ARCH+ 156

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 156,
Seite(n) 26-29

ARCH+ 156

Editorial: Neuer Pragmatismus in der Architektur

Von Dahms, Hans-Joachim /  Krausse, Joachim /  Kuhnert, Nikolaus /  Schnell, Angelika

Hans-Joachim Dahms und Joachim Krausse im Gespräch mit Nikolaus Kuhnert und Angelika Schnell

ARCH+: Seit einigen Jahren scheint die theoretische Architekturdebatte erschöpft zu sein. In den USA, wo sich seit etwa den achtziger Jahren fast alle renommierten Architekten theoretisch artikulieren, wird diese Krise sicher deutlicher erfahren als in Europa, wo die Bautätigkeit immer noch groß genug ist, um über die Theorielosigkeit hinwegzutäuschen. Im letzten Jahr fanden nun gleich zwei große architekturtheoretische Konferenzen in New York statt – die eine an der Columbia University, die andere am MoMA –, die sich dem Verhältnis von Architektur zu der amerikanischen Philosophie des Pragmatismus widmeten und von denen wir Teile in diesem Heft vorveröffentlichen.1 Ein Orientierungswechsel also? Dafür spräche zweierlei. Zum einen wenden sich nun zum Teil dieselben Personen, die vor noch nicht allzu langer Zeit das Lesen von Deleuze und Derrida als erste Pflicht für angehende Architekten empfohlen haben, im Fahrwasser von Richard Rorty – dem zur Zeit publikumswirksamsten Vertreter eines Amerika, das sich auch intellektuell wieder auf sich selbst besinnt – dem Neopragmatismus und seinen historischen Vorläufern wie Charles Peirce, William James und James Dewey zu. In diesem Sinne ist es naheliegend, beide Veranstaltungen als durchsichtige Strategie zur Debattenvorherrschaft zu interpretieren. Zum anderen wirft die Beschäftigung mit dem Pragmatismus mindestens die Frage nach der Bedeutung der Theorie für die architektonische Praxis auf. Die Beiträge von Stan Allen und Michael Speaks in diesem Heft belegen die aktuellen Zweifel. Daher wäre es genauso plausibel, die Debatten um Pragmatismus als Versuch der jüngeren Generation zu sehen, den alten theoretischen Ballast der Semiotik, der Kritischen Theorie, des französischen Strukturalismus usw., der es ihnen nicht ermöglicht hat, auf die veränderten ökonomischen und politischen Bedingungen der neunziger Jahre zu reagieren oder gar zuvorzukommen, abzuwerfen, um sich unbelasteter auf eine sich ständig verändernde Realität einzulassen.

All dies wäre aber immer noch kein ausreichender Grund, ein Heft zum Thema Pragmatismus zu machen. Die Konferenzen in New York scheinen jenseits aller Machtansprüche oder Generationenkonflikte zu belegen, daß das Verhältnis zwischen Architektur und Philosophie überhaupt neu hinterfragt werden soll. (Immerhin beinhaltet dieses Heft fünf Beiträge von Philosophen.) Das tun sie auf zweierlei Weise. Sie bieten zum einen die Philosophie des Pragmatismus als eine Philosophie an, die per definitionem handlungs- und zweckorientiert ist (und daher kompatibler mit architektonischer oder anderer Praxis?). Zum anderen erinnern sie – zumindest durch die Beiträge von John Rajchman, Joan Ockman und Peter Galison – an eine fast vergessene philosophisch-architektonische Koalition, nämlich die zwischen dem Wiener Kreis und dem Dessauer Bauhaus, die bereits in den zwanziger Jahren eine interdisziplinäre Zusammenarbeit anstrebte, wie sie auch verschiedenen Teilnehmern der Pragmatismus-Konferenzen vorschwebt. Damit öffnen sie eine Tür zu einer Neubewertung der Moderne. Es stellen sich somit eine Reihe von Fragen. Was muß man generell von dem vermeintlichen oder tatsächlichen theoretischen Richtungswechsel in den USA halten? Braucht man überhaupt eine Neuorientierung, und braucht man sie auf diese Art? Was liefert der Pragmatismus als theoretisches und methodisches Rüstzeug, um mit den Problemen des 20. und 21. Jahrhunderts klar zu kommen? Und was ist die Philosophie des Pragmatismus überhaupt? Was für eine Eigengeschichte liefert sie mit, die ja zwangsläufig mitbearbeitet werden muß?

Die Konferenzen selber haben natürlich noch keine umfassenden Antworten auf diese Fragen gegeben. Wir selbst haben durch die Konzeption des Heftes versucht, wesentliche Linien herauszustellen. Da sind zunächst die bereits erwähnten Beiträge von Allen und Speaks, die als Vertreter einer jüngeren Generation und vielleicht auch mit einem eher landläufigen Verständnis von Pragmatismus für ein Zurückdrängen der Theorie aus der architektonischen Praxis plädieren. K. Michael Hays gibt ihnen die entsprechende Antwort. Richard Rorty und Céline Jouin behandeln jede/r auf seine/ihre Weise die Frage nach der Zwanghaftigkeit der Übertragung von philosophischen Ideen auf die Architektur, die zum Beispiel Architekten wie Peter Eisenman sowohl theoretisch als auch architektonisch in eine Position bringt, die durch besagte Konferenzen in Frage gestellt wurde. Und Ockman, Rajchman, Peter Galison und Hans-Joachim Dahms vertreten den Teil, der historisch am interessantesten, auf den ersten Blick vielleicht jedoch auch am verwirrendsten ist.

Der Rückblick auf bestimmte Vertreter der Moderne der zwanziger Jahre – Architekten, Künstler, Philosophen –, die nach ihrer Emigration in die USA einen Neubeginn gerade im interdisziplinären Bereich versucht haben, scheint zunächst einen Nebenzweig zu beleuchten, der obendrein in die Philosophie des logischen Positivismus des Wiener Kreises führt. Dennoch geben wir ihm in diesem Heft viel Raum, weil wir der Meinung sind, daß das Graben an dieser Stelle lohnt. Rajchmans Beitrag, der als einziger die Brücke zwischen den aktuellen Debatten um Neopragmatismus und dem logischen Positivismus baut, steht daher im Heft an prominentester Stelle. Leider expliziert er seinen Ansatz nicht bzw. setzt zuviel an Wissen voraus, deshalb haben wir mit anderen Beiträgen versucht, wenigstens die größten Lücken zu füllen. Dennoch wird nicht ausbleiben, daß der Zusammenhang zwischen diesen historischen Beiträgen über die zwanziger Jahre und den hier zuerst veröffentlichten Vortragsmanuskripten der Teilnehmer an den Pragmatismus-Konferenzen in New York auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist. Zu vage und zu versteckt sind die Fäden und Knotenpunkte in den jeweiligen Texten. Wir verzichten deshalb an dieser Stelle auf ein klassisches Editorial, das vor allem einen Überblick gibt, und wollen statt dessen durch das folgende Gespräch mit Joachim Krausse und Hans-Joachim Dahms insbesondere die Fragen klären, die die Beziehung zwischen der Philosophie des Pragmatismus und dem logischen Positivismus des Wiener Kreises betreffen. Denn Rajchmans Beitrag stiftet obendrein Verwirrung, da er die Differenzen betont und die Gemeinsamkeiten als Wissen voraussetzt. Wozu braucht man also den Rückblick auf den Positivismus des Wiener Kreises, um die aktuelle Debatte zu verstehen?

Joachim Krausse: Die drängende Frage, die bei diesem Rückblick aufkommt, und die zugleich klar macht, warum diese Pragmatismus-Debatte, die doch eigentlich das Verhältnis zwischen Philosophie und Architektur behandelt, gerade jetzt geführt wird, ist die Frage nach dem Prospekt einer globalen Kultur, in einer Zeit, da unser Selbstverständnis immer noch auf national und atlantisch getrennten Kulturen basiert. Diese Frage war aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert aktuell, bzw. wurde damals insbesondere von den Vertretern des Wiener Kreises als Suche nach einer Einheitswissenschaft, nach der “wissenschaftlichen Weltauffassung”, beantwortet. Zur Vereinheitlichung der Kommunikationsmittel in einer globalen Welt wurde nach einer Universalsprache gesucht. Da gab es verschiedene Ansätze. “Basic English” zum Beispiel, das u.a. für die Olympiade 1932 entwickelt wurde, bestand aus etwa 800 bis 1000 Wörtern Englisch, mit denen man alles ausdrücken konnte. In England ist man sogar so weit gegangen, daß man die Weltliteratur und wichtige philosophische Werke in Basic English übertragen hat. Was aber für die heutige Zeit und nicht nur für Architekten viel interessanter und bedeutender ist: eine Universalsprache ist von dem Wiener Kreis- Mitglied und früheren Leiter des Zentralwirtschaftsamtes der bayerischen Räterepublik Otto Neurath auch für die Bilder entwickelt worden. Sein bildstatistisches System, das er in Wien begonnen hat und später in der Emigration zu ISOTYPE (s. S. 68ff) entwickelt hat, ist der erste Versuch, globale wirtschaftliche, politische und soziale Zusammenhänge, die ja nur schwer zu überschauen und zu verstehen sind, in anschaulichen und komprimierten Bildern darzustellen, die universell verstanden werden können. Und diese Mengenbilder, wie er sie auch genannt hat, drücken nicht eine isolierte Information aus, sondern immer ein Verhältnis. Deshalb sind sie als Prinzip auch heute noch so lehrreich.

Hans-Joachim Dahms: Neurath hat sein bildstatistisches System ja auch Bildesperanto genannt. Überhaupt waren die Mitglieder des Wiener Kreises Anhänger künstlicher Universalsprachen wie Esperanto, Ido usw. Diese Suche nach einer Einheitswissenschaft hat auch die amerikanischen Pragmatisten beschäftigt. Anders wäre es nicht zu erklären, daß sich einige amerikanische Pragmatisten in der Zeit, als viele Vertreter des Wiener Kreises in die USA emigriert sind, zu einer Kooperation bereit gefunden haben, die in dem gemeinsamen Projekt der zwischen 1938 und 1970 erschienenen International Encyclopedia of Unified Science kulminierten. (Der vorletzte Band ist übrigens Thomas Kuhns Structure of Scientific Revolutions gewesen.) Es gibt aber noch mehr Übereinstimmungen zwischen Positivismus und Pragmatismus. Gemeinsam ist ihnen in inhaltlicher Hinsicht u.a. die Metaphysikkritik, auch wenn das nur einen kleinen Teil abdeckt. Die größten inhaltlichen Übereinstimmungen betreffen das jeweilige Vorhandensein einer Sinntheorie. Damit weichen sie von der herkömmlichen Philosophie oder auch der Wissenschaft ab, die in der Regel auf einer Theorie der Wahrheit gründen. Das heißt, daß Kritik häufig so artikuliert wird, daß man zum Beispiel den Wahrheitsanspruch bestreitet. Mit einer Sinntheorie geht man viel radikaler gegen Kontrahenten vor. Man bestreitet, daß jemand seiner Behauptung einen Sinn gegeben hat. Diese Auffassung findet sich sowohl im Pragmatismus als auch im Positivismus. Während die pragmatistische Regel besagt, daß der Sinn eines Begriffs oder eines Satzes in den Handlungskonsequenzen beschlossen liegt, entspricht er beim Wiener Kreis der Methode der Verifikation. Der Wahrheitsanspruch ist also nicht absolut, sondern hängt von der Schlüssigkeit der Methode der Bewahrheitung ab, also wie man zum Beispiel eine Behauptung, die man aufstellt, bewahrheiten würde. Im jeweils gegenteiligen Fall, wenn die Behauptung nach pragmatistischer Maxime keine Konsequenzen oder nach positivistischer keine Verifikationsmöglichkeiten hat, dann ist die Behauptung sinnlos. Und das nennen die Vertreter beider philosophischer Richtungen Metaphysik. Zudem sind beide szientistisch, das heißt, an der Wissenschaft orientiert. Sie haben beide auch ein starkes Interesse an Logik, was ja auch nicht allen Philosophien gemeinsam ist. Man sieht, es gibt eine Menge von Gemeinsamkeiten zwischen Pragmatismus und Positivismus, und es macht Sinn, diesen in bezug auf die Architektur zu diskutieren. Daher finde ich es auch nicht ganz richtig, daß John Rajchman nur die Unterschiede betont.

Ich frage mich nur, ob ausgerechnet dieser Beitrag von Rajchman als Einstieg für eine Diskussion über den Nutzen des amerikanischen Pragmatismus für die Architektur geeignet ist. Er scheint mir nämlich vor allem methodisch unklar. Eines seiner Hauptargumente für eine neue Auseinandersetzung mit dem Pragmatismus ist die Forderung nach disziplinübergreifendem Denken, weshalb er ja auch den erinnernden Rückblick auf das Verhältnis von Wiener Kreis zum Bauhaus und damit auf die Vorstellung einer Einheitswissenschaft, auf die “wissenschaftliche Weltauffassung" macht. Nur ist es natürlich klar, daß es heute nicht mehr um eine Einheitswissenschaft im positivistischen Sinne gehen kann, weshalb er die neo-pragmatistische Methode anbietet, die er aber nie genau erläutert. Er redet von Bildern, die zwischen verschiedenen Disziplinen wandern, doch das ist als Methode völlig unscharf. Nehmen wir nur einmal das Beispiel des von ihm eingeführten Bildes vom Fundament. Ein Fundament in der Philosophie ist etwas völlig anderes als die Gründung eines Gebäudes. Das gleiche gilt auch für das Gegenteil: den Anti-Fundamentalismus eines Richard Rorty. Ich weiß nicht, wie man Anti-Fundamentalismus für die Architektur fruchtbar machen will. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was das überhaupt sein sollte.

Darüber hinaus macht er nie klar, was mit der Anknüpfung an den Pragmatismus für die Architekturdebatte gewonnen wäre. Rajchman reflektiert über den Jamesschen Begriff “Things in the making" und stellt dabei die Idee des Zufalls heraus, die er sogleich mit der Urbanismusdebatte koppelt. In der Tat: Zufall haben wir im Städtebau ziemlich viel, sogar mehr als genug. Mir ist völlig unklar, worauf das hinauslaufen soll, wenn man das weiter ausbaut.

Krausse: Man kann den Beitrag von Rajchman als eine Art Kapitulationserklärung von Philosophen und Architekten vor der Realität werten, dennoch versucht er sich meiner Meinung nach auf komplexe neue Entwicklungen einzustellen, die etwas mit anderen Wahrnehmungsformen zu tun haben. Nimmt man zum Beispiel eine Agglomeration wie Los Angeles, dann stellt sich die Frage: wie beschreibt man solche nicht faßbaren Phänomene? Und in diesem Zusammenhang spielen Bilder, Bildsprachen und insbesondere das Diagrammatische eine große Rolle. Rajchman deutet an, daß den Diagrammen, die sich zwischen die Wahrnehmung und die Wirklichkeit schieben, eine besondere Bedeutung zukommt. So weit ich ihn verstanden habe, gilt das für Dinge, die sich gerade in der Entwicklung befinden, die also offene Systeme darstellen und wo der Zufall notwendigerweise eintritt. Man kann das Zufällige nicht einfordern, aber man kann ihm Rechnung tragen, weil man es gar nicht verhindern kann.

Daher ist es von mehr als historischem Interesse, wenn man an den Wiener Kreis und seine Suche nach einer Universalsprache erinnert. Otto Neurath ist gerade in diesem Zusammenhang die interessanteste Figur. Ihn hat nämlich beides beschäftigt: sowohl die Suche nach einer universellen Bildsprache als auch die Frage nach der Einbeziehung des Zufalls. Neurath, der nicht nur mit dem Bauhaus, sondern auch mit der CIAM verbunden war, ist der erste, der für den Gedanken universeller Bildsprachlichkeit Instrumente entwickelt hat. Zuerst hat er das meines Wissens für die Wohnungsgrundrisse versucht, die 1929 in Frankfurt ausgestellt wurden. Diese sollten international vergleichbar sein, deshalb mußte die Darstellung der Grundrisse standardisiert werden, um jede Art von Übereinstimmung und Differenz genau erkennen zu können. Danach arbeitet Neurath für die CIAM. Er versucht, eine graphische Methode zu entwickeln, mit der man Stadtpläne vergleichen kann, und zwar nach ihrer historischen Entwicklung. Dazu taugen jedoch die herkömmlichen Stadtpläne nicht, das bedarf einer graphischen Reduzierung, Vereinheitlichung und Normierung. All dies entwickelt Neurath nicht als isolierte Fragestellung, sondern immer in bezug auf die Entwicklung der Weltgesellschaft.

Neurath beschäftigt sich aber auch mit dem Problem der Planung, nicht nur mit dem der Beschreibung. Und schon in seinen frühen Schriften erwähnt er die Unmöglichkeit, etwas zu planen, ins Werk zu setzen und zugleich die Konsequenzen abzusehen. Man sieht: er ist schwer gegen die Pragmatisten abzugrenzen. Dieser Haltung war er sich sehr bewußt; sie wird durch seine berühmte Schiffsmetapher sehr gut illustriert. In seinem Buch Anti-Spengler schreibt er bereits 1921: “Es gibt keine Tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können. Nur die Metaphysik kann restlos verschwinden. Die ‘unpräzisen Ballungen’ sind immer irgendwie Bestandteil des Schiffes. Wird die Unpräzision an einer Stelle verringert, kann sie wohl an anderer Stelle verstärkt wieder auftreten." Diese Umbau-Idee geht zum Beispiel bei dem Aufsatz von Peter Galison verloren, da er die Idee des Aufbaus pointiert und den Positivismus hauptsächlich mit Rudolf Carnap identifiziert. Die Umbau-Idee von Neurath dagegen ist eine aktuelle und trifft auch auf eine aktuelle Erfahrung. Es gibt keine tabula rasa. Man kann nicht absolut von vorne anfangen.

Diese Schiffsmetapher erinnert an Koolhaas’ berühmtes Bild vom Surfer, der auf den Wellen reitet: er beherrscht sie nicht, aber er kennt sie. Wahrscheinlich meint Rajchman solche Metaphern, wenn er von Bildern spricht, die wandern. Sie sind weit genug, um vielen und vielem Platz zu geben. Sehr unwissenschaftlich, aber in der Architektur recht beliebt. In diesem Fall ist das Interessante, daß beide Metaphern – die vom Schiff und die vom Surfer – die Idee eines Daseins auf See beschreiben: handlungsfähig und stabil nur, solange man in Bewegung bleibt.

Dahms: Die Metapher von Neurath ist aber klar: wir sitzen wie der Fliegende Holländer auf hoher See und können in keinen Hafen einkehren. Deshalb sind wir darauf angewiesen, zufällig vorbeischwimmendes Holz mitzunehmen, zumeist jedoch unsere alten Masten zu zersägen und neu zusammenzusetzen. Die Alternative wäre ja, daß man das Schiff aufs Trockendock bringen könnte und es mit ganz neuen Materialien auffüllen könnte. Das, so sagt Neurath, ist aber prinzipiell in der Wissenschaft und in der Philosophie nicht möglich. Und wahrscheinlich auch nicht in der Architektur.

Es ist daher tatsächlich fahrlässig, wenn man den Wiener Kreis bzw. den logischen Positivismus ausschließlich mit so fundamentalistischen Denkern wie Rudolf Carnap oder Moritz Schlick identifiziert. In seinem Aufsatz “Die Verirrten des Descartes und das Auxiliarmotiv" artikuliert Neurath eine eindeutig pragmatistische Einstellung, die gegen das Sicherheitsdenken gerichtet ist, das von einem sicheren Fundament der Erkenntnis im Sinne Descartes’ ausgeht, also erst einen methodischen Zweifel anmeldet, der dann auf das zweifelnde Subjekt zurückgeführt wird, um von da aus alles wieder von vorne aufzurollen. Für Neurath ist das purer Blödsinn, und damit befindet er sich in völliger Übereinstimmung mit den Pragmatisten. Und Neurath bleibt nicht bei theoretischen Überlegungen, sondern bezieht sich auch auf die Handlungsorientierung. Es kann häufig so sein, so Neurath, daß man für eine Entscheidung keine andere Wahl hat als Knöpfe zu zählen, statt sich über alle Grundlagen Gedanken zu machen. Das nennt er das Auxiliarmotiv. Neurath ist nicht der einzige im Wiener Kreis gewesen, der so gedacht hat, insbesondere der führende Architekt im Wiener Kreis, Josef Frank, war genau aus demselben Holz. Daher ist es interessant, daß sie heute wieder in die Debatte kommen. Carnap und Schlick haben sich dagegen viel Gedanken um das Fundament der Erkenntnis gemacht. Es ist also kein Wunder, daß Carnap mit Neurath in der sogenannten Protokollsatzdebatte heftig über Kreuz geraten ist. Historisch tut man gut daran, diese Differenzen stärker herauszuarbeiten.

Krausse: Neurath ist ja gar nicht richtig rezipiert worden, unter anderem weil er unakademisch gedacht hat. Er fällt zwischen die (Lehr)Stühle der einzelnen Disziplinen und wird auch dementsprechend selektiv rezipiert. Dabei lohnt es sich gerade heute, die verschiedenen, scheinbar disparaten Teile seines Werkes zusammenzudenken. Die einen sehen nur den Logiker des Wiener Kreises, wieder andere den Militärtheoretiker und Kriegswirtschaftswissenschaftler, und die meisten kennen ihn vielleicht als Bildpädagogen. Doch wie gehört das zusammen? Es fällt auf, daß Neurath den Geldausdrücken, dem Monetarismus nicht traut. Das liegt in den Erfahrungen der Kriegswirtschaft begründet. Die Kriegswirtschaft zählt ja nicht in Geld, sondern in Säcken und in Vorräten. Dieses System, wie man Naturalien erfassen kann, hat ihn interessiert. Von diesem Moment an versucht er, globale Bestandsaufnahmen zu machen. Dazu braucht er aber eine Bildsprache. Diese entwickelt er zusammen mit Gert Arntz bis etwa 1930. Mit dem imposanten Atlas “Wirtschaft und Gesellschaft" gibt er eine Zusammenfassung seiner Tätigkeiten in Wien. In der Folgezeit wurde diese Sprache für Rußland angewendet, in der Emigration in Holland weiterentwickelt und später in England wurde es zum System ISOTYPE. Doch es handelt sich immer um das gleiche System: die erste Weltbestandsaufnahme. Fundamental dafür sind Graphismen, also das, was wir heute “mapping" und “diagramming" nennen. Denn wir brauchen unbedingt ein komplexes Informationssystem, das wie das Neuraths in der Lage ist, Statistik anschaulich begreifbar zu machen. Neuraths Piktogramme sind geeignet, die Weltvorratswirtschaft seiner Zeit zu charakterisieren und vergleichend zu handhaben. Diese Piktogramme, also Icons, und bestimmte diagrammatische Dispositive stehen als Informationssystem und universelles Werkzeug zwischen einer komplexen Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung, und vor allem sind sie von Neurath so entwickelt worden, daß sie die Intervention ermöglichen. Sucht man heute nach solchen universellen Bildwerkzeugen, dann findet man doch eigentlich nur die Börsendiagramme. Diese können aber nur zu einer Handlung anleiten, die keinerlei Anhaltspunkt hat, die nur auf Vermutung und auf Gambling beruht. Sie lassen nicht zu, daß man interveniert, außer daß man Investments tätigt oder nicht. Es fehlt ein Instrument an dieser Stelle, und dieses Instrument hat Neurath auf der Informationsebene gesucht. Er hat nämlich ein ökotechnisches Instrument für die Wirtschaft entwickelt.

Diagramme und graphische Systeme müssen nicht nur zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung stehen, sie können diese selbst sein. Der Entwurf von OMA für die Bibliothek in Seattle basiert offenbar auf Zeitdiagrammen, die das Graphikdesign- Büro von Bruce Mau über die Geschichte des Buches und der Bibliothek erstellt hat, weil OMA dem Neubau einer öffentlichen Bibliothek die Frage nach ihrer Bedeutung und Funktion im medialen Zeitalter voranstellen wollte. Die unterschiedlich langen Zeitschienen, die nun in den Diagrammen von Bruce Mau auftauchen (s. S. 56ff) korrespondieren nun zum einen dem Bild von lose aufeinandergestapelten Büchern, genauso wie den klassischen Balkendiagrammen, die OMA in diesem Fall für das Raumprogramm der Bibliothek erstellt hat. Durch leichtes Verschieben einzelner Balken wird das Bild des Balkendiagramms an die Diagramme von Bruce Mau angepaßt. Die Räumlichkeit, die dadurch entsteht, wird unmittelbar für die vertikale Organisation des gesamten Gebäudes genutzt. Das heißt: das Diagramm ist der Gebäudeschnitt. Und darüber hinaus soll dieser Schnitt zugleich das Logo der Bibliothek im öffentlichen Auftritt, vor allem im Internet sein. Durch Anklicken der einzelnen Plattformen (Balken, Schienen etc.) gelangt man auf die ebenfalls graphisch dargestellten Grundrisse, also in das Gebäude und seine Programminhalte hinein, womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären: einer öffentlichen Bibliothek und ihrer verschiedenen Funktionen und Medien im 21. Jahrhundert. Man könnte zugespitzt sagen, daß die Bibliothek von Seattle durch die bewußt aufgenommenen formalen Analogien auf allen Wahrnehmungsebenen – reales Gebäude, Website, Entwurf, als Geschichte – als Diagramm oder graphisches System existiert. Diese Tatsache ermöglicht, daß jeder Besucher der Bibliothek diese bereits vor Betreten des realen Gebäudes wie in einer Art Training kennenlernen kann. Genauso wie das Haus entworfen wurde, nämlich als unmittelbare Darstellung des Verhältnisses zwischen Buch und neuen Medien, ist nun auch die Beziehung der Besucher zu der Bibliothek: als stets neu auszuprobierendes Verhältnis zwischen privat und öffentlich, zwischen real und virtuell, zwischen Print- und elektronischen Medien etc.

Krausse: Hier ist einmal der Versuch gemacht worden, den realen, gebauten Raum zum virtuellen Raum in eine Beziehung zu setzen. Wir merken ja aus den Problemen der Gestaltung der virtuellen Räume, daß sie sich trotz aller phantastischen Inhalte am Vorbild der Architektur orientieren. Die Notwendigkeit des räumlichen Denkens ergibt sich aus kognitiven Notwendigkeiten. Wie ja die Gedächtnisforschung mehr und mehr nachweist: es gibt nichts Neues unter der Sonne. Aus mnemotechnischen Gründen braucht man, wenn man etwas auffinden oder wiederfinden will, wenn man also navigieren will, das Vehikel der räumlichen Zuordnung. Im Grunde lehnt sich der Entwurf für Seattle an das berühmte U-Bahn-Netz- Diagramm von 1930 für die Londoner Subway an, das für deren Nutzung unumgänglich geworden war. Würde man statt dessen das tatsächliche Geschlinge im Londoner Untergrund sehen bzw. darstellen, wäre doch jeder in seinem Vorstellungsvermögen überfordert. Um handlungsfähig zu sein – und handlungsfähig zu sein ist das, was Neurath und die Pragmatisten eint – sind graphische Informationssysteme vonnöten. Der Unterschied zu Seattle ist, daß die Londoner U-Bahn damit nicht entworfen wurde. Bei der Bibliothek kommt zuerst das diagrammatische Dispositiv, nach dem der reale Raum organisiert wird. Das ist etwas Neues. Bis dahin haben Karten immer nur bereits bestehende Topographien beschrieben.

Könnte man also sagen, daß die Idee des Pragmatismus, wenn man sie so versteht, in einer komplexen und zugleich global wirksamen Wirklichkeit handlungsfähig zu bleiben, vor allem bedeutet, nach neuen Darstellungsmitteln und –formen zu suchen? Nach solchen, die Bestehendes neu oder anders erklären, und nach solchen, die Neues projizieren? Und ist das überhaupt so überraschend? Daß in der Architektur die Darstellungsformen nun schon seit Jahrhunderten kanonisiert sind – Grundriß, Ansicht, Schnitt, Modell, eventuell Perspektive –, also mit einem Vokabular, das möglichst getreu abbildet, entsprechend einer Bauanleitung, ist doch schon früher infrage gestellt worden. In dem Augenblick, da andere Fragen und Probleme außer stilistischen und bautechnischen relevant wurden, nämlich soziale, medientechnische, wirtschaftliche usw., wurde doch auch nach anderen Darstellungsformen gesucht. Le Corbusiers Art, den Entwurf selber als Idee oder Konzept skizzen- und comicartig darzustellen, ist zwar insbesondere während der postmodernen Epoche nie weitergedacht und - entwickelt worden, taucht aber nun schon seit einigen Jahren in verschiedenen Formen wieder auf. Denn man kommt heute gar nicht mehr daran vorbei, den Entwurfsprozeß offen zu halten, um aufgrund veränderter Bedingungen oder Wünsche eingreifen jederzeit zu können. Wir haben deshalb für dieses Heft solche Projekte ausgesucht, die dies entweder in programmatischer Hinsicht tun, wie die Bibliothek für Seattle und das Atelierhaus Am Kölner Brett von b&k+, oder in energetischer Hinsicht, wie das Wohnhaus Sobek und die Biosphäre von Barkow Leibinger. Alle vier Projekte sind experimentell, und experimentell zu sein ist das, was notwendig ist, wenn man weiß, daß es keine Korrespondenz mehr gibt zwischen der Sprache, der Struktur der Sprache und der Ordnung der Dinge. Aber: wo man Fragen stellen kann, da findet man auch Antworten – ein Leitsatz des Wiener Kreises.

Krausse: In diesem Zusammenhang muß man auf noch einen gemeinsamen Punkt zwischen Pragmatismus und Wiener Kreis hinweisen, nämlich die Akzentuierung des symbolischen Systems. Peirce begründet bekanntlich das semiotische System. Und gerade heute ist es wichtig, die Zeichenhaftigkeit in Vorstellungen vom Handeln und vom Denken, das durch Handeln korrigiert oder bestätigt wird, einzubeziehen. Beim Frankfurter Flughafen zum Beispiel muß ein Piktogrammsystem leisten, was die Architektur nicht mehr kann. Und die Folge davon ist, daß wir nun die Umkehrung erleben: die bildsprachlichen Zeichen und diagrammatischen Dispositive stehen jetzt am Anfang der Herstellung von Gebäuden. Und tatsächlich fängt Le Corbusier damit schon an. Seine Skizzen geben in interessanter Weise darüber Aufschluß, wie sich das Verhältnis vom Betrachter zur gebauten Umwelt oder zur Gesellschaft in der gebauten Umwelt herstellen soll. Er artikuliert das durch die Skizzen, und wir müssen es mit Diagrammen oder mit “mapping" machen. Doch es bleibt ein wichtiges Problem offen. Was ist überhaupt ein Bild? Es ist nämlich mit dem Subjekt-Objekt-Schema nicht zu fassen. Die Beschäftigung mit den Bildern und den Bildsprachen ist eine aktuelle Aufgabe, weil wir nicht anders handlungsfähig werden als durch das Medium hindurch. Noch ehe etwas geplant ist, wird es in irgendeiner Weise simuliert, elektronisch vorgezaubert. Die Bilder eilen den Gegenständen voraus – “things in the making" – und sie sind nicht nur eine Dokumentation des Objekts oder der Situation, dem Geschehen hinterherlaufend. Und weil wir heute mit einer solchen Vielzahl von neuen Medien, Techniken und Methoden konfrontiert sind, müssen wir das, was uns immer so selbstverständlich schien, neu untersuchen.

 

1 The Pragmatist Imagination. Thinking about ‘things in the making’”: Workshop- Konferenz an der Columbia University, New York, am 1.5. und 2.5. 2000, an der u.a. Joan Ockman (Organisation), John Rajchman, Jean-Louis Cohen, Rosalyn Deutsche, Kenneth Frampton, Jonathan Crary, Peter Galison, Mary McLeod, Andreas Huyssen, Saskia Sassen teilgenommen haben. Die Ergebnisse sind unter demselben Titel bei Princeton Architectural Press erschienen, herausgegeben von Joan Ockman (auch als e-book erhältlich).

“Things in the Making: Contemporary Architecture and the Pragmatist Imagination”: Konferenz am Museum of Modern Art, New York, am 10.11. und 11.11. 2000. Sie bestand aus EinführungsvortraÅNgen der beiden Organisatoren Terence Riley und Joan Ockman und von John Rajchman, und aus Podiumsdiskussionen, u.a. einem Dialog zwischen Richard Rorty und Peter Eisenman und einem zwischen Cornel West und Rem Koolhaas. Weitere Diskussionsteilnehmer bzw. Referenten waren u.a.: K. Michael Hays, Stan Allen, Robert Somol, Robert Bruegmann, Caroline Bos, Mark Wamble, Rosalyn Deutsche. Die Ergebnisse werden im Herbst dieses Jahres veröffentlicht.

 

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!