ARCH+ 189

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Erschienen in ARCH+ 189,
Seite(n) 3

ARCH+ 189

Begriffsgeschichten für die Architektur

Von Schürer, Oliver

Kontext Architektur – eine neue Theorie-Buchreihe des Birkhäuser Verlages

„Etwas zu begreifen, etwas zu erfassen, besagt auf eine sehr spezielle Weise, dass der Mensch ein der Sprache mächtiges und sich ihrer bedienendes Lebewesen ist. Er bedient sich ihrer, wenn er sich bewegt, etwas sieht und hört, sich erinnert oder etwas erwartet, wenn er also handelt und zugleich damit auch denkt.“ Der deutsche Historiker Reinhart Koselleck hat mit diesen Zeilen auf die unsere Wirklichkeit formende Kraft der Sprache und auf den geistigen Akt des „Begreifens“ hingewiesen. Erst auf der Ebene der Begriffe werden uns diese Prozesse im Allgemeinen zugänglich. Begriffe sind demnach an die Dynamiken der Welt gebunden und der Zeitlichkeit unterworfen. Fragt man also nach der Wandelbarkeit von Begriffen, fragt man nach der „Begriffsgeschichte“.

Derartige Gedankengänge führen zur Grundidee der neuen Buchreihe „Kontext Architektur“. Die bisher erschienenen Bände der Reihe bieten dem Leser ein jeweils begrenztes, jedoch ausgewogenes Spektrum an interdisziplinären Essays an, die Gedanken zu je einem ausgewählten Begriff ausführen: Der Anspruch liegt nicht darin, Begriffe für die Architektur definieren zu wollen – vielmehr geht es um die Konturen ihres jeweiligen Gebrauchs, ob aus philosophischen, technik-, wissenschafts- oder medientheoretischen Blickwinkeln betrachtet.

Die ersten zwei Bände befassen sich mit den Begriffen „Simulation“ und „Komplexität“: Beide spielen sowohl in der Kunst- und Medientheorie als auch in den Natur- und Computerwissenschaften eine zentrale Rolle. Die beiden Herausgeber der Reihe, Andrea Gleiniger und Georg Vrachliotis wollen in diesem Zusammenhang architektonische Begriffe zur Diskussion stellen, die „zunehmend durch Einflüsse geprägt sind, die an der Schnittstelle zu wissenschaftlichen und kulturellen Vorstellungen der modernen Informationstechnologie entstehen.“

Die Bände erfüllen dieses Versprechen, ohne den Leser mit zuviel interdisziplinärer Theorie zu ermüden. Dieses Gefühl mag auch an dem handlichen Taschenbuchformat der Bücher und der Kürze der Beiträge liegen. Generell lässt sich die Haltung der Herausgeber erkennen, die unterschiedliche Bedeutung bestimmter Begriffe in unterschiedlichen Verwendungskontexten zu betonen. Wird beispielsweise mit Blick auf Robert Venturi nach dem Begriff der Komplexität gefragt, so geschieht dies im Bewusstsein, dass es seit jeher mehr als nur eine Definition, mehr als eine Interpretation und gewiss mehr als nur ein architektonisches Konzept von Komplexität gegeben hat.

Hat man sich vor diesen Hintergründen einmal durch die eigens für diese Buchreihe verfassten Essays gearbeitet, bleiben zwei grundsätzliche Erkenntnisse haften. Erstens: Die Sprache, mit der über Architektur gesprochen wird, ist eine vielleicht ebenso wichtige Repräsentationsform von Architektur wie etwa ein Plan oder eine Computervisualisierung. Zweitens: Begriffe sind sprachliche Instrumente, mit denen man nicht nur erklären, sondern auch konstruieren, produzieren, generieren und experimentieren kann. Kurz: „Kontext Architektur“ erzählt Geschichten von sprachlichen Entwurfsinstrumenten.

Andrea Gleiniger / Georg Vrachliotis (Hrsg.): Kontext Architektur. Architektonische Grundbegriffe zwischen Kunst,Wissenschaft und Technologie, Birkhäuser Verlag.

Band 1: Simulation. Präsentationstechnik und Erkenntnisinstrument, Basel/Boston, 2008

Band 2: Komplexität. Entwurfsstrategie und Weltbild, Basel/Boston, 2008.

Beide Bände je 17,90 Euro.

Band 3: Muster. Ornament, Struktur und Verhalten. In Vorbereitung. Alle Bände sind auch auf Englisch im Birkhäuser Verlag erschienen, 19,15 Euro.

Die Schirmherrschaft über das Projekt haben die Züricher Hochschule der Künste (ZHdK) und die Professur für CAAD an der ETH Zürich.

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