt. In einem Artikel von Grégoire Allix mit dem Titel “Die verfehlte Utopie der Schlafstädte” in  Le Monde, 5. Dezember 2005, geht es um den “Prozeß der Grands Ensembles, ausgelöst durch die städtischen Unruhen”. Die offizielle Fassung von Geburt, Jugend, Veränderung und Altersschwäche dieser Modelle liest sich schön, ist aber nichts Neues: Das ist der oberflächliche Diskurs aller derzeitigen Partner der construction de la ville. Man spricht von Utopie, ohne die Heuchelei der Leute zu erwähnen, die sich in sie flüchten: Es gibt keinen unmenschlicheren und zerstörerischeren Gegenstand als die Visionen Platons, de Mores, Piccolominis, Albertis, Hilbersheimers, Le Corbusiers, Toni Garniers etc., um nur die intelligentesten und zugleich die korrosivsten und unwirtlichsten anzuführen. Es sind bestenfalls pädagogische Maßnahmen, die die Absurdität dieser gefühllosen Haltung verraten, die niemals zur Realisierung bestimmt war: tragisch. Man sollte die Gründe dieser Krankheit nennen! Stellen wir jedoch nicht die “schuldigen” Architekten bloß, um ihnen einen intelligenten, aber kurzsichtigen Diskurs zu entreißen, und erinnern wir auch nicht an die Freibeuter des Massenwohnungsbaus! Auch wenn man überrascht ist, Jean Dubuisson behaupten zu hören: “Ich sage nicht, daß das, was man getan hat, immer genau das ist, was zu tun war ...”. Und darüber, daß mein Freund Paul Chemetov “in Genf eine Stadt für internationale Beamte, die eine strikte Anwendung der Charta von Athen ist und die sehr gut funktioniert” entdeckt hat. Und wenn Bernard Reichen, der sich als Anbieter von “objets à habiter” darstellt, sagt: “Die städtische Form ist nicht aus sich selbst heraus krank.” Nur Renée Gailhoustet spricht Klartext: “Die moderne Formensprache beinhaltet den Virus der Selbstzerstörung, der langsam den sozialen Körper durchströmt, bis er eine Explosion auslöst.”

Die Conclusio jenes Artikels von Allix hinterläßt einen bitteren Nachgeschmack: “Niemand garantiert uns, daß Architektur und Städtebau der neu errichteten Gebäude wieder gutmachen können, was in der Epoche der Grands Ensembles angerichtet wurde.” Also laßt uns schnell die gleichen Sachen mit den gleichen Mitteln und den gleichen Architekten bauen: “Tant que tu aimeras ta Maman, tout ira bien”.

gekürzter Text aus “FLUX NEWS” aus dem Französischen: Simone Kläser, Julia von Mende

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