ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 148-151

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Interview-Marathon: Thomas Bayrle

Von Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich /  Bayrle, Thomas

Hans Ulrich Obrist: Willkommen, Thomas Bayrle. Wir haben selbst viele Fragen, aber vorhin erwähntest Du das Code-Wort „Rosenkranz“. Möchtest Du damit beginnen, diesen Code offenzulegen? Thomas Bayrle: Als junger Mann lernte ich Maschinenweber in einem süddeutschen Textilbetrieb. Die Zeit von 1956 bis 1958 verbrachte ich vor Webautomaten und anderen Textilveredlungsmaschinen. Dieser Umgang mit Stoffen und Geweben hat mich sehr geprägt: Einerseits interessierte mich die rigide Technik, bei der es vordergründig um Flächen geht. Andererseits interessierte mich aber auch die Vorstellung, dass es bei Stoffgeweben genau genommen um minutiöse Reliefs aus Über- und Unterführungen von Tausenden von Fäden geht. Strukturell kann so ein Stoff ein ganz monotones Leinengewebe sein. Oder ein Jacquard-Gewebe, welches eine Unzahl von Bindungsvarianten hat. So ein Bildmotiv ist stofflich und strukturell total individuell. – Mehr noch als die Struktur der verschiedenen Gewebe, faszinierte mich jedoch der Maschinen-Rhythmus – der kollektive Sound aller Maschinen zusammen, der wie ein riesiger Film über dem Maschinenraum lag. Um in diesem Krach „zu überleben“, musste ich auf das Stöhnen und Stampfen der Maschinen eingehen. Man musste sich mit ihrem Rhythmus kurzschließen und sich so in das Innenleben des Webautomaten hineinbegeben. In der Raserei dieser Halle konnte man schreien/toben/singen, so laut man konnte – und trotzdem hörte niemand etwas. Es gab Situationen, in denen ich absackte und für Sekunden regelrecht in einen Wachtraum fiel. An einem gewissen Punkt von Sinnesüberreizung stellte sich ein einschneidendes Erlebnis ein: Bei einer bestimmten Frequenz begann meine Maschine, „menschlich zu singen“. Aus dem Inneren des Getriebes drang plötzlich ein leises, menschliches Jammern. Das erregte mich total – und ich hörte tiefer in die rasende Materie hinein ... Bei einer bestimmten Drehzahl näherten sich Mensch und Maschine gänzlich an – ich hörte jetzt plötzlich Nonnen den Rosenkranz singen. Nass geschwitzt sah ich die Betschwestern vor mir in einem dunklen Kirchenschiff sitzen. Leise und monoton murmelten sie immer und immer wieder die gleichen Strophen: ... heilige Maria voll der Gnaden, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes ... bitt für uns ... bitt für uns ... bitt für uns ... Rhythmisch wie der Treibriemen einer Dampfmaschine klang das: bitt für uns ... bitt für uns ... bitt für uns ... Oh boy, das war ein Alarmzeichen! Als dieses Erlebnis öfters vorkam, quittierte ich den Dienst. ...
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