ARCH+ 191/192

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Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 2-4

ARCH+ 191/192

In memoriam Jonas Geist

Von Geist, Jonas

Vorbemerkung

Man denkt, es liegt innerlich alles vor, ist geordnet, wo im Gehirn doch so viel Platz ist. Man beginnt Schubladen aufzuziehen, Fotos herauszukramen, Aktenordner aus dem ehemaligen Luftschutzkeller zu holen und gerät wie ein Maulwurf in ein Stück eigener Geschichte und muß mit dem Rücken das Erfahrene an die Oberfläche drücken und in Worte gießen. Man findet zwar gelegentlich einen Leckerbissen, gerät an Wurzeln und unvereinbare Daten, die sich an den Erinnerungsrückständen stoßen, gewinnt aber doch allmählich Land.

Das Ergebnis liegt nun lesebereit vor Ihnen, besser neben Ihnen wie in einer alten Ehe und zu der Lesestrecke hat sich jenseits der historischen Mittelritze noch eine Bildstrecke gesellt aus Zeichnungen und Dokumenten, die das Ganze belegen so gut es geht. Denn eine wissenschaftlich abgesicherte Arbeit mit gelehrten Anmerkungen gespickt ist das nicht, eher ein Feuilleton, also ein Stoß Blätter, die der Wind aufgewirbelt hat. Tatsächlich erweisen sich diese Jahre als biographischer Knoten, Bündelung von Interessen, auf dem Wege zu dem Berufsfeld Architekt. Das sage ich heute, wo ich die ganze offizielle Berufsstrecke durchwandert habe und sich übergroß oder besser mauselochklein der dritte Abschnitt meldet, den die Franzosen das Troisième Age nennen, mit dem man jetzt fertig werden muß. Die Vorwarnungen mehren sich.

Das 68er Feld

Als Diplomarbeit entwarf ich einen Neubau für das Deutsche Archäologische Institut, das in der Villa Marie v. Bunsens im Kielganviertel untergebracht war, von wo es in die Villa Wiegand in Dahlem zog, ein elegantes Haus von Peter Behrens mit der angenehmsten Treppe, die ich kenne. Den Sekretär des Instituts kannte ich aus den Antiquariaten um den Nollendorfplatz, wir kamen ins Gespräch und entwickelten ein Raumprogramm für ein neues Institut an alter Stelle meinem neuen Wohnort gegenüber, denn die große Backsteinvilla mit eigenem Tennisplatz hinterm Haus war baufällig gewesen und abgerissen worden.Was mir heute unfaßlich ist: Gleichzeitig arbeitete ich im Büro, um Geld zu verdienen, an der Dissertation und entwarf das archäologische Institut. Ich nahm es wörtlich, versuchte „Dorisch – Jonisch – Korinthisch“ als „Masse – Gliederung – Filigran“ umzusetzen, um mich mit diesem verrückten Entwurf von dem Studium zu verabschieden.

Ich biß in den gestalterischen Teppich und löste damit bei Ungers und auch bei Kleihues eine kurze archäologisierende Mode aus. Die Pläne waren in Schatten gelegt mit Hilfe eines Schraffierapparats nach der wahren Höhe über dem Boden, so dass das entworfene Gebäude selbst eher einem archäologischen Befund glich als einer Architektur der Gegenwart.

Bei der Diplomvorstellung schon in dem neuen Gebäude spaltete das Projekt die Professorenschaft: Frau Hammerbacher, die Gartenarchitektin war begeistert, obwohl kein einziger Baum zu sehen war, und Ungers war dagegen, weil er neidisch war, denn ich war nicht sein Schüler, und er konnte mich nicht gleich vereinnahmen. Hermkes, mein Entwurfslehrer, der zwischen seinen Erfahrungen der 20er und 30er Jahre hin und herschwankte, wirkte verstört, konnte mit diesem dann auch noch in Backstein gedachten norddeutschen Ungeheuer nichts anfangen. Er kämpfte um Eleganz in Beton, um Leichtigkeit mit höchstem Aufwand, wie er es in der Blumengroßmarkthalle in Hamburg bewiesen hatte – wenngleich im Geiste Nervis.

Der Stempel des Diplomprüfungsamts trägt das Datum 10.10.1965, wir befinden uns also schon in der Inkubationszeit der 68er. Die Meute, die 4 Jahre später wegen der Entlaubung Vietnams durch die Amerikaner aus der Luft auf die Straße ging, begleitet von drei Phänomenen, die man nicht unterschätzen darf: Eine Erfindung, die folgenlosen Geschlechtsverkehr erlaubte zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, dann durch Import von Drogen aus eben diesem Amerika als bewährtes Destabilisierungsmittel und durch menschlich-intellektuelle Importe aus Westdeutschland in Form der Bundeswehrflüchtlinge. Sie waren ein gravierender Punkt im Vorfeld von 68, der sich verband mit dem Fehlen der polizeilichen Sperrstunde in Westberlin, die das Nachtleben der kommenden Jahre erst ermöglichte und das gesellschaftliche, klassentopographische Feld Westberlins – Ostberlin mußte sich einmauern – sehr schnell veränderte. Fast hätte ich die musikalische Revolution aus dem noch in Resten proletarischen England vergessen, die uns in Beatles-, Stones- oder Doors-Fans teilte.

Ich verließ mit diesem abschließenden Entwurfsprodukt die Hochschule und arbeitete danach Jahre in diversen Büros, lange bei Kleihues & Moldenschardt, die damals ein kleines Büro am mittleren Kurfürstendamm nahe dem Olivaer Platz unterhielten, und später leider in Folge von Entfremdung auseinandergingen.

Dort habe ich erst richtig entwerfen gelernt und geriet über sie in Gesellschaft. Sie machten Wohnungsbau im großen Stil für die neuen Großsiedlungen am Stadtrand und Wettbewerbe wie den für das Ruhwald-Gelände, für das ich die Grundrisse zusammenbaute.

Raum A 507

1968 brachte mich auf andere Weise wieder in die TU. In diesen Jahren überschlug sich alles. Ich baute zusammen mit Volker Theissen, der auch an der TU studiert hatte, ein Arbeitnehmerwohnheim in Hermsdorf mit 100 Appartements, einem Treppenhaus mit Oberlicht und begehbaren Installationsschächten, einer Dachterrasse und einer Hausmeisterwohnung, von der aus man den Hauseingang nicht sehen konnte.

Der Bund Deutscher Architekten nahm damals junge Mitglieder auf, wir forderten eine kritische Ausstellung zum Bauen in Westberlin und wollten die Mittel für diese Ausstellung vom BDA haben, der selbst eine plante über die Arbeit junger Architekten in Westberlin; die in einem Heft der Deutschen Bauzeitung Gelegenheit bekommen hatten, sich vorzustellen. Diese Selbstdarstellungen auf jeweils einer Doppelseite war gleich der erste Konfliktstoff in der Gruppe, die sich ausgehend von Assistenten der TU im allgemeinen sich politisierenden Feld berufsspezifisch zu bilden begann. Wir skandierten damals, „Borne, Dütt und Eiermann, laß auch mal die andern ran!“

Wir trafen uns zuerst in der Wohngemeinschaft von Baller am Kurfürstendamm Nr. 214. Dort wohnte auch Frauke Fischer, an die ich gerne denke, und im Berliner Zimmer hinterm Paravan Ingrid Krau – später dann im Raum A 507 in der Architekturfakultät, um eine solche kritische Ausstellung in größerer Runde vorzudenken. Der ScharounAnbau für Bibliothek, Hörsäle und Planersaal war im Bau und bot sich als Ausstellungsrohbau an.

Parallel zu anderen Berufsgruppen, die sich zusammenfanden, um über die politischen Verhältnisse in ihrem Berufsfeld zu diskutieren und politische Forderungen zu stellen. Die politische Bewegung ging von der FU aus, aber auch die anderen Bildungseinrichtungen wurden hineingezogen und der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 67 war auch für mich der Auslöser der Politisierung. Mit ihm zerbrach das bis dahin nicht in Frage gestellte Verhältnis zum Staat.

Wir tagten regelmäßiger. Architekten, Architekturstudenten und Assistenten, die Planer kamen dazu, bildeten Arbeitsgruppen, entwarfen eine Ausstellung und ein begleitendes Diskussionsprogramm, malten Plakate, druckten Flugblätter und übersetzten die Ergebnisse in einen Katalog, der in der kleinen Druckerei, in der Charles Guggomos den Extradienst produzierte, zusammengelegt wurde … Diesen kleinen Katalog stellte ich mit Helmut Meier zusammen, es war auch für mich die erste Publikation. Holtfreter machte das Plakat, ein Manifest wurde verabschiedet, und man mußte sich bekennen.

Im letzten Moment erschien noch eine Abordnung des BDA, ich glaube es waren Dübbers und Bornemann, die den Inhalt noch mal kontrollieren wollten.Auch den Versuch, den Einmarsch in die CSSR als Vorwand zu nehmen, die Ausstellung abzublasen, konnten wir überwinden. Zu der im Manifest geäußerten Abschaffung des Berufsbeamtentums stehe ich heute noch, es macht die Hochschule zu einer Immobilie, wie ich es in späterer Praxis verfolgen konnte.

Ausstellung und Diskussionsveranstaltung im Rohbau fanden statt und waren sehr besucht. Mit großen Schriftzügen hatten wir die verglasten Treppenhauswände zum Platz im Neubau genutzt, die Verkehrsteilnehmer auf uns aufmerksam zu machen. Wir hatten Sympathisanten auch bei Bau-Wohnen, und unsere Verflechtungstabellen der leitenden Herren und die vehemente Kritik am MV, dem Märkischen Viertel, wirbelte Staub auf. Einige bekamen das in ihrer Berufspraxis zu spüren.

Planungskollektiv Nr.1

Unmittelbare Folge dieser gemeinsamen Erfahrung, die bald verrauchte, aber von den Einzelnen nicht vergessen ist, war, dass die, die sich durch die Teilnahme am Wettbewerb für die Universität Bielefeld kennengelernt hatten, ein Büro gründeten, eine Maßnahme, die verbunden war mit einem folgenreichen Kauf eines Mietshauses in der Stresemannstraße, dessen beide tiefe Seitenflügel wir erhalten wollten. Denn wir waren damals gegen die Abrißpolitik des Senats, nur noch die Vorderhäuser stehen zu lassen und im Vollzug uralter sozialdemokratischer Positionen alles Undurchsichtige beseitigen zu wollen. Die Stadt sich vorzustellen als berechenbare Blockrandbebauung reichte uns nicht.

Die Gründer waren drei Assistenten der TU, zwei Architekten und noch zwei Studenten. Wir nahmen ein Büro im Hinterhaus Kurfürstendamm Nr. 234 und wollten eine Genossenschaft bilden, was rechtlicher und vor allem steuerrechtlicher Unsinn war, und suchten eine andere Praxis, die schadensfrei sein sollte und sozialistische Ziele avisierte. Unser Tagungsort war das wunderbare Café Schilling, in dem es so gut roch, weil im Souterrain die Torten gemacht wurden. Das Café ist zwar noch da, aber nur als denkmalgeschützte Hülle, in der heute Jeans an den Mann und die Frau gebracht werden.

Der Bau, der uns zusammenschweißte, war ein Exportbau in die DDR, ein Restaurant im Kulturpark Plänterwald, ein Auftrag, den uns Prof. Nedeljkov vermittelt hatte.

Wir bekamen alles um die Ohren, was man kriegen konnte, und in das gemeinsame Büro brachten alle Aufträge ein, der eine aus familiären Verhältnissen eine Wohnanlage, ich eine Wohnungsanlage für Bundesund Postbeamte in Schmargendorf und alle zusammen gewannen wir den Auftrag für die Laborschule- und Oberstufenkolleg an der Bielefelder Universität, die Hartmut von Hentig als pädagogische Versuchsschule ins Leben gerufen hatte. Das alles wurde gebaut und funktioniert. Die Residenzpflicht vertrieb einen Teil der Gruppe auf Jahre nach Bielefeld, mich trieb es aus dem Beruf und an die Universität zurück, als sich die Gelegenheit bot, denn mein Kopf war nicht genug beschäftigt. Auch wenn ich heute lieber schreibe, so trauere ich dem Tätigkeitsfeld doch nach und suche immer kleine Gelegenheiten, auch zum Stift zu greifen. Schön ist, daß die Kerngruppe dieser Gruppierung immer noch befreundet ist und einige weiter ein gemeinsames Büro betreiben. Es ist ein Büro gewesen neben anderen, die aus dieser politischen Aufbruchstimmung hervorgegangen sind, die in alle bis in die privatesten Verhältnisse ihre Schatten warf.

Disser- und Habilitation

Als letzten Entwurf quälte ich mich – schon seit Juli 1965 mit der Dissertation über glasgedeckte Passagen bei Ernst Heinrich beschäftigt – selbst mit dem Entwurf einer Passage herum, die parallel zum Kurfürstendamm die Blöcke durchschneiden sollte, genau so wie später Frau Kressmann eine baute.

Das erste ernsthafte Exposé für die Dissertation datiert vom 11.1. 1966. Die Arbeit zog sich über 5 Jahre bis 1969 hin. Im gleichen Jahr war die Prüfung, und im Jahr darauf wurde der Textteil erweitert um den Katalog im Prestel-Verlag in München veröffentlicht, und ich erlebte dort, wie ein Buch entsteht.

Das Buch läuft als Buchtitel bis heute, wurde irgendwann als Paperback herausgebracht, erlebte eine englische und eine französische Übersetzung, leider keine italienische, denn die Galleria Vittorio Emanuele in Mailand, in der ich schon als Schüler war, war wahrscheinlich die Passage, die das Thema in mir auslöste. Zu den Neuauflagen schrieb ich immer neue Vorworte. Dieses Buch geriet bei der nächsten Konjunktur in die Hände der Architekten und löste eine Renaissance dieses in dem ParisBalzacs entstandenen Bautyps aus.

Heute gehört es zum guten Ton, für jeden Ort, der sich als Stadt bezeichnen darf, eine Passage sein eigen zu nennen, auch wenn das Gebilde den Namen nicht immer verdient. Ein ganzes Regal voll Literatur ist zu dem Thema erschienen. Mein eigener Entwurf blieb Fragment, ich wollte zuviel hineinlegen. Doch meine typologischen Listen zu diesem Bautyp haben auf ihre Weise Schule gemacht. Das Thema beschäftigt mich immer noch, zumal es einen so weitgehenden literarischen Reflex hinterlassen hat.

Die Habilitation an der TU folgte später mit dem Thema „Cottage oder Kaserne“ als Unterbringungsform des Industriearbeiters, das den Statiker des Fachbereichs, der auf den Namen Breitschuh hörte, dazu veranlaßte, mich für eine Blamage der TU zu halten, die sich damals mit Forschung am Fachbereich Architektur wahrlich nicht brüsten konnte.

AssProf.

Irgendwann wurden – wieder nach angelsächsischem Muster – an der TU AssistenzprofessorensteIlen eingerichtet, um eine Weiterqualifizierung in der Lehre zu ermöglichen. Ich bewarb mich auf die Stelle für Architekturtheorie in dem Moment, wo meine Dissertation als Buch erschienen war.

Ich hatte die Verpflichtung zwei Stunden Vorlesung zu halten; und begann mit einer „Geschichte der baulich-räumlichen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft“ in einem kleinen, steilen Hörsaal im Institut für Heizung und Lüftung hinter der Scheibe der Archfak, das Moldenschardt für Poelzig entworfen hatte.

Erst schrieb ich alle Vorlesungen, dann traute ich mich irgendwann frei zu reden, nachdem ich mich zu Hause mit Stoff vollgepumpt hatte. Die ersten drei Semester mit der Urgeschichte habe ich als Vorlesungsmanuskript vervielfältigt, im Feudalismus blieb ich dann leider verständlicherweise stecken.

Wenn ich heute die Ordnermasse zu dieser Vorlesung sehe, bedaure ich zutiefst, daß ich nicht die Kraft aufgebracht habe, meine Studien durchgehend zu formulieren. Fünf Jahre und dann nochmal 2 Jahre verlängert ging diese Tätigkeit.

C4 ein paar Häuser weiter

Ich bewarb mich später auf die C 4Professur für Geschichte, Theorie und Kritik der Architektur in der Hochschule der Künste als Julius Posener ging, eine Stelle, die ich noch eine Weile innehabe, auf die ich mich aber ganze 5 Jahre beworben habe.

Man war sich meiner Person und meiner Einstellungen so unsicher, dass ich einen regelrechten Positionskrieg im dortigen Fachbereich auslöste, über den man heute nur lächeln kann. Wenn ich die damaligen Protokolle lese, weiß ich nicht, warum ich so gefährlich sein sollte.

Buchstäblich im letzten Seminar an der TU über „Berlin in der Literatur“ lernte ich Klaus Kürvers kennen, mit dem ich das Projekt zur „Geschichte des Berliner Mietshauses“ begann, das 14 Jahre gedauert hat, und dessen Ergebnis in 3 Bänden vorliegt, die auch im Prestel-Verlag in München publiziert worden sind und auf ihre Neuauflage warten. In der TU lernte ich auch gleichzeitig Joachim Krausse kennen, mit dem ich in eine mehrjährige Arbeit für den WDR geriet. Er wollte unseren Katalog der Diagnosen im Voltaire-Verlag publizieren, woraus aber nichts wurde.

Wir produzierten gemeinsam eine „Geschichte der Arbeiterwohnung“ unter dem Titel „Küche, Stube usw.“ in 5 Folgen und dann noch mal drei Filme zum „Neuen Frankfurt“, eine Arbeit, die uns an den Rand unserer Existenz brachte und doch unersetzliche Erfahrungen mit dem Medium Film, einer großen Senderanstalt und der Realität brachte, gewissermaßen Baugeschichte mit lebendigen Menschen.

Nachbemerkung

1957 bis 1978, zwanzig Jahre in den Armen der TU, der ich mich – in dem Moment, wo der von mir und anderen begründete FSP „Forschungsschwerpunkt für Geschichte und Theorie von Bau, Raum und Alltagskultur“ aufgelöst, die HdK wieder in Fakultäten und Institute umgerüstet wird, und die Räume von der HdK gekündigt wurden – weiter verbunden fühle.

Es war ein existentieller Knoten für mich mit Studium, Disser- und Habilitation, politischen Gehversuchen und erster Lehrerfahrung, das ist schon viel, aber nichts Besonderes. Dazu kommen die vielen Menschen, Physiognomien, denen man begegnet ist bei recht statischen örtlichen und friedlichen politischen Verhältnissen bis zur Wiedervereinigung ohne einen Schuß. Da ist es anderen ganz anders ergangen. Die fehlende Ausbildung an der Waffe und die strikt zivile Lebensführung empfinde ich als Geschenk.

Erst Jahre später kam noch einmal die Beschäftigung mit einem Thema: Schinkels Bauakademie, die ich als Student noch fotografiert hatte – Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, für die Reihe „Kunststücke“ im S. Fischer Verlag etwas zu schreiben. Ich habe geantwortet, ja, über „Die Bauakademie“. Ich hatte zu ihr als Institution wie als Backstein- und Terrakottafreak aus Lübeck eine doppelte Beziehung.

Nach 2 Jahren Arbeit, die in Venedig begann, und nachdem ich das Thema dreimal anders geschrieben hatte, kam das kleine Taschenbuch 1993 raus. Es hat zwei Auflagen gesehen. Bis heute hat sich keiner gefunden, der die Bauakademie wiederaufbauen will trotz der Gründung mehrerer Vereine. Beziehungen zu Kohl reichen eben nicht mehr dazu.

Damit haben wir den Anschluß an die Gegenwart der TU gefunden, hat mich die Gegenwart eingeholt – oder renne ich der Vergangenheit hinterher - ich weiß es nicht so genau. Jedenfalls dem Satz Benns, der für mich aus dem Westen prägend war, wie für die aus dem Osten Brecht, folgend: „Wir brauchen Berichte von nicht in Anstalten befindlichen Alten“ – hier ist ein solcher Versuch.

 

Jonas Geist aus: „1799 – 1999. Von der Bauakademie zur Technischen Universität Berlin. Geschichte und Zukunft – Aufsätze“, hg. v. Karl Schwarz, Ernst & Sohn Verlag, Berlin 2000

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