ARCH+ 191/192

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Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 5

ARCH+ 191/192

die stadt von morgen

Von Holschbach, Susanne

Beiträge zu einer Archäologie des Hansaviertels

„Ist die Moderne unsere Antike?“ lautete eines der Leitthemen Roger Buergels für die documenta 12. Diese so ernst wie provokant gemeinte Frage ist nur ein Beispiel dafür, wie brisant die Auseinandersetzung mit den ästhetischen und ideologischen Prämissen unserer jüngsten Vergangenheit ist. Annette Maechtel und Kathrin Peters nahmen das 50-jährige Jubiläum eines der ehrgeizigsten Projekte des westdeutschen Wiederaufbaus als Anlass für eine umfangreiche Untersuchung zu der „stadt von morgen“ – so der Titel einer Sonderausstellung der Interbau 1957, die der breiten Öffentlichkeit das städtebauliche Konzept des Hansaviertels in Berlin vermitteln sollte. Maechtel und Peters hatten KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen eingeladen, sich an der „Archäologie“ jener prominenten Vorzeigesiedlung der Nachkriegsmoderne zu beteiligen; die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden im Frühsommer letzten Jahres in einer Ausstellung und auf dem Areal des Hansaviertels präsentiert und liegen jetzt in einer, das sei vorweg gesagt, hervorragend editierten und gestalteten Publikation vor.

Eine Archäologie von etwas betreiben zu wollen, das als bewohntes Quartier bis heute existiert, erscheint zunächst paradox. Die Idee erschließt sich aber, wenn man „Orte“ als vielschichtige Gebilde begreift, die nicht nur aus Architekturen, Straßen und Plätzen bestehen, sondern auch „aus Bildern und Texten, die die Orte beschreiben und bewerten, nicht ohne sie damit zu verändern“, wie die Herausgeberinnen in ihrem Vorwort schreiben. Die verschiedenen Autoren legen in Recherchen und Analysen das Unsichtbare und Verborgene frei, unausgesprochene historische Kontinuitäten etwa, Ambivalenzen in den Vorstellungen eines modernen Lebens, kulturpessimistische Diskurse, die einen Schatten auf den städteplanerischen Optimismus werfen, oder auch die Eigensinnigkeit der Bewohner gegenüber den ästhetisch-moralischen Erziehungsprogrammen von (Lebens)Gestaltern. Das Interesse einer solchen kulturwissenschaftlich ausgerichteten Untersuchung galt dabei nicht der retrospektiven Bewertung von Städteplanung, Architektur und Design der 1950er und 1960er Jahre, sondern vielmehr der Frage, in welcher Weise durch diese(s) versucht wurde, Gesellschaft zu steuern und zu regulieren.

Städteplanung, Architektur und Design sind in diesem Sinne selbst Medien, sie bedürfen aber der Medien im herkömmlichen Verständnis, um mit Bedeutung aufgeladen und in vorgesehener Weise wirksam zu werden. „die stadt von morgen“ ist dafür ein signifikantes Beispiel: Die Interbau-Sonderausstellung sprach die Besucher bereits in den 50er Jahren mit multimedialen Displays auf verschiedenen Registern an, um ihnen letztlich, wie Sandra Wagner-Conzelmann in ihrem Beitrag argumentiert, eine „Programmatik von gestern“ zu vermitteln. Andere Beiträge der Publikation legen dar, wie Zeitungen in einem „Bilderkrieg“ den Wettstreit zwischen Wiederaufbau Ost und West austrugen (Stephanie Warnke), wie Fotobücher mit ähnlichem Bildrepertoire mal für und mal gegen die moderne Stadt argumentieren (Kathrin Peters), wie Lehr-, Dokumentar- und Informationsfilme Konzepte in anschauliche Bilder und Erzählungen transformierten (Florian Wüst) und wie Werbeanzeigen die neuen Haushaltstechnologien wie Fernseher, Waschmaschine und Kühlschrank den traditionellen Geschlechterordnung anpassten (Hanne Loreck).

Aber auch die Grünflächen des Hansaviertels werden in der Publikation der medialen Analyse unterzogen. Diese Flächen sollten die aufgelockerte Stadt der Nachkriegszeit als kontinuierliche und neutrale Verbindung durchziehen; in sie eingelassen ist jedoch ein komplexes „Vorstellungsgefüge von Trümmerund Ruinenlandschaft, Territorium und Natur“, wie Irene Nierhaus ausführt. Ganz buchstäblich überdeckt die Grünfläche die vom Krieg zerstörte Stadtoberfläche und verbirgt zugleich in ihrer Darstellung als „Natur“ genau diesen historischen Grund. Dass das Modell der Natur auch auf die Verkehrsplanung übertragen wurde, ist für Kathrin Peters Beispiel eines „Bio-Diskurses“ der Stadt: dieser legt die Vorstellung nahe, die Stadt könne sich „durch eine vorausschauend angelegte, städteplanerische Disposition wie ein lebender Organismus im Grunde selbst erhalten und regulieren.“ Durch die Anleitung zum Einrichten mittels Musterwohnungen und Wohnberatungsstellen sollte diese Disposition auch das Privatleben der Bevölkerung erreichen und in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Christof Asendorf zitiert zu diesem Thema Richard Hamiltons Gründungsdokument der Pop-Art Just what is it that makes today’s home so different, so appealing? Die Collage stellt dabei nicht das Modell, sondern die Problemlage dar, vor deren Hintergrund Wohnerziehung als Lebenserziehung für nötig befunden wurde: die Dezentrierung des ‚Heims’ durch (künftige) Medientechnologie, die Zerstreuung der Familie (bzw. ihr gänzliches Verschwinden, denn Kinder fehlen ja signifikanterweise auf dem Bild) in individueller Freizeitgestaltung, die Vereinzelung der Menschen im Konsum. Nirgendwo tritt der konservative, zivilisationskritische Horizont der Nachkriegsmoderne jedoch deutlicher an die Oberfläche als in ihrem restaurativen Geschlechtermodell, das die Frauen wieder in die Grenzen des Hauses verwies, sei es noch so modern eingerichtet.

Die Dokumentationen der Künstlerbeiträge lassen das Hansaviertel schließlich als einen konkreten Ort mit einer spezifischen Zeitlichkeit präsent werden; vor allem zeigen sie die Widerständigkeit der Realität gegenüber dem Modell. In den Filmen von Michaela Schweiger und Dorit Margreiter kommen alteingesessene und neu zugezogene Anwohner zu Wort; sie erscheinen ebenfalls in den Aufnahmen der Interventionen von Sofia Hultén oder Martin Kaltwasser und Folke Köbberling. Was man auf diesen nur beiläufig wahrnimmt, rückt bei der Fotografin Annette Kisling in den Vordergrund: Ihre Bilder zeigen das Zusammenspiel von Natur und Architektur im Wechsel der Jahreszeiten, die alternden Fassaden und die wuchernden Grünflächen.

Der Wechsel von theoretischen Beiträgen und farblich abgesetzten historischen Einzelstudien, illustriert durch zahlreiche historische Bilder, Dokumente und Künstlerbeiträge verleiht dem Buch jene aufgelockerte Struktur, die genau das erzeugt, was die Kritiker an der aufgelockerten Stadt vermissten: Dichte. In diesem Fall eine Informationsdichte, die durch die vielen Querverweise entsteht. Und es vermag einzulösen, was man sich vom Besuch von Ausgrabungsstätten im besten Fall erhofft: dass sich im simultanen Anblick von Vergangenheit und Gegenwart Letztere deutlicher zu erkennen gibt.

 

Annette Maechtel und Kathrin Peters (Hg.), die stadt von morgen. Beiträge zu einer Archäologie des Hansaviertels, Verlag Walther König, Köln 2008  

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