ARCH+ 191/192

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Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 6-9

ARCH+ 191/192

urbi et orbi

Von Kuhnert, Nikolaus

Das neue Porschemuseum von Delugan Meissl

Will man das neue Museum mit der S-Bahn und nicht standesgemäß mit dem Auto erreichen, ist der Weg von der Haltestelle zum Porschemuseum ein kleines Stück Arbeit. Man erreicht es nicht direkt, sondern muss von der Seite her einsteigen, genervt noch von Bauschutt und Baugerüsten, die absperrend herumstehen und einen zwingen verschiedene Umwege einzuschlagen, bis man endlich den Bahnhof verlassen kann, der gerade für die Eröffnungsfeier des Porschemuseums nachgerüstet wird. Hat man dann endlich den Vorplatz zum Museum erreicht, wird man durch dessen schiefe, zum Museum hin abfallende Ebene fast in den Bau hinein gesogen, links am Café, rechts am Porsche-Shop vorbei, geradewegs auf die Rolltreppen zu, die einen dann gegen die bisherige Laufrichtung über die „Dächer von Stuttgart-Zuffenhausen“ entführen – in den zentralen Ausstellungsraum des Museums. Von außen gesehen, wirkt dieser Ausstellungskörper nicht ohne Grund wie das futuristische Manifest einer verheißungsvollen Zukunft für das Auto, während er, von innen besehen, nichts anderes ausstellt als die bisherige Modellpolitik des Konzerns, spiralförmig organisiert, damit man Modell nach Modell chronologisch ablaufen kann. Eine darüber hinausgehende Einordnung dieser Modellpolitik, geschweige denn eine kritische Diskussion der Zukunft des Automobilbaus.

Fünfte Fassade

Dieses Gebäude verbirgt aber noch einen Clou, der von außen kaum wahrnehmbar ist: seine fünfte Fassade. Mit ihr soll das Porschemuseum einen neuen Weltzugang demonstrieren. Bei dieser fünften Fassade handelt es sich um einen amphitheaterartigen Showroom auf dem Dach der Welt, Entschuldigung, des Hauses Porsche. Dieses Amphitheater ist halb offen, halb geschlossen ausgeführt und dient zur Präsentation der jüngsten Kreationen des Konzerns, die mit einem hierfür eigens geschaffenen Lastenaufzug nach oben transportiert werden. Dort angekommen, rollen sie majestätisch eine kurze Rampe herunter bis sie nach etwa zehn Metern zum Stehen kommen im Blitzlichtgewitter der geladenen Öffentlichkeit. Und dieses Blitzlichtgewitter soll weit über Stuttgart hinaus den Himmel erleuchten.

Der Bau gliedert sich in zwei Volumen und fünf Fassaden, von denen die herkömmlichen vier Seiten des Gebäudes, mit einer Ausnahme, keinen Bezug zur Umgebung haben. Bis auf ein schmales Fensterband gibt es keinen Sichtkontakt zur Außenwelt, der ausschließlich der fünften Fassade vorbehalten ist: der inszenierten Dachlandschaft als Tor zur Welt (der Medien). Dieser fünfseitige Ausstellungskörper mit unterschiedlichen Weltzugängen wird getragen von einem abgesenkten Funktionskörper mit zurückgenommenem, leicht tiefer liegendem Eingang. Ein Café sowie der Shop sind beidseitig zum Eingang angeordnet. Die Werkstatt zur Wartung der Ausstellungsstücke grenzt ebenfalls hier an. Verbunden werden beide Bauvolumen durch drei überdimensionierte V-Stützen. Die Erschließung läuft über den bereits erwähnten Lastenaufzug und über einen Bereich mit Treppen und Rolltreppen, welcher im Luftraum zwischen Bühne und Unterbühne transparent ausgebildet ist und die Verbindung zwischen diesen herstellt.

Im Ganzen überzeugt dieser Bau und hinterlässt einen zwiespältigen, aber bleibenden Eindruck – und zwar nicht aufgrund der Architektur als Ausstellungsarchitektur, sondern gerade aufgrund ihrer verborgenen städtischen Potenziale, die das Wiener Architekturbüro Delugan Meissl gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Denn mit diesem Bau ist es ihnen allein mit architektonischen Mitteln gelungen, einen Ort des Übergangs zwischen Stadt und Arbeitswelt zu schaffen, der beide Seiten respektiert, und dadurch die Stadt an die Peripherie zurück holt, an der bisher nur das Gegenteil herrschte, nämlich die Logik von Produktion und Verkehr (die in diesem Fall auch noch zusammen fallen). Dadurch schaffen es Delugan Meissl, aus einem belanglosen Ort zwischen Verkehrskreisel, Bahntrasse und Anlieferstraßen ein Tor zur Autostadt Stuttgart-Zuffenhausen zu entwerfen, das die überkommene Bedeutung eines Werktors neu interpretiert und dadurch die neuere mediale Dimension der Architektur um ihre alte stadtbildende Dimension ergänzt. Gleichwohl wird der einzigartig baulich organisierte Bezug zur Medienwelt für Aufsehen sorgen, wenn man bedenkt, welche Wirkungen diese inszenierte Dachlandschaft als Bühne zur Vorstellung der neuesten Modelle haben wird.

Diese Funktion als Tor zur Autostadt Stuttgart-Zuffenhausen könnte aber angesichts der bestehenden städtischen Potenziale des Baus noch verstärkt werden. Über wenige, kleine Eingriffe, wie die Öffnung des Cafés und Shops nach außen zur Aktivierung des Vorplatzes, die Öffnung des Luftgeschosses zwischen Ober- und Unterbau für soziale Aktivitäten, die Öffnung des Ausstellungskonzeptes für kulturhistorische Fragestellungen, um die Zukunft des Automobilbaus im Zusammenhang von Stadt und Land zu diskutieren, und durch eine direkte Anbindung des Museums an den öffentlichen Nahverkehr würde das Porschemuseum nicht nur zu einem Interface zwischen Architektur und Medien, sondern auch zu einem neuen Ort zwischen Stadt und Arbeitswelt werden, an dem nicht nur über die Zukunft der Stadt und des Autos verhandelt, sondern diese auch schon ansatzweise praktiziert wird.

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