ARCH+ 156

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Erschienen in ARCH+ 156,
Seite(n) 37

ARCH+ 156

Zum Teufel mit der Theorie

Von Rorty, Richard

Wenn ein heutiger akademischer Linker sagt, etwas sei “nicht genügend theoretisch aufgearbeitet", kann man ziemlich sicher sein, daß er oder sie alsbald mit Sprachphilosophie, Lacanscher Psychoanalyse oder einer neomarxistischen Version des ökonomischen Determinismus daherkommen wird. Die linken Theoretiker meinen, es trage zum Sturz der herrschenden Ordnung bei, wenn man politisch Handelnde in ein Spiel differenzieller Subjektivitäten auflöst oder politische Initiativen in das Streben nach Lacans unmöglichem Objekt des Begehrens. Eine solche Subversion, sagen sie, komme zustande durch “Problematisierung geläufiger Begriffe".

Die jüngsten Versuche, gesellschaftliche Institutionen durch Problematisierung von Begriffen zu untergraben, haben ein paar ausgezeichnete Bücher hervorgebracht. Und dazu viele tausende, die in schlimmster Form scholastisch philosophieren. Die Verfasser dieser angeblich “subversiven" Bücher glauben aufrichtig, der menschlichen Freiheit zu dienen. Doch ist es fast unmöglich, von da wieder auf ein Abstraktionsniveau herunterzugelangen, auf dem man den Wert eines Gesetzes, eines Vertrages, eines Kandidaten oder einer politischen Strategie erwägen kann. Zwar ist das, worüber diese Autoren “theoretisieren", oft etwas sehr Konkretes und Vordergründiges – eine aktuelle Fernsehsendung, ein Medienstar, ein neuer Skandal –, doch sie bieten nur die abstraktesten und verquersten Erklärungen, die man sich vorstellen kann.

Diese vergeblichen Versuche, über die Philosophie zu etwas politisch Gehaltvollem zu gelangen, sind ein Symptom dafür, wozu es führt, wenn sich eine Linke vom Aktivismus zurückzieht und gegenüber den Problemen ihres Landes eine Zuschauerrolle einnimmt. Die Ablösung von der Praxis führt zu theoretischen Halluzinationen und diese zu einem geistigen Klima, das Mark Edmundson in seinem Buch Nightmare on Main Street als mittelalterlich-bitzarr [gothic] bezeichnet. Die kulturelle Linke wird von allgegenwärtigen Gespenstern heimgesucht, und das schrecklichste davon heißt “die Macht" – nach Edmundson Foucaults “Etwas, das überall und nirgends ist und so ungreifbar und so hartnäckig wie ein leibhaftiger Spuk". (...) Die Allgegenwart der Foucaultschen Macht erinnert an die des Satans und damit an die der Erbsünde – den teuflischen Fleck auf jeder menschlichen Seele.

aus: Richard Rorty, Stolz auf unser Land, Frankfurt am Main 1999, S. 88-92

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