ARCH+ 184

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Erschienen in ARCH+ 184,
Seite(n) 82-83

ARCH+ 184

Mutation

Von Aedificia + LaPointe Magne & Ass.

Institut de tourisme

Das in den 70er Jahren erbaute, im Quartier Latin von Montreal gelegene Institut de tourisme et d’hôtellerie du Québec galt als eines der ungeliebtesten Gebäude Montreals. Seine strengen metallischen Fassaden waren so anonym, dass es statt der größten Ausbildungsstätte Kanadas für Tourismus, Gastronomie und Hotellerie genauso gut ein Heizkraftwerk oder ein Parkhaus hätte beherbergen können. Ziel des Bauherren war daher, neben der funktionalen und technischen Verbesserung, auch die Aufwertung des Images der Anlage. Durch eine zweite Haut aus durchsichtigem und farbigem Glas sowie aus Metallgewebe wurde eine “Mutation” des Gebäudes eingeleitet, die ihm eine neue Identität verlieh. Der Schulbetrieb sollte während der Bauzeit weitergeführt werden, so musste das Gros der Bauarbeiten in kürzester Zeit während zwei aufeinanderfolgenden Sommerferienperioden erfolgen.

Die neue Doppelfassade erlaubte nicht nur die optische Aufwertung der Gebäudehülle, sondern bot außerdem die Vorteile einer nachhaltigen und wirtschaftlichen Lösung. Sie variiert an allen vier Seiten des Turms. Entlang der Rue Berri, einer stark befahrenen Verkehrsader, ist die Fassade am ruhigsten, während sie entlang der schmalen Rue de Malines und Rue de Rigaud mit Balkonen für die Hotelgäste ausgestattet ist. Die Turmfassade mit Blick über die Freizeit- und Einkaufsstraße Saint-Denis erzeugt mit ihrer sägezahnförmigen Ausformung aus durchsichtigen und gelben Glasscheiben einen dynamischen Rhythmus. Die Doppelfassade saugt die Luftmenge, die ins Gebäude strömt, in sich auf, wärmt sie vor und verbessert dadurch die gesamte thermische Leistung des Komplexes.

Für die ganzjährige natürliche Belüftung – ein nach wie vor seltenes Merkmal der üblicherweise mechanisch belüfteten nordamerikanischen Gebäude, konnten einige der bestehenden Fensteröffnungen genutzt werden, wodurch die Instandsetzungskosten der Fassade reduziert werden konnten. Die funktionalen Verbesserungen beinhalten neue Lebensmittellabore, Lehrküchen, Werkstätten für Konditormeister und Chocolatiers, eine gekühlte Werkstatt für Catering-Kurse, einen speziellen SommellerieRaum (für die Ausbildung von Weinkellnern), ein Multimedia-Dokumentationszentrum und einen Vortragssaal für 80 Personen.

Das ITHQ ist eine der wenigen Hotelfachschulen weltweit, die über ein eigenes Schulungshotel mit 42 Zimmern verfügt. Im Gebäude wird mit Gas geheizt und gekocht, Strom wird zum Kühlen und für die Beleuchtung genutzt. Die Betriebskosten pro Stunde haben sich mittlerweile mehr als halbiert, was es der Schule ermöglichte, trotz steigender Energiekosten ihre Betriebsstunden zu verdoppeln und entsprechend mehr Kurse anzubieten. Vor der Sanierung (2002-03) belief sich der Gasverbrauch bei über 8.000 Betriebsstunden auf 340.758 m3, nach der Sanierung (2005-06) sank der Verbrauch trotz Verdoppelung der Betriebsstunden auf 287.169 m3. Auch der Stromverbrauch ist trotz doppelter Betriebszeiten mit 8.100.000 KW/h noch leicht gesunken.

Die neue Haut aus Glasund Metallgewebeschichten ermöglicht dem alten Bauwerk, mit seiner Nachbarschaft in Kontakt zu treten. Nachts stellt das Schaufenster des ITHQ Nahrungsmittelprodukte Quebecs aus, das schuleigene HighEnd-Restaurant stärkt die Gebäudepräsenz.

Auf zwei Ebenen der seitlichen Turmfassaden fassen Stahlträger die Balkone der Hotelzimmer ein. In Richtung Saint-Denis Street ist die neue Konstruktion selbsttragend und vom Gebäude abgerückt. An ihr hängt die sägezahnförmige Vorhangfassade aus gelb gefärbten Scheiben.  

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