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ARCH+ 169/170


Erschienen in ARCH+ 169/170,
Seite(n) 26-32

ARCH+ 169/170

Zelle und Weltblase

Von Sloterdijk, Peter

Zur Explikation der ko-isolierten Existenz durch das Apartment

 

Es kommt die Stunde und ist schon gekommen, daß ihr zerstreut werdet, ein jeglicher in das Seine ... Evangelium des Johannes 16, 32 Wer die Geschichte der neueren Architektur in ihrem Zusammenhang mit den Lebensformen der mediatisierten Gesellschaft studiert, erkennt sofort, daß die beiden erfolgreichsten architektonischen Innovationen des 20. Jahrhunderts, das Apartment und das Sportstadion, in einer direkten Relation zu den beiden umfassendsten sozialpsychologischen Tendenzen der Epoche stehen: der Freisetzung von alleinlebenden Einzelnen mit Hilfe von individualisierenden Wohn- und Medientechniken und der Zusammenballung von gleicherregten Massen mit Hilfe von veranstalteten Ereignissen in faszinogenen Großbauten. Wir lassen für den Augenblick unbetont, daß die affektive und imaginäre Synthesis der modernen “Gesellschaft” eher durch Massenmedien, das heißt telekommunikative Integration von Nicht-Versammelten, als durch physische Versammlung geschieht, während die operative Synthesis sich über Marktbeziehungen regelt. Zelle und Weltblase Das moderne Apartment – das in der Literatur auch als Einzimmerwohnung oder, anspruchsvoller, als Einraumwohnung1 zur Sprache kommt – materialisiert die Tendenz zur Zellenbildung, in der man das architektonische und topologische Analogon zum Individualismus der modernen Gesellschaft erken- nen kann. Zur Deutung der individualistischen Bestrebungen begnügen wir uns an dieser Stelle mit einer Feststellung, die Gabriel Tarde schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts notiert hatte: “Der zivilisierte Mensch von heute strebt eigentlich nach der Möglichkeit, auf menschliche Unterstützung zu verzichten.”#2 An der Entwicklung des Apartmentbaus läßt sich ablesen, daß nichts voraussetzungsvoller ist als die scheinbar natürliche Erwartung, daß auf eine Person mindestens ein Zimmer komme oder auf einen Kopf eine Wohneinheit. Wie der sowjetische Modernismus im Mythos der Kommunalwohnung sich kondensierte, die als Prägestock des kollektivtauglichen Neuen Menschen fungieren sollte, so zieht sich der Modernismus des Westens im Mythos des Apartments zusammen, wo sich das freigesetzte, im Kapitalstrom flexibilisierte Individuum der Pflege seiner Selbstbeziehungen widmet.

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