ARCH+ 152/153


Erschienen in ARCH+ 152/153,
Seite(n) 36-45

ARCH+ 152/153

Synopse: Mein Internet-Palazzo

Von Schuler, Matthias /  Schnell, Angelika

Wohnen / Arbeiten / Hygiene / Essen
Soundvibrierende Badwanne, elektronische Haustiere, unsichtbare Diener, sprechende Wände, intelligente Kühlschränke, Szenarienschalter, Emotion- Container: das moderne Internet-Haus läßt keine Bedürfnisse und keine Laune mehr aus und seien sie noch so skurril. Verpackt in stinknormale Einfamilienhäuschen propagieren die Herstellerfirmen von "Online-Häusern" und "intelligenten" Produkten unter der Hand einen Lebensstil, der seine Vorläufer im späten 19. Jahrhundert hat. Neben den technisch aufgerüsteten Märchenschlössern Ludwigs II. von Bayern bietet die Literatur zahlreiche Beispiele für die Feier des Künstlichen, des Absonderlichen, des Simulierten und des Hybriden. Zum Brevier der französischen Décadence wurde sehr schnell der 1884 erschienene Roman "A rebours" (dt.: Gegen den Strich) von Joris Karl Huysmans, der zum Kreis um Zola gehörte, jedoch mehr von Baudelaire, Mallarmé und Poe beeinflußt war. Er erzählt die Geschichte des Duc Jean Floressas Des Esseintes, dem durch Inzest geschädigten letzten Sproß einer alten französischen Adelsfamilie, der sich in der Mitte seines Lebens aus Erschöpfung und Weltekel in ein kleines Häuschen in der Umgebung von Paris zurückzieht und sich dort "einrichtet". Seine fiebrige Suche nach den raffiniertesten Inszenierungen seines Lebens und seiner Person ist das Thema des Romans und endet in einer ausgewachsenen Neurose. Seitenweise reflektiert und assoziiert der Herzog über Farben, Formen, Stoffe, Blumen, Juwelen, Gerüche, Musik, Sprache, Bilder, Religion, doch seine Aufmerksamkeit gilt nie der Architektur des Hauses, sondern ausschließlich seiner Ausstattung, die völlig seinem nervösen Geist angepaßt sein muß und in die auch das alte Dienstbotenehepaar, das er behalten hat, einbezogen wird. Was gegen Ende des 19. Jahrhunderts Dandy genannt wurde und ausschließlich vermögenden Müßiggängern vorbehalten war, ist durch die elektronische Vernetzung des Hauses mit dem Internet und sämtlicher Systeme und Geräte im Haus untereinander keine Kunst mehr und jedem möglich. Im folgenden werden daher Zitate aus "A rebours" mit der Erlebniswelt des Internet-Hauses parallelisiert, das ebenso wie Des Esseintes sein Glück im Simulierten und Künstlichen findet...
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