ARCH+ 191/192


Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 128

ARCH+ 191/192

WC

Von Beyer, Elke

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ist die räumliche Abgrenzung von menschlichen Ausscheidungen in den europäischen Städten wenig ausgeprägt. Exkremente wurden aus den Gebäuden über die Löcher im Boden von Aborterkern in den Außenraum fallen gelassen, per Nachttopf auf die Straße, in offene Gewässer oder in Latrinengruben im Hof geschüttet. Im städtischen Raum war man ständig mit Fäkalien konfrontiert.

Ob ihr Anblick und Geruch allerdings als unangenehm und bedrohlich oder als natürlich und normal gilt, ist eine Frage der kulturellen Normen und der Gewöhnung. Bauliche Experimente für getrennte Entsorgungssysteme werden zuerst dort unternommen, wo die Unterbringung von vielen Menschen auf geringem Raum systematisch geplant und geregelt wird. Institutionen wie Kloster, Krankenhaus, Findelhaus und Kaserne entwickeln sich mit Latrinen, Leibstühlen etc. auch zu Lehranstalten der individuellen Hygiene: Damit die Technik das Verschwinden von Kot und Urin bewirken kann, müssen ihr die alltäglichen Gewohnheiten durch Instruktionen, Hausordnungen und Kontrolle angepasst werden.

Das Klosett mit Wasserspülung wurde bereits 1589 in England erfunden, setzt sich aber erst mit der Einrichtung einer flächendeckenden Kanalisation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch. Die Entsorgung von Exkrementen wird durch neue Erkenntnisse über Epidemien zum dringenden Problem für die expandierenden Stadtbürgerschaften und die Bauexperten verschiedener Disziplinen. So droht ein Handbuch der Architektur 1883: „Entweder muß der Mensch dem Kothe, oder der Koth dem Menschen weichen!“ ...

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