ARCH+ 176/177


Erschienen in ARCH+ 176/177,
Seite(n) 40-41

ARCH+ 176/177

Schöner Wohnen

Von Berg, Sibylle

Potzblitz, ne hübsche Wohnung war das wieder. Finde ich im Traum ein Objekt, das mir gefällt, besuche ich es immer wieder. Im Moment ist es eine langgestreckte Wohnung mit einem alten Glasdach, schweren Holzbohlen, Bibliotheken, Manufactum Möbeln (oder so etwas in der Art) und einem Bach neben der Tür. Mit Bachsitzplatz quasi. Im wirklichen Leben wohne ich immer irgendwie und staune mithin, wenn ich bei Erwachsenen zu Besuch bin. Dieses seltsame Gefühl, das sich entwickelt, wenn man in besonders raffinierten Straßen vor einem speziell gelungenem Haus steht. Efeu, Wintergärten, das volle Programm. Dann betritt man eine perfekte Wohnung, und das Gefühl wird groß und mächtig, und immer verwechsel ich es in den ersten Minuten mit schlichtem Neid. Überwältigt stehe ich auf Teakböden, große Flügeltüren locken auf Terrassen, die über den See blicken, wenn es warm wird, werden da vermutlich flauschige Himmelbetten stehen – in der Wohnung sicher ein zweites Geschoß, wie kann man ohne zweites Geschoß leben, italienische Liegen, Da-mastbettwäsche, Luken, in die man Schmutzwäsche wirft, die gleitet dann wie ein Luchs in eine Waschküche, 230 qm, das braucht man zu zweit, wir wollen uns ja nicht auf den Wecker gehen, sagen die Bewohner der perfekten Wohnung, und alles klar, denke ich. Dann sitzt du da, an einem Tisch, Feuerlandkirsche, 50 kg, ein Essen wird serviert, verschiedene Gänge, die Gastgeber sind auch brillante Köche und reden über Balsamico. Das, was ich am Anfang für Neid hielt, ist unterdes zur Lähmung geworden. Die Wohnung, der Lebensentwurf, alles scheint mich demütigen zu wollen. Mit meinen nun bald 120 Jahren lebe ich immer noch in einem ständigen Provisorium. Ich hatte noch nie eine perfekte Wohnung, sondern nur immernur die, die gerade da war und dann wurde eine andere gesucht. Wie jetzt gerade. …

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