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Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 177

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Interview-Marathon: Alexander Kluge

Von Kluge, Alexander /  Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich

Alexander Kluge im Gespräch mit Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist
Rem Koolhaas: Herr Kluge, Ihr Name wurde während des Interview-Marathons verschiedentlich erwähnt. Wie gelingt es Ihnen, sich in einer Zeit, in der die Marktwirtschaft den Raum für ernstzunehmende Kommunikation einzuschrumpfen scheint, einen Raum für Unabhängigkeit aufgebaut zu haben und diese Unabhängigkeit auch schon über derart lange Zeit hinweg zu bewahren?Alexander Kluge: In nährstoffarmen Meeren erhält sich das Leben dadurch, dass es Korallenriffe bildet. Das heißt, viele verschiedene Lebewesen schließen sich zusammen. Das haben wir gemacht, um unsere Unabhängigkeit zu organisieren, in den Medien, die Vielfalt und Unabhängigkeit nicht wollen. Man kann nicht behaupten, dass Heuschrecken an Unabhängigkeit interessiert sind. Sie sind vielmehr an Profitmaximierung interessiert. Vor zwanzig Jahren haben wir uns mit Opernhäusern, Buchverlagen, dem Spiegel, der Neuen Zürcher Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und übrigens auch mit der BBC zusammengetan. In diesem Zusammenhang kann ich meine Kulturmagazine zeigen, sonst ginge das gar nicht. Sie bilden ein Stück unabhängige Öffentlichkeit. Mit Oskar Negt habe ich schon 1972 ein Buch geschrieben mit dem Titel „Öffentlichkeit und Erfahrung“. Dieses Buch beschäftigt sich damit, dass wir alle Erfahrungen machen, in unseren Intimbereichen und in unserem Arbeitsprozess. Diese Erfahrungen erlangen jedoch nur dann Selbstbewusstsein, wenn sie in einer Öffentlichkeit miteinander kommuniziert werden. Dieser Vorgang ist nicht als bloße Kommunikation zu verstehen, sondern meint, dass ein Mensch der Spiegel des anderen ist, nur dadurch werden die Erfahrungen gefestigt und uns zueigen. Das haben wir immer geglaubt – wir unabhängige Filmemacher und wir Autorenfilmer glauben ohnehin, dass es nicht nur Konfektionskino und Kommerz geben soll, sondern dass es unabhängige, Filme machende Geister geben muss. Das gilt für das Buch, den Film und alle Äußerungen der Öffentlichkeit. Dafür haben wir uns zusammengeschlossen und organisiert. Es ist ein umkämpftes Gelände. Sie dürfen nicht denken, dass es einfach sei, das aufrechtzuerhalten. Hans Ulrich Obrist: Arch+ hat 1983 von Ihnen den Text „Bauen für den Krieg“ veröffentlicht, in dem Sie unter anderem auf die „Bunker-Archäologie“ eingehen. Letzten Sommer 2006 machten Sie für den von Rem Koolhaas entworfenen Pavillon der Serpentine Gallery London ein Filmprogramm. Es gibt also immer wieder Bezüge zur Architektur und zum Urbanismus. Welche Rolle spielen diese Bereiche für Sie als Filmemacher? AK: Dazu kann ich zwei Dinge sagen: Ein so wunderbarer und absolut faszinierender Bau auf Zeit, wie ihn Rem Koolhaas errichtet hat, diese eigentümlich umbaute Öffentlichkeit im Hyde Park lockt natürlich Filmer an und fordert den Programmwillen heraus. Das ist wie mit dem Kino als Ort, für den sich die Menschen besondere Mühe gegeben haben. Ich war sehr glücklich über die Programmierung der Serpentine Gallery und habe das in mein Werkverzeichnis aufgenommen, weil es mir so gefallen hat. Das ist das eine. Es gibt aber eine grundsätzlichere Antwort auf das, was Sie fragen. In seinem Hauptwerk hat Immanuel Kant in der Vorrede geschrieben, dass die Menschen eigentlich Wohnungen für ihre Erfahrungen bauen wollen. Dabei verirren sie sich zunächst, sie bauen Hochbauten wie in Babylon. Darüber folgt die Sprachverwirrung und sie fallen zurück auf das, was sie können, nämlich die Architektonik der Vernunft. Kant erklärt also sein ganzes, großes Werk, diese Erfahrungssammlung, diese Fähigkeit, Autonomie für menschliches Denken zu entwickeln, mit Architektur. Insofern würde ich sagen, dass das, was Medien machen, Gartenbau ist, oder Hausbau, manchmal Straßenbau, in seltenen Fällen auch Palastbau. Und damit gehen wir um. Insofern sind alle Metaphern aus der Architektur brauchbar für die Orientierung in den Künsten. Sie sind keine intellektuellen Kapricen, sondern sie haben eine ganz starke Funktion, einen Subtext. Sie bilden die einzigen Magnete, an denen wir unsere Erfahrungen gegenseitig ausrichten können. Wobei Erfahrung ein sehr weiter Begriff ist. Damit meine ich nicht den Common Sense, sondern die Erfahrung, die man zum Beispiel macht, wenn man ein Bild anschaut oder in einem Raum lebt, wenn man den Modulor von Corbusier versteht, dass Räume etwas mit den menschlichen, aber auch mit geschichtlichen Proportionen zu tun haben. Das ist im Grunde die wirkliche Kunst. Wir erleben gerade, dass ein neues Medium entsteht, welches eine neue Öffentlichkeit schafft. In Fortsetzung der Ebene 2.0 im Netz, in Fortsetzung dieser tragbaren Sender, die man DVD nennt, in Fortsetzung all dessen, was wir kennen seit der Erfindung der Filmgeschichte entsteht ein neuer Bau. Das Interessante bei diesen Bauten ist, dass die Menschen sie machen. Und zwar schneller, als die Theoretiker dazu etwas sagen können. Das ist wie Lagos: Diese Stadt entwickelt sich, und die Architekten laufen hinterher. Sie entsteht autonom.Alexander Kluge, *1932, ist Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller und Drehbuchautor. Er ist Teilhaber und Geschäftsführer der DEVELOPMENT COMPANY FOR TELEVISION PROGRAM (dctp), einer Plattform für unabhängige Anbieter im deutschen Privatfernsehen. dctp sendet mit eigener redaktioneller Verantwortung in Programmfenstern privater Fernsehsender, die rechtlich verpflichtet sind, einen bestimmten Anteil aus diesem Pool zu senden. Neben Eigenproduktionen und Filmen, die mehrheitlich aus den Archiven des Deutschen Autorenfilms kommen, stammen die Inhalte von Kooperationspartnern wie Spiegel TV, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche Zeitung, stern und BBC.Linkswww.kluge-alexander.dewww.dctp.d
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