ARCH+ 191/192

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Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 10-12

ARCH+ 191/192

Haus Neumann

Von Grundmann, Peter

Wohnhaus für eine Frau mit Sohn in Neubrandenburg

Architekt: Peter Grundmann

Bauherrin: Petra Neumann

Planung: August 2005– September 2006

Bauzeit: September 2006– Januar 2008

Nutzfläche: 86,6 m2 Gesamtkosten: € 100.000

Neubrandenburg ist eine der Mittelstädte, die ihre Identität lieber aus den Bildern der Vergangenheit schöpfen. Städtebauliche Maßnahmen haben meist Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit zum Ziel. Die Innenstadt erhielt eine Gestaltungssatzung. Ein modernes Museum gibt es nicht. Das städtische Theater wurde vor vielen Jahren mit Hinweis auf die mangelnde Akzeptanz der Bevölkerung geschlossen. Visionen werden als Ruhestörung empfunden, erst recht, wenn sie von außen kommen. Die Orientierung an gewohnten Bildern erscheint als der sichere Weg. Die älteren Menschen, die mittlerweile zahlenmäßig größte Bevölkerungsschicht, schätzen diesen Kurs. Und so müssen sich Zugereiste und junge Menschen in der Stadt wie Gäste in einem fremden Wohnzimmer fühlen. Der überwiegende Teil der jungen Leute sieht seine Zukunft woanders und verlässt die Stadt. Lebten 1989 noch 90.000 Einwohner hier, so sind es jetzt 67.000. Noch immer schrumpft die Einwohnerzahl jährlich um ca. 2000.

Im Spätsommer 2005 fragte ich die zukünftige Bauherrin, die seit einiger Zeit nach einer neuen Wohnung gesucht und nichts Bezahlbares gefunden hatte, warum sie kein eigenes Haus baut. Schließlich werden die Raten für den Kredit nicht teurer sein als ihre damalige Miete. Einen Tag danach ging ich durch die Innenstadt, auf der Suche nach Resträumen, nach Restgrundstücken, für die eine Bebauung unmöglich erschien. Ich fand 16 und es reifte der Gedanke, dass alle diese Restgrundstücke bebaut werden könnten. Ein Netz aus kleinen fremdartigen Eingriffen, die sich in visuellem Kontakt zueinander befinden, würde sich über die gewohnte Stadt legen und mit dieser in Dialog treten. Zwei Arten von Stadt würden dann nebeneinander existieren und brächten das homogene Stadtbild ins Wanken.

Für eine 7 m breite und zwischen zwei Plattenbauten vom Typ WBS-70 liegende Baulücke, die eine Straße für die Feuerwehr und gleichzeitig Zugang zum Innenhof ist, wurde eine Bauvoranfrage gestellt. Das Bauamt und die städtische Wohnungsgesellschaft als Eigentümer des Grundstücks konnten von dem Konzept überzeugt werden. Schon während der Bauarbeiten und erst recht nach Fertigstellung im Januar 2008 ergaben sich kontroverse Reaktionen der Bewohner. Verallgemeinert zeigten sich die Jüngeren erfreut und die Ältern verärgert, aber interessant war, dass das kleine Haus Diskussionen über Architektur animierte, die auf der Straße und in der lokalen Presse bis heute geführt werden.

Das Programm des Hauses für eine Frau und ihren Sohn verdichtet sich vertikal auf 3 Ebenen. Das Haus besteht aus einem um 4 m angehobenen Betonkörper mit den beiden Wohnebenen – Länge: 11 m, Breite: die maximal möglichen 4,8 m, Höhe: 6 m –, und einer darunter liegenden offenen Fläche von 2,9 m mal 6,7 m. Dieser durch den Betonkörper geschützte Außenraum ist mit Drahtgewebe eingefasst und bleibt somit noch visuell erfahrbar. Er bildet den Übergang zwischen Innen und Außen, öffentlich und privat und leitet auf den dahinter liegenden Treppenraum, der mit Kunststoffplatten verkleidet ist, über. Das Haus stellt sich insgesamt als eine räumliche Sequenz dar, die von unterschiedlichen Schwellensituationen gekennzeichnet ist: Man geht unter das Haus, betritt es von seiner Mitte und bewegt sich dabei nach oben durch Räume unterschiedlichen Charakters:

Öffnet man die erste Tür, befindet man sich in einem luftigen Bereich, der von der Straße durch ein Drahtgitter getrennt ist. Öffnet man die zweite Tür, ist man im Treppenraum. Dieser Raum ist vom Charakter her schon eher ein Innenraum, der zwar schalldurchlässig aber klimatisch geschützt ist. Ein- und Ausblicke ergeben sich hier noch schemenhaft durch die transluzente Haut der Kunststoffverkleidung.

In der Ebene 2 darüber befindet sich der Wohn- und Essbereich. Die vor- und zurückspringende Glasfassade zur Straße erzeugt ein ambivalentes Verhältnis zur Stadt, da sie einen Außenraum, die Terrasse, nach innen und einen Innenraum, die Küche, nach außen treten lässt. Weit über dem Bürgersteig ergibt sich ein Rundum-Blick in die Fluchten der Straße. Die Bewegung in der Fassade und die abschnittsweise farbige Verglasung verfremden den Blick auf die Umgebung.

Die Ebene 3 ist der private Raum der Bauherrin und ihres Sohnes, der sich durch zwei rote, jeweils vier Lagen starke schalldichte Vorhänge in zwei getrennte Schlafräume verwandeln lässt. Diese Flexibilität erweist sich als sinnvoll, da der Sohn in naher Zukunft ausziehen wird. Die Treppe, das WC und die beidseitig begehbare Badewanne liegen mittig dazwischen. Stauraum, und alle technischen Einrichtungen, wie Heizungs-, Sanitär- und Elektroinstallationen, WCs, der Waschtisch und die Küchenzeile befinden sich in einem zweigeschossigen Schrank an der Nordwand, so dass der Raum frei bleiben kann.

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