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Erschienen in ARCH+ 176/177,
Seite(n) 48-50

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Eingeübtes Wohnen

Von Kraft, Sabine

Spätestens mit Beginn des 19. Jahrhunderts überträgt sich die Leidenschaft für Systematisierung und Klassifizierung aus den Naturwissenschaften auch auf die Architektur. Dabei wird Typologisierung nicht nur als eine Klassifizierungsmethode zum Zwecke bauhistorischer Forschung verstanden, sondern zu einem systematischen Entwurfswerk weiterentwickelt wie in Durands architektonischer Typenlehre.[1] Seine typologischen Tableaus liefern sowohl die Methodik wie auch die Muster für den Entwurf von Gebäuden, die, ähnlich wie die Arten in der Biologie, eigene Klassen bilden. Der Typus entsteht hier im disziplinären Kontext und wird nach disziplinären Kriterien, d.h. Fragen der Form und der Bautechnik betreffend, zu einer Typologie systematisiert. Dieses Vorgehen findet seine praktische Anwendung in den neuen Bauaufgaben des 19. Jahrhunderts. Schulen, Krankenhäuser, Kasernen, Gerichtsgebäude, Gefängnisse, Betriebe, also die Anstalten der Foucaultschen Disziplinargesellschaft, und natürlich die Bahnhöfe, die Tempel der neuen Infrastruktur, werden als Gebäude sui generis definiert und in einen typologischen Rahmen gestellt, der systematische Variationen erlaubt.

Auch das Wohnen wird dieser typologischen Methodik unterworfen, wenn auch die Entwicklung von Haus- und Grundrißtypen sich unvergleichlich schwieriger gestaltete, da Wohnen zwar nie voraussetzungslos ist, was die Menschen und ihre Gewohnheiten betrifft, es aber in den sozialen und politischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts in politischer Absicht neu erfunden wird. Der Bedarf an systematischen Lösungen entsteht infolge der industriellen Entwicklung, als durch die massenhafte Versammlung von Lohnarbeitern die Wohnungsversorgung zur Voraussetzung der ökonomischen Expansion wird. Bei den standortgebundenen Industrien bzw. Manufakturen im ländlichen Raum tritt das Problem bereits im 18. Jahrhundert auf, in den Städten, wo sich die “industrielle Reservearmee" konzentriert, macht sich die Wohnungsnot verstärkt mit Beginn des neuen Jahrhunderts bemerkbar. “Abhilfe" wird zunächst von den Industriebaronen in Anlehnung an überkommene regionale Typen geschaffen, während in den Städten die Spekulanten das Vorbild für die platzsparendste Verstauung von Menschen in der Kaserne finden. Ein typologischer Diskurs zur Bewältigung dieser neuen gesellschaftlichen Aufgabe setzt eigentlich erst Mitte des Jahrhunderts ein, getragen von ersten sozialreformerischen Ansätzen aus dem christlich-konservativen Lager. Dieser Diskurs geht einher mit der Gründung gemeinnütziger Baugesellschaften, die für den Bau von Kleinwohnungen Typengrundrisse benötigen. Die Mustergrundrisse von C. W. Hoffmann und L. Förster, Vorstand des Wiener Arbeiter-Comités, oder das Prince Albert Model House von Henry Roberts, das auf der Weltausstellung 1851 in London als Musterhaus aufgebaut wurde und europaweite Beachtung fand, wurden als Modellösung des künftigen Arbeiterwohnens präsentiert.

Bekanntlich war die Diskussion der Wohnungsfrage geprägt von der Furcht vor der politischen Unberechenbarkeit von Menschen, die an den Rand der Existenz gedrängt werden. Dieser Furcht entsprach auf räumlicher Ebene die soziale Unüberschaubarkeit der Wohnverhältnisse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ist gewissermaßen eine typologische Ironie, daß gerade die in der Genealogie der preußischen Kaserne errichteten Unterkünfte, wie z.B. die von Wülcknitzschen Familienhäuser, sich der Kontrolle entzogen. Die Erschließung der einzelnen, überbelegten Räume über einen zentralen Mittelflur und die gemeinsame Nutzung von Kochstellen beförderte spontane Formen der privaten und politischen Gesellung, die dem Bürgertum äußerst suspekt waren. Das galt selbst für die sogenannte schwarze Küche, die sich vier Haushalte teilten; sie war in den am Vorbild ländlicher Typen orientierten Unterkünften noch anzutreffen.

Nach Foucault ist “die erste große Operation der Disziplin die Errichtung von ‘lebenden Tableaus', die aus den unübersichtlichen, unnützen und gefährlichen Mengen geordnete Vielheiten machen"[2]. In den Fabriken stellte sich die Ordnung der Vielheiten über die Arbeit selbst her. Sie schuf einen Funktionszusammenhang, der die “peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten"[3] in einer räumlich parzellierten, in Zeiteinheiten zerlegten und nach Rängen gegliederten Struktur ermöglichte. Das bißchen Leben jedoch, das nach der Arbeit übrigblieb, entzog sich dieser Kontrolle und bildete “gefährliche Mengen". Die Versittlichung der Arbeiter ist das brennendste Anliegen des 19. Jahrhunderts. Eine rigide Sexualmoral und die “dauerhafte Unterwerfung der Kräfte des Körpers" ließen sich jedoch mit Polizeigewalt nicht durchsetzen, dazu bedurfte es auch für die Wohnverhältnisse der Eingliederung des Körpers in einen übergeordneten Funktionszusammenhang. Dieser übergeordnete Funktionszusammenhang war die Familie. Sie kanalisierte das Triebverhalten und wurde der Ort rationalisierter Alltagsabläufe, deren Regeln sich von der Hygiene über die Haushaltsführung bis zur Kinderaufzucht erstreckten. Sie selbst schuf in der Definition der Geschlechterrollen und des Verhältnisses von Eltern und Kindern eine interne Ordnung nach Funktion und Rang. Das Erfordernis der räumlichen Parzellierung der Familie brachte einen neuen Typus hervor: die in sich abgeschlossene Familienwohnung, die das Modell einzeln erschlossener, anmietbarer Räume ablöste. Auf den Bonner Conferenzen der Arbeitgeber wurde die Notwendigkeit der “Isolirung der Wohnung" und der “Abgeschlossenheit der Familie und ihrer Wohnung gegen Dritte" betont und auf das Glücksversprechen von Privatheit und Individualität als probates Mittel gegen unberechenbare Formen der Solidarität gesetzt[4]. Als sicherster Garant für den Prozeß der Domestikation galt bereits in den 1870er Jahren die Bildung von Eigentum.

Die in sich abgeschlossene Familienwohnung taucht natürlich nicht als fertiger Typus auf, sondern definierte ein typologisches Experimentierfeld, das um so breiter war, als mit dem neuen Modell Gebäude ganz unterschiedlicher typologischer Herkunft umgemodelt werden mußten, bzw. auch neue Gebäudetypen generiert wurden, wie z.B. die Zusammenschaltung von vier Wohneinheiten im Kreuzgrundriß. Die eigene Wohnungstür und die Integration der Küche in den privaten Bereich der Wohnung bildeten den geringsten gemeinsamen Nenner. In der Gestaltung der Küchen reichte die Bandbreite von schmaler Funktionsküche bis zur Wohnküche als familiärem Aufenthaltsraum. Auch die Erschließung bereitete noch Probleme, die daraus resultierten, daß zu enge nachbarschaftliche Beziehungen zu vermeiden waren und gleichzeitig eine ökonomische Lösung gefunden werden mußte. Die bereits als eine Art Puffer in den Hoffmannschen Grundrissen und im Prince Albert Model House vorgesehene winzige Diele setzte sich als räumliche Vorkehrung durch. Sie verhindert, daß Fremde unmittelbar in das familiäre Leben hereinplatzen können. Gefangene Räume, die über den familiären Aufenthaltsraum erschlossen werden, galten nicht als Problem.

Es muß nicht betont werden, daß die Wohnrealität des 19. Jahrhunderts für einen Großteil der Bevölkerung anders aussah, aber es läßt sich in diesem Idealtypus, der reformerischen Eifer mit einer “Politik der Zwänge" verband, unschwer das Wohnmodell erkennen, das bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts allgemeine gesellschaftliche Gültigkeit beanspruchen konnte. Der Fokus auf die Familie und den privaten Haushalt war gesetzt.

Der Typus wurde von der Postmoderne zusammen mit den Qualitäten der historischen Stadt wiederentdeckt. Es ist heute ein konservativ besetzter Begriff. Sehr zu Unrecht, da gerade die Moderne der 20/30er Jahre verstärkt das typologische Werk des 19. Jahrhunderts fortsetzte und es um die Aufgabe der Typisierung von Bauteilen als Voraussetzung der Industrialisierung erweiterte. Gropius wendet sich ganz explizit gegen “das märchen von der vergewaltigung des individuums durch typung und normung" und verweist darauf, daß der Typus immer “ein zeichen gesitteter gesellschaftlicher ordnung" war[5]. Auch der Frankfurter Baurat E. Kaufmann betont in einem Vergleich historischer und zeitgenössischer Kleinwohnungstypen die Notwendigkeit typologischer Lösungen gerade in bezug auf wirtschaftliche Erwägungen, zumal “die Lebensbedürfnisse der Menschen (…) in ein und derselben Zeit und innerhalb ein und derselben Schicht tatsächlich verhältnismäßig wenig abweichend" sind.[6]

Die Hoffnungen allerdings, die die Bauhäusler auf die “Rationalisierung im Bauwesen" setzten, haben sich bis heute nicht erfüllt, nicht was die preiswerte Wohnung betrifft, das blieb Aufgabe staatlicher Förderpolitiken, und auch nicht was die Industrialisierung selbst betrifft, da die Montage und der Einbau genormter Halbzeuge bei den Gewerken verblieb. Dagegen kann der Einfluß, den die Moderne auf die Entwicklung von Wohnmodellen nahm, gar nicht überschätzt werden. Es soll hier aufgezeigt werden, daß diese Wohnmodelle aus einer historischen Kontinuität heraus entstanden sind, eine Sichtweise, die nicht dem Selbstverständnis der Avantgarde entspricht: So ist nicht nur der private Haushalt, sondern auch das Postulat ausreichender Belüftung und Belichtung eine Vorgabe des 19. Jahrhunderts. In der stadthygienischen Diskussion, die verstärkt nach dem 1860er Aufschwung einsetzt, wird die Verbindung zwischen den gerade in der medizinischen Forschung dingfest gemachten Krankheitserregern – 1882 identifiziert Robert Koch den Tuberkelbazillus – und ihrer Verbreitung in dunklen, feuchten und überbelegten Wohnungen erkannt, Wohnungen, in denen der “Luftkubus, der kleinste für eine Person benötigte Luftraum, sich … immer größere Beschränkungen gefallen lassen muß"[7]. Die Reform des Mietshauses findet in der “Vormoderne" um 1910 ihren Höhepunkt. Sie geht einher mit einer “Humanisierung" des Baublocks. Die großzügigen, gut belichteten Etagenwohnungen z.B. von Albert Geßner oder Paul Mebes in Berlin sind um begrünte Innenhöfe gelegen, die in nichts mehr an die Abmessungen der Feuerwehrfahrzeuge erinnern. Diese Reformblöcke kommen allein dem Bürgertum zugute.

Zur Lösung der Wohnungsnot der breiten Massen wird der Typus der Klein- bzw. Kleinstwohnung im Hinblick auf Größe, qm-Preis, Grundrißzuschnitt und -ausstattung, interne Erschließung sowie eine rationelle Bauabwicklung systematisch erforscht und in unzähligen Grundrißsammlungen dokumentiert. Die “Wohnung für das Existenzminimum" ist nur die bekannteste davon[8]. Größere Wohnungen galten als verfehlte Politik, da sie bei einem jährlichen Durchschnittseinkommen von 2000 – 2500 Reichsmark von mehreren Familien zusammen bewohnt werden mußten. Genauso wurden die weitverbreiteten Untermietverhältnisse als sozialer Mißstand angesehen. Auch die Kleinwohnung sollte wie die besseren bürgerlichen Wohnungen die vier wichtigsten Wohnfunktionen Kochen, Essen/Wohnen, Schlafen und Waschen/Reinigen räumlich voneinander trennen, während die getrennte Erschließung aller Räume über einen Korridor als zu kostenaufwendig betrachtet wird, d.h. ein Schlafraum war immer ein gefangener Raum.[9] Dieser Typus weist in seiner räumlichen Organisation eine frappante Ähnlichkeit mit den Hoffmannschen Mustergrundrissen auf, erweitert um ein winziges Bad und eine abtrennbare Kochnische in der Wohnstube, die sich mit wachsender qm-Zahl zu einem eigenen Raum mausert. Die Frankfurter Küche, die die Qualitäten der alten Wohnküche mit einer rationell organisierten Funktionsküche verbindet, bleibt in ihrer Verbreitung beschränkt und gerät nach dem 2. Weltkrieg erst einmal in Vergessenheit.

Mit geringfügigen Variationen im Grundrißzuschnitt und in der Größe von ca. 30 bis 60 qm werden solche Wohnungen zu Tausenden in den kommunalen Wohnungsbauprogrammen ab Ende der 20er Jahre verwirklicht, teilweise als Blockrandbebauungen um einen begrünten Hof mit ergänzenden Gemeinschaftseinrichtungen wie bei den Wiener Höfen, teilweise als Zeilenbebauungen wie bei den meisten Siedlungen des Neuen Frankfurts. Die Rhetorik der Architektur reicht von traditioneller Anmutung über ein expressionistisches bis zu dem Formenvokabular des Bauhauses. Sie ist austauschbar. Parallel zur Geschoßwohnung werden “Einfamilienhäuser" auf kleinstem Raum, d.h. ab ca. 45 qm für zwei Geschosse entwickelt. Sie stehen in der Genealogie des Werkwohnungsbaus bzw. ländlicher Haustypen, trennen sich aber schnell vom Vorbild des Einzelhauses, das in der Regel 2 bis 4 Einheiten umfaßte, zugunsten eines beliebig addierbaren Reihenhauses. Dieser neue Typus des vorstädtischen Reihenhauses mit getrenntem Wohn- und Schlafgeschoß und evtl. ausbaubarem Dach kann heute auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte rückblicken. Er läßt sich über Variationen in der Achsbreite und Parzellentiefe an unterschiedliche Einkommen anpassen, vom Kleinstwohnungsbau bis zu Häusern für Vorarbeiter, kleinere Beamte und später auch Angestellte. Dazu gehören Bruno Tauts Waldsiedlung in Berlin-Zehlendorf genauso wie die Römerstadt in Frankfurt. Das vorstädtische Reihenhaus hat ähnlich wie das Mietshaus seine eigene “Vormoderne", die sich in den realisierten Gartenstadtsiedlungen aufspüren läßt.

Die Begründungen für den Kleinwohnungsbau sind überwiegend ökonomischer Natur, aber es steckt mehr dahinter als der Zwang knapper Mittel. Gropius, der im Rahmen des II. Internationalen Kongresses für Neues Bauen mit der Erarbeitung der soziologischen Grundlagen der Minimalwohnung betraut war, betont, daß es in Anbetracht der verkleinerten Familien falsch sei, “die kleinstwohnung als eine behelfsform zu betrachten", und daß der Wandel der Sozialstruktur infolge der Vergesellschaftung der Arbeit “wohnungstechnisch (…) eine zunehmende vermehrung und verkleinerung der selbständigen wohneinheiten" verlange[10]. Das ist deutlich. Vor dem Hintergrund der sozialen Umwälzungen der 20er Jahre, die mit der neuen Schicht der Angestellten den Wandel der Klassengesellschaft in ein tendenziell durchlässiges Schichtenmodell ankündigen, geht es nicht mehr nur um die in sich abgeschlossene Familienwohnung, sondern um ein Wohnmodell für die Kleinfamilie.

Gropius selbst eilt mit seinem beispielhaft kurzen Aufriß der sozialen Parameter des Wohnens seiner Zeit weit voraus; seine Analyse der Veränderung der Haushaltsstruktur, der Zunahme von Einpersonenhaushalten und der “verselbständigung" der Frau hätte auch in einem aktuellen soziologischen Text noch seine Berechtigung. Seine Schlußfolgerung jedoch, daß diese Entwicklung “aus gründen der allgemeinen ökonomie zum zentralisierten großhaushalt"[11] dränge, bewahrheitet sich nicht. Im Gegenteil, der Perfektionierung des privaten Kleinhaushalts wird dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wie dem Typus selbst. Ähnlich wie das 19. Jahrhundert den Frauen ein umfängliches erzieherisches Schrifttum für “Das häusliche Glück" widmete, ist auch die Moderne reich an Lebensentwürfen und Vorschlägen für die Haushaltsführung. Ob die Küchenstudie der Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen oder Tauts “Frau als Schöpferin" oder Grete Lihotzkys Frankfurter Küche[12], kein Detail war zu gering, als daß es nicht der Neuordnung und Eingliederung in ein Gesamtkonzept Wohnen bedurfte, das auf dem Ideal eines nach dem Vorbild der Industrie durchrationalisierten Haushalts gründete. Die Befreiung der Frau vom Joch der Hausarbeit wurde nicht in organisatorischen und räumlichen Alternativen zum privaten Haushalt gesucht, das Einküchenhaus blieb ein singuläres Modell und das Konzept der Kommunehäuser, das von der Stroikom, dem Baukommitee der jungen Sowjetrepublik, anfänglich betrieben wurde, galt als nicht übertragbar. Die Befreiung von der Hausarbeit lag vielmehr in ihrem Verschwinden. Die Industrialisierung, der sich das Bauen hartnäckig verweigerte, hielt mit der technischen Ausstattung und den dazugehörigen Geräten Einzug in die Wohnungen. Elektrifizierung, moderne Herde, Zentralheizung, Warmwasser, erste Waschmaschinen, Staubsauger und die künstliche Kälte brachten immense Erleichterungen in die alltäglichen Arbeitsabläufe. Was blieb, war die Befreiung von all dem überflüssigen Hausrat, dem Ramsch und Trödel der Gründerzeit, der gehegt und gepflegt werden wollte. “Eins, meine Damen, ist jedenfalls Tatsache: wenn aus einer Wohnung nach strengster und rücksichtslosester Auswahl alles, aber auch alles, was nicht direkt zum Leben notwendig ist, herausfliegt, so wird nicht bloß ihre Arbeit erleichtert, sondern es stellt sich von selbst eine neue Schönheit ein."[13]

Damit sind wir am Punkt. Die Erklärung des ersten vorbereitenden Kongresses für Neues Bauen 1929 in Sarraz dokumentiert die Ablehnung der “gestalterischen Prinzipien früherer Epochen und vergangener Gesellschaftsstrukturen" und den Beschluß, daß der Architekt sich vorrangig “in Übereinstimmung mit der Zeit zu bringen" habe. Wenn die “mietbare ration wohnung" für jedermann, das biologisch und sozial “begründete sachliche minimum: die standardwohnung"[14] gleichbedeutend mit dem “Befreiten Wohnen" ist, wie es Giedion in seinem Schaubuch darlegt, dann kann es sich nur um eine ästhetische Befreiung handeln. Licht, Luft und die Öffnung des Wohnens nach außen sind nicht so sehr wohnungshygienische Erfordernisse, das natürlich auch, sondern sie beschreiben eine Atmosphäre, in der die Abgründe der Seele, die von den üppigen Falten des gründerzeitlichen Interieurs verdeckt wurden, verschwunden sind. Um noch einmal auf Foucault zurückzukommen: Das Gefügigmachen des Körpers über Körperübungen, Dressur, Standardisierung der Bewegungen und Zeiteinteilung macht ihn nützlich, d.h. mit den Disziplinartechniken wird nicht nur das menschliche Körperverhalten unterdrückt, sondern auch ein neues erzeugt. Der vielzitierte neue Mensch der Moderne, der effizient mit Raum und Zeit haushaltet, über einen “gesteigerten Sinn für Luft, Farbe und Mechanik" verfügt und dem “Drang zu sportlicher Betätigung" folgt, kurz eine neue “Lebensart" zeigt,[15] hat diese Schule der Disziplin offensichtlich absolviert. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß sich das Wohnen der ästhetischen Anpassung an Moderne Zeiten immer wieder entzog und für jeglichen Einfluß anfällig blieb, der Horte für das Unkontrollierbare und einen Ruheplatz für das Gemüt bot. Die Frage des Geschmacks ist dabei immer sekundär gewesen.

Es ist müßig, über historische Alternativen zu spekulieren. Die Moderne hat den Schritt zur Kleinfamilie vollzogen und letztlich das Modell des privaten Haushalts perfektioniert. Die Erneuerung liegt in der Form: “Unerträglich ist der Avantgarde an der Bourgeoisie ihre Ausdrucksweise, nicht aber ihr Status. Nicht daß sie diesen Status unbedingt billigt, aber sie klammert ihn aus."[16] Das 20. Jahrhundert verzeichnet den Siegeszug dieser Organisation des Wohnens. Mit dem Parforceritt durch die jüngere Wohnbaugeschichte sollte deutlich werden, daß wir mit dem Erbe der Moderne auch die Ausläufer des 19. Jahrhunderts übernommen haben. Wie stark die Prägungen sind, wird heute deutlich, wo wir an die Grenzen der gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit dieses Modells stoßen, und es darum ginge, neue Wege zu öffnen. Die Perfektionierung des privaten Haushalts erlebt ungeahnte Höhepunkte, während seine Bedeutung im Schwinden begriffen ist, und die Kleinfamilie, die an Auszehrung leidet, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Ulrich Beck berichtet in einem Gespräch mit Richard Sennett, daß jeder seiner Studenten fest davon ausgehe, später einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und in einer intakten Kleinfamilie zu leben.[17] Die Diskrepanz zwischen einer Mentalität, die an eingeübten Wohn- und Lebensmodellen festhält, und der faktischen Lebensrealität war noch nie so groß wie heute. Fußnoten: [1] Jean-Nicolas Louis Durand, Lehr- und Musterbuch, 1802

[2] Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt M. 1994, S. 190

[3] ebenda, S. 175

[4] Bonner Conferenz über die Arbeiterfrage: Über Arbeiterwohnung, Berlin 1870, cit. nach Eduard Führ/Daniel Stemmrich, 'Nach gethaner Arbeit verbleibt im Kreis der Eurigen'. Arbeiterwohnen im 19. Jahrhundert, Wuppertal 1985, S. 304 ff

[5] walter gropius, der große baukasten, in: Das Neue Frankfurt/Die neue Stadt, 2/1926-27, S. 25

[6] E. Kaufmann, Frankfurter Kleinwohnungstypen in alter und neuer Zeit, in: Das Neue Frankfurt, 5/1926-27, S. 113

[7] Erich Haenel/Heinrich Tscharmann, Das Mietwohnhaus der Neuzeit, Leipzig 1913, S. 25

[8] Die Wohnung für das Existenzminimum, Hrsg: Internationale Kongresse für Neues Bauen und Städtisches Hochbauamt Frankfurt M., 1930

[9] Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen e.V., Kleinstwohnungsgrundrisse, Sonderheft Nr. 1, April 1928, aus: B Grundsätze für die Gestaltung von guten Kleinstwohnungen

[10] Walter Gropius, die soziologischen Grundlagen der Minimalwohnung für die städtische Bevölkerung, in: Die Wohnung für das Existenzminimum, a. a. O., S. 17

[11] ebenda, S. 18

[12] Reichsforschungsanstalt für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen e.V., Die Küche der Kleinund Mittelwohnung, Sonderheft Nr. 2, Juni 1928; Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin, Leipzig 1924; Grete Lihotzky, Rationalisierung im Haushalt, in: Das Neue Frankfurt, 5/1926-27, S. 120 ff

[13] Bruno Taut, a. a. O., S. 31

[14] walter Gropius, die soziologischen grundlagen, a. a. O., S. 17

[15] Werner Gräff, Zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung, in: Bau und Wohnung, Reprint Stuttgart 1992, S. 8

[16] Roland Barthes Mythen des Alltags, Frankfurt M. 1964, S. 126

[17] vgl. Die Zeit Nr. 15, 2000

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