ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 168-169

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Interview-Marathon: Marie-Luise Scherer

Von Scherer, Marie-Luise /  Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich

Marie-Luise Scherer im Gespräch mit Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist
Rem Koolhaas: Frau Scherer, würden Sie sich selbst als Journalistin oder als Schriftstellerin bezeichnen? Oder glauben Sie, dass es zwischen beiden Berufen keinen Unterschied gibt?Marie-Luise Scherer: Vielleicht kann ich die Frage anders beantworten. Im Rückblick auf meine Anstellung beim Spiegel würde ich ambitionierte Reportagen als schwerer bezeichnen. Zurzeit versuche ich mich an einem Roman und manchmal meine ich, das sei leichter, weil Sie beim Roman keine Rücksicht auf Zeugen zu nehmen haben.Hans Ulrich Obrist: In Interviews haben Sie immer wieder erwähnt, dass Sie sehr wenige Artikel geschrieben haben, manchmal nur einen oder zwei pro Jahr; und dennoch waren Sie fest angestellt. Dass eine Zeitschrift einem Autor oder einer Autorin eine lange Recherchenzeit einräumt und dann ein Mehrfaches an Zeit für das Schreiben, ist ungewöhnlich. Wie war dieses Anstellungsverhältnis beim Spiegel?MLS: Solche Privilegien haben auch einen Preis: Ich habe weniger verdient. Die Freiheit kostet etwas. Ich habe auch zunehmend das Schreiben nach Hause verlagert. Irgendwann hatte ich kein Bürozimmer mehr in der Redaktion, die ja kurzfristig produzieren muss; ich fühlte mich als Langsamschreiberin deplatziert. So gesehen war ich insgesamt billig.RK: Haben die Leute beim Spiegel das auch so gesehen?MLS: Nein. Die halten einen immer auf der Flamme des schlechten Gewissens. Immer.RK: Wie erklären Sie sich das Überleben und die Blüte des Journalismus in Deutschland? Der im Vergleich zu anderen europäischen Ländern unglaublich hohe Standard kann ja nicht nur mit niedrigen Honoraren erklärt werden.MLS: Herr Koolhaas, ich bin keine prototypische Journalistin. Ich kann das sagen, denn ich kann nicht einmal mit dem Computer schreiben; und als ich Ihr Büro „OMA“ im Internet gesucht habe, landete ich bei einer Website für „Leih-Oma“… Ich befinde mich eigentlich schon immer auf einer fernen Lichtung dieses Berufes. Und zu der Frage wie der Journalismus überleben kann – ich denke, er wird es einfach.RK: Wegen der größeren Toleranz gegenüber einer gewissen Langsamkeit in Deutschland?MLS: Ich glaube, diese Toleranz gegenüber Langsamkeit existiert nicht generell. Man muss das aushalten können, langsam zu sein. Denn Sie spüren wie in einem Brennspiegel die Erwartung im Haus, die Sie in die Pflicht nimmt, die großzügig gewährten Konditionen an Zeit durch besondere Qualität verdienen zu müssen. Sie stehen dadurch unter einem Erwartungsdruck, den Sie nervlich bestehen müssen. Außerdem habe ich über Themen geschrieben, die nicht an Termine gebunden waren, eher „windstille“ Sachen, ohne Tagesaktualität und die Anziehungskraft prominenter Protagonisten. Meine Geschichten handelten oft von anonymen Helden
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