ARCH+ 181/182


Erschienen in ARCH+ 181/182,
Seite(n) 30-45

ARCH+ 181/182

Berufungsvortrag

Von Ungers, Oswald Mathias

Über die Rolle, die der Architekt heute noch beim Bauen spielt, scheint eine gewisse Unklarheit zu bestehen. Sogar bei den Architekten selbst. Es ist deshalb nicht erstaunlich, wenn in der neu erschienenen Bauordnung der Architekt, – dessen Angelegenheit es seit eh und je war, den Bau zu formen – überhaupt nicht mehr erwähnt wird. Für viele ist er auch tatsächlich nur noch ein soziologisches Kuriosum, ein modisches Aperçu, oder ein flotter Typ, der sich mit eigenwilligen, im Grunde aber nutzlosen Ideen beschäftigt. Der Architekt ist auf dem besten Wege eine anachronistische Figur zu werden, und das wundert einen nicht mehr, angesichts der unklaren Vorstellungen, die viele Architekten von ihrer eigenen Tätigkeit haben. Die heutigen Architekten, sehen in der Architektur fast nur noch Probleme der Ökonomie, der Soziologie, oder der Technik. Ökonomisches Fragen, wie Nutzeffekt und Rentabilität stehen im Vordergrund des Denkens und werden zum Thema und Inhalt des Bauens erklärt. Die größte Aufmerksamkeit gilt der Objektivierung der Bauelemente und der Entwicklung von Standards. Das Ziel ist der allgemein brauchbare Typ. Bauen wird immer mehr zu einem Verfahren der Serienproduktion und das Bauwerk ein Katalog-Artikel, der gestapelt, registriert und jederzeit versandfertig bereitgehalten werden kann. Auf die mühsame Arbeit des Entwerfens und Gestaltens hofft der Architekt wahrscheinlich eines Tages verzichten, und seine Projekte anhand von Katalogen anbieten zu können. Wenn man heute liest, daß bereits Bestrebungen im Gange sein sollen, nicht nur Wohnhäuser ‚von der Stange zu fabrizieren, sondern auch Schulen, Schwimmhallen, Theater, Parlamentsgebäude und andere, eindeutig funktionsbestimmte Bauten zu standardisieren, so zeigt sich hier doch ein unverständliches Ausmaß an Naivität und Geschäftssinn. Es erübrigt sich aber, die Frage der Architektur noch länger zu diskutieren, wenn es nur noch darum geht, den vorhandenen Bedarf in möglichst rationeller – sprich ökonomischer – Weise zu decken. Der Architekt überläßt dann besser das Feld dem Produzenten, an dessen Seite sich der Public-Relation-Mann ausgezeichnet bewährt, der sogar noch die Fähigkeit besitzt, bei evtl. fehlendem Bedarf schlichtweg neuen zu wecken...

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