ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 116-117

ARCH+ 186/187

Exkurs Buchdruck: Dieses wird jenes töten

Von Hugo, Victor

[…] (W)ir (werden) uns einen Augenblick dabei aufhalten nachzuforschen, welches wohl der Gedanke sein mochte, der sich hinter den rätselhaften Worten des Archidiakons verbarg: „Dieses wird jenes töten. Das Buch wird das Gebäude töten.“ Nach unserer Meinung hatten diese Worte einen zweifachen Sinn. Zunächst war es der Gedanke eines Priesters. Es war der Schrecken eines Geistlichen vor einer neuen Kulturmacht: der Buchdruckerkunst. Es war das Entsetzen und das Staunen eines Kirchendieners, der geblendet vor der Presse Gutenbergs stand. Die Kanzel und das Manuskript, das gesprochene und das geschriebene Wort waren es, die über das gedruckte Wort in Schrekkengerieten […]. Es war die Klage des Propheten, der bereits die mündig gewordene Menschheit brausen und wogen hört; der in Zukunft die Religion durch die Erkenntnis untergraben, das Dafürhalten des einzelnen den Glauben entthronen sieht und der weiß, daß die Welt die Herrschaft Roms stürzen wird. Es war die Weissagung des Philosophen, der den menschlichen Gedanken, von der Presse beflügelt, aus dem theokratischen Destilliergefäß sich verflüchtigen sieht; der Schrecken eines Soldaten, der den ehernen Sturmbock betrachtet und spricht: „Der Turm wird einstürzen.“ Das bedeutete, daß eine Macht an die Stelle einer andern Macht treten wollte; das wollte sagen: die Druckerpresse wird die Kirche töten. ...
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