ARCH+ 189

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Erschienen in ARCH+ 189,
Seite(n) 109-111

ARCH+ 189

Ist Ornamentkritik noch aktuell?

Von Haug, Wolfgang Fritz

Überlegungen zur Ausgestaltung des Münchener U-Bahnhofs Oberwiesenfeld durch den Bildhauer Rudolf Herz

„Der moderne mensch“, heißt es bei Adolf Loos, „der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter.“ So konnte einer sprechen, der einen Sinn für die mögliche Schönheit des menschlichen Leibes hatte und für den es selbstverständlich war, dass seine Adressaten, die Architektenkollegen und überhaupt die praktizierenden und urteilenden Ästheten seiner Zeit, diesen Sinn mit ihm teilten. Er schlug den Sack der Tätowierung und meinte den Esel, dem dergleichen gefällt. Sein Zorn galt den Verzierungen, mit denen nachträglich die Außenflächen umbauten Raumes überzogen wurden, unabhängig von der eigentlichen Gestalt des Baukörpers und seiner die Statik garantierenden Elemente. Man denke an die Musterbücher der Stuckateure, in denen sich die Bauherren der Berliner Mietshäuser um 1900 den Stil aussuchen konnten. Griechisch oder römisch antikisierend? Florentinische Renaissance oder österreichischer Amtsbarock? Für alles standen Schablonen bereit. Es bedurfte des Zweiten Weltkrieges, um der stereotypen Architektur ansichtig zu werden. Da das Geld für die Restaurierung fehlte, wurden die Reste des zerschossenen Stucks abgeschlagen. Die Häuser, auf die billigere Weise neu verputzt, waren nun auf sich selbst gestellt und offenbarten ihre nackte Gestalt. Was da ab war und fehlte, deren schmückender Überzug, fiel unter die Tätowierungen, die Loos zum Verbrechen gegen die Gestaltungsgesetze der Architektur erklärt hatte. Der sinnliche Reiz besaß sein Recht in der Baugestalt, nicht in der nachträglichen Furnierung von dessen Außenflächen mit einer symbolischen Bedeutungsschicht...

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