ARCH+ 180

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 180,
Seite(n) 66-69

ARCH+ 180

The Interiority of the Urban. INSIDEOUT by Sasha Waltz / Das Innenleben des Städtischen. INSIDEOUT von Sasha Waltz

Von Becker, Stephan /  Ngo, Anh-Linh

A dance theatre piece by Sasha Waltz & Guests – English Version: see below

Das Tanztheaterstück „insideout“ von Sasha Waltz kann als eine Parabel für das Leben in der Moderne gelesen werden. Dieses Leben, das Georg Simmel prototypisch in der Großstadt verwirklicht sieht, wirft permanent Fragen nach dem Verhältnis von historischem Erbe, Herkunft und Identität, gesellschaftlichen und individuellen Werten sowie deren Gegensätzlichkeiten und Widersprüche auf, die ganz spezifische Lebensstile und Identitäten prägen. Insofern lässt sich „insideout“ auch als Erzählung über die Stadt auffassen: das persönliche Leben als Triebfeder des Gemeinsamen, das in unzähligen Abmachungen immer wieder neu entstehen muss.

Dementsprechend waren der Ausgangspunkt des Stücks die autobiografischen Erfahrungen der einzelnen Mitglieder der Compagnie. In persönlichen Interviews konnten sich die Darsteller mit ihrer Herkunft und ihren Hintergründen in die künstlerische Entstehung des Stücks einbringen. Die Geschehnisse auf der Bühne folgen auf sehr persönliche Weise dieser Mikrohistorie und widersetzen sich in ihrerVielfältigkeit derVereinnahmung durch eine kohärente Erzählung. Folgerichtig entwickelt sich das Stück choreografisch zeitgleich in allen Räumen des Bühnenraums und der Fokus wird nur minimal geführt. Lediglich in der Ferne scheint es eine Dramaturgie zu geben, deren Auswirkungen wie Schockwellen in den Handlungen der Akteure sichtbar werden. Doch gerade durch diesen Abstand zum eigentlichen Ursprung treffen sich die Elemente und verdichten sich die Geschehnisse: Alles scheint nicht nur aufgrund willkürlicher Nähe, sondern durch subtile Bedeutungen verknüpft zu sein. So werden in den persönlichen Hintergründen der Schauspieler auch grundsätzliche Ideen vom Zusammenleben sichtbar und gerade im dichten Geflecht gegenseitiger Bezüge liegt das städtische Moment von insideout.

Das Fragmentarische und die Vielschichtigkeit des Lebens spiegeln sich in dem atmosphärisch dichten Bühnenkonzept von Sasha Waltz und Thomas Schenk. Die Intensität des Stücks entsteht somit auch aus dem Bühnenraum selbst, der analog zu den vielfältigen Erfahrungen der Darsteller eine Vielzahl von Räumen mit ganz unterschiedlichen atmosphärischen Qualitäten bietet. Gleich einem Flaneur durchwandert der Zuschauer die Raumbühne, die wie eine Stadt mit engen Gassen, Treppen, intimen Räumen und offenen Plätzen angelegt ist. So gibt es die Weite des Blicks, durch den die architektonischen Fragmente zu modernen Gebäuden zu werden scheinen, die dank großer Fenster Einblicke in ihre Innenräume gewähren. Zugleich verengt sich der Raum an anderer Stelle und wird fast dörflich in der Ansammlung kleinerer, verschlossener Objekte. Der Besucher ist eingeladen, sich das Geschehen selbst zu erschließen und sich frei zwischen der Architektur und den Darstellern zu bewegen.

Die unterschiedlichen räumlichen Konfigurationen wirken sich unterschiedlich auf die Rolle aus, die der Zuschauer dabei einnimmt: Der unbeteiligte Flaneur in den Gassen wird in den meist nur wenige Menschen fassenden Architekturen durch offene Schlitze und Fenster zum unerbittlichen Voyeur. In solchen Momenten wird er im Wortsinne der Eindringlichkeit seiner eigenen Rolle bewusst und die Grenze zwischen Anteilnahme, blasierter Gleichgültigkeit und schmerzhafter Intimität wird fließend: auch das ein zentrales urbanes Motiv.Trotzdem, die fast archetypischen Raumkonfigurationen bleiben niemals abstrakt, sondern bekommen in den biografischen Aspekten des Stücks und den Bewegungen der Darsteller eine große Unmittelbarkeit.

Die Nähe des Bühnenbildes zu tatsächlich gelebten städtischen Räumen ermöglicht den Besuchern immer wieder neue Zugänge, zwingt zugleich aber auch dazu, sich in Relationen zu diesen Konfigurationen zu setzen. Denn anders als sonst im Theater verschwindet der Besucher nicht in der Neutralität der Masse des Zuschauerraums, sondern bleibt Individuum, ohne dass das Stück zu einem peinlichen Mitmachtheater wird. Schnell entstehen so eigene räumliche Vorlieben und die Besucher beginnen in dem Wunsch, das Geschehen zu begreifen, ihre eigenen Choreografien zu entwickeln. Sie folgen mit der Architektur den Wechseln von innen nach außen, von privat und öffentlich, von Intimität und Offenheit. Im Zusammenspiel der intimen Komplexität der Stadtfragmente und den individuellen und persönlichen Bewegungen sowohl der Darsteller wie auch der Zuschauer entfaltet sich die große Wirksamkeit des Stücks, die darin besteht, für einen Moment die Dynamik unter der Oberfläche der üblichen Konventionen des städtischen Zusammenlebens spürbar zu machen.

 

A dance theatre piece by Sasha Waltz & Guests

Sasha Waltz’s dance theatre piece “insideout” can be read as a parable for modern life – a life that is prototypically formed by the modern metropolis according to the early German sociologist Georg Simmel. It raises persistent questions about the relationship between historical heritage, origins and identity, social and individual values and their antagonisms and contradictions that shape very specific lifestyles and identities. In this respect insideout can also be seen as a narrative about the modern city in which personal life as the driving force behind community life is something that has to be constantly re-created in countless agreements.

Accordingly the starting point for the piece was drawn from autobiographical experiences of each company member. The performers were engaged in the emergence of the piece by making their origins and backgrounds part of the artistic process. The events on stage follow this micro-history in a very personal way; they are so diverse as to resist being incorporated into a coherent narrative. Consequently the choreography of the piece develops simultaneously in all parts of the stage area, and with only minimal focusing. The dramaturgy seems to evolve in a far distance, impacting like shock waves on the protagonists’ actions. But it is precisely this distance from the actual origins that brings the elements together and condenses the events: everything seems to be linked not because of arbitrary proximity, but through subtle meanings. Thus fundamental ideas about living together become visible in the performers’ personal backgrounds, and the urban factor of insideout is to be found precisely in the dense tissue of mutual references.

Sasha Waltz and Thomas Schenk correlate this fragmentary quality and the complexity of life ideally in spatial terms with their atmospherically dense stage set concept. Therefore the piece also derives its intensity from the set itself; like the performers’ diverse experiences it offers a wide range of spaces with quite different atmospheric qualities. Spectators wander through the stage space like strollers in a city. Apparently the stage is a city ‘en miniature’ that has narrow alleyways, steps, intimate spaces and open squares, and there is a breadth of perspective that makes the architectural fragments seem like modern buildings affording views of their interiors thanks to large windows. Then again the space becomes more cramped in other places, and is almost village-like in its accumulation of small, closed objects. Visitors are invited to discover the events for themselves, and to move freely between the architecture and the performers.

The different spatial configurations have different effects on the roles played by the spectators themselves: the uninvolved flaneurs in the streets become merciless voyeurs through the open slits and windows giving insights into the interiors, or by entering the architectural features that accommodate only an intimate number of people. At moments like this they are fully aware of the intrusiveness of their own role and the boundary between sympathetic interest, blasé indifference and painful intimacy becomes fluid: this fluidity is also a central urban motif. Nevertheless, the almost archetypal spatial configurations never remain abstract, but gain great immediacy from the biographical elements of the piece and the performers’ movements.

The set’s similarity to real urban spaces allows the audience to constantly find new modes of access, but at the same time compels them to relate to the configurations. Because, unlike the usual theatre experience, visitors do not disappear in the neutral mass of the auditorium, but remain individuals, without the piece becoming a kind of pathetic participation theatre. Personal spatial preferences emerge and visitors start to develop their own choreographies in their desire to understand the events. They follow the architecture’s shifts from inside to outside; from private to public; from intimate to open. The piece develops its effectiveness from the interaction between the intimate complexity of the urban fragments and the individual and personal movements of both the performers and the spectators. This effectiveness lies in making the dynamics beneath the surface of the usual conventions of urban lifestyles perceptible for a magic moment.

 

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!