Neue Adresse & Telefonnummern: Friedrichstraße 23a, 10969 Berlin // Redaktion: +49 30 340 467 17 / Verwaltung & Vertrieb: +49 30 340 467 19 // Bestellungen werden mit leichter Verzögerung bearbeitet.

ARCH+ 169/170


Erschienen in ARCH+ 169/170,
Seite(n) 65-76

ARCH+ 169/170

Die Kollektoren

Von Sloterdijk, Peter

Zur Geschichte der Stadion-Renaissance

 

Man darf behaupten, daß der neuzeitliche Totalitarismus eine Ausgeburt des Stadion-Konsensus ist: In einem wogenden Phonotop, in dem hunderttausend Stimmen eine Lärmglocke über die Versammelten stülpen, entsteht das Phantom der Einmütigkeit, das seither Demagogen und Sozialphilosophen heimsucht. Hier wird eine sonore volonté générale erzeugt – ein Plebiszit aus Schreien. Gabriel Tardes These, daß der soziale Zustand des Menschen ein hypnotischer oder schlafwandlerischer sei, scheint angesichts dieser Verhältnisse buchstäblich gerechtfertigt. Der Aufschrei der Menge im Stadion wird zu ihr direkt zurückgekoppelt, weil aus der Erfassung durch das Schauspiel die mimetische Erregung wird, aus der Erregung die Lautgebärde und aus deren massenhaft verstärkten Rückkehr ins eigene Ohr die Ergriffenheit, die einer Überzeugung nahekommt. Wenn Elias Canetti die “Masse als Ring”46 beschreiben konnte, sind darunter nicht nur die visuellen und architektonischen Verhältnisse in einem Stadion charakterisiert, sondern ebensosehr der akustische Bann, der sich, aus der Versammlung aufsteigend, über sie wirft. Wie die athenischen Feldherrn, wissen auch moderne Konsensusregisseure die Erfassungswirkungen der Musik zu schätzen. Wo alle Elemente, die für ein sogenanntes Erlebnis sorgen, zusammenkommen sollen, dürfen die Mittel der phonotopischen Synthese nicht fehlen. Sind sie gegeben, ist das Ereignis, die enthusiastische Fusion der Menge, garantiert. Von jetzt an weiß man, was es heißt, dabeigewesen zu sein.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!