ARCH+ 191/192

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 15-16

ARCH+ 191/192

Als die Architektur laufen lernte

Von Hovestadt, Ludger /  Vrachliotis, Georg /  Bühlmann, Vera

Zur ARCH+ 189 Entwurfsmuster

Die Professur für Computer-Aided Architectural Design der ETH Zürich untersucht die Auswirkungen der digitalen Technologien und des durch sie bedingten Epochenbruchs auf die Theorie, die Performanz und die Praxis der Architektur, und versucht, daraus Szenarien für deren nächste Entwicklungsschritte zu antizipieren. In Form eines mehrteiligen Leserbriefs äußern sich Ludger Hovestadt, Vera Bühlmann und Georg Vrachliotis zur ARCH+ 189.

Ludger Hovestad:

Im Editorial von ARCH+ 189 beschreiben die Autoren Kuhnert und Ngo in einer etwas distanziert erscheinenden Weise die jüngeren Entwicklungen im Bereich des regelbasierten Entwerfens. Ihr Ausgangsfeld bilden die starren Entwurfsgeneratoren, beginnend mit Durand am Anfang des 19. Jahrhunderts. Vieles hat sich seit den Anfängen dieses Rationalisierungsprogramms verändert. Um diese Veränderungen geht es, wenn ich von der Überwindung des Rasters spreche (Vgl. ARCH+ 189, S. 11). Der Erfolg seit jenen Anfängen hat unsere Welt mittlerweile in eine Welt von handhabbaren Containern verwandelt: Briefe, Dosen, Fernseher, Wohnzimmer, Ziegelsteine, Bücher, Telefone, Autos, Kreditkarten können alle als Elemente globaler Infrastrukturen begriffen werden, die nach der Rasterlogik von Containern funktionieren und uns insgesamt große Beweglichkeit verleihen.

So war etwa das Problem, ausreichenden und preiswerten Wohnraum für alle bereitzustellen, Gegenstand der architektonischen Debatten der letzten 100 Jahre. Es kann als Motivation sowohl von Durands Rationalisierungsprogramm wie auch aller Weiterentwicklungen in Richtung einer Industrialisierung des Bauens seither gelten. Heute könnte dieses Problem, aus rein technischer Perspektive, als weitgehend gelöst betrachtet werden. Könnte – denn die rein technikgetriebenen Lösungen werden im Konkreten nur selten akzeptiert! Und dies zurecht, wie man heute differenzierter sehen kann als noch in der Nachkriegszeit vor 50 Jahren.

Heute verbreitet sich in der Architektur auf allen Ebenen das generative Entwerfen, in dem das aus geometrischen Konstanten bestehende Raster von einer prozeduralen Flexibilität abgelöst wird. Seine entscheidende Eigenart besteht meiner Meinung nach darin, dass der ergebnisoffene Prozess auf anisotroper Nicht-Lokalität oder einer eingeschränkten Emergenz aufbaut und dass seine Produkte an die Ergebnisse natürlicher Wachstumsprozesse erinnern können. Obwohl ihre Generierung strikten Regeln folgt, sind diese Teil eines Systems aus pragmatisch begründeten Abkürzungen eigentlich indefiniter Wege. Nur wird dies leider bisher noch selten erkannt. Ich möchte eine kleine aktuelle Anekdote anbringen. Lassen sie mich hier die Kulisse aufbauen: Das Internet feiert diese Tage seinen 5.000-tägigen Geburtstag. Mit einer abenteuerlichen Geschwindigkeit hat es sich in unserem Alltag festgesetzt und ist nach kurzer Zeit bereits nicht mehr wegzudenken. Kevin Kelly, ehemaliger Chefredakteur des Magazins Wired stellt vor diesem Hintergrund die Frage „Was bringen die nächsten 5.000 Tage des Internets?“ Schwer vorzustellen!

Gehen wir also z.B. in einen Elektronik-Discounter im Januar 2009. Dort gibt es eine große Anzahl von Navigationssystemen. Das System „Traffic“ von TomTom steht neben einem „HD Traffic“ der gleichen Firma. HD für High Definition Traffic, was ist das? Das herkömmliche Gerät arbeitet mit einer Karte und sucht den kürzesten oder schnellsten Weg auf der Basis geometrischer, d.h. apriori bekannter Informationen.

Das HD-Gerät dagegen arbeitet mit einem online-Dienst, der die aktuellen Geschwindigkeiten von Mobiltelefonen einer relevanten Population misst, um den aktuell schnellsten Weg für eine bestimmte Anfrage zu finden, und diese Lösung berücksichtigt die gerade wirksamen „Kräfteverhältnisse“ auf den Straßen. HDKunden navigieren nicht mehr auf einer vordefinierten Karte, sondern im Schwarm der Mobiltelefone. Der HD-Kunde verwendet, zu Ende gedacht, nicht mehr nur eine Karte, sondern zusätzlich oder vor allem virtuelle Pfade. Weil der HD-Kunde auf Nachvollziehbarkeit oder Vorhersagbarkeit bzw. universelle Planbarkeit verzichtet, ist er schneller am Ziel! Planer oder Vermesser können nur hilflos zusehen, wie ihre Pläne und Karten trivialisiert werden.Was ihnen bleibt? Sie werden Moderatoren in einer sich selbst organisierenden Welt, in der die Bewegung jedes Punktes von den Bewegungen aller anderen Punkte abhängig ist.

Alles schon einmal gehört? Kann sein. Jedoch: nur wenige haben es gemerkt. Zu sehr lieben wir noch die Vorstellung der kürzesten Wege. Mit Wegen, die kein Ende haben, obwohl sie in unmittelbarer Nähe liegen, damit tun sich heute nicht etwa nur die Planer schwer! Währenddessen sind wir indes gleichzeitig auch alle begeistert von der höheren Reisegeschwindigkeit. So geht es überall und jeden Tag. Willkommen in den nächsten 5.000 Tagen des Internets!

 

Georg Vrachliotis:

Heute sprechen wir von digitaler Architektur, digitalem Design und digitalen Wissenschaften.Was immer sich hinter diesen Etiketten verbergen mag, fest steht: Wir meinen zu wissen, was ein Computer tut. Wir meinen zu wissen, was Hardware und Software ist. Wir meinen zu wissen, was ein Internetknoten und was ein Code ist. Wir meinen zu wissen, wie man den Zufall programmiert. Kurz: Unser Allgemeinwissen über die digitale Welt der Architektur ist scheinbar beträchtlich. Die Frage lautet daher: Verschieben sich, und wenn ja, wie – nicht nur die Verhältnisse von Architektur und Technik, sondern auch von Architektur und Theorie? Wie schwierig es noch ist, sich dabei von angepassten Begriffsschablonen zu lösen und aus dem schützenden Schatten etablierter Diskursräume zu treten, lässt sich – aus aktuellem Anlass – mit einer sehr kurzen, kritischen Notiz zur Diskussion um das „neue“ oder „digitale Ornament“ andeuten. Am Anfang dieser Notiz steht eine einfache Beobachtung, gefolgt von drei Thesen: Möchte man einer Sache eine technische Aktualität und damit den Anschein einer gewissen Gegenwartsbezogenheit verleihen, so setzt man gerne das Adjektiv „digital“ davor.

Wie kann man jedoch ernsthaft in einem Atemzug von der globalen Dimension eines „digitalen Zeitalters“ und den damit einhergehenden tiefenstrukturellen Veränderungen sprechen, dann aber die mit den Werkzeugen dieser Zeit entworfene und produzierte Architektur dadurch zu ergründen hoffen, dass man mit Begriffserweiterungen hantiert, die sich lediglich auf den Grad des „Neuen“ oder die Technik des „Digitalen“ beschränken? Erste These: In einer technisch vernetzten Welt, lässt sich die darin – aber auch die dafür – entworfene Architektur gründlicher mit solchen Strukturbegriffen reflektieren, die sich erstens, in ihrer Bedeutung so weit wie möglich abstrahieren und zweitens, sich so gut es geht operationalisieren lassen. Zweite These: Diese Kriterien erfüllt der Begriff des Patterns (als eine erweiterte Form des Musters), durch sein Bedeutungspotenzial als formalisierbares Entwurfsmuster viel eher als der des Ornaments. Dritte These: Um die tiefenstrukturellen Veränderungen des informationstechnologischen Einflusses auf die Architektur theoretisch besser und dadurch auch kritischer durchleuchten zu können, ist es hilfreich, die Überlegungen mit dem Pattern bzw. Muster- und gerade nicht mit dem Ornamentbegriff zu beginnen. Der Frage nach den Techniken des „Generierens“ und der Entstehung von (architektonischer) Bedeutung fällt dabei eine zentrale Rolle zu.

Eine erneute Erörterung von Christopher Alexanders Pattern Language stellt einen durchaus brauchbaren Ausgangspunkt dar, von dem aus sich die zu beobachtende Radikalität technologischer Dynamiken architekturtheoretisch reflektieren und über eine „Architektur im Zeitalter ihrer digitalen Generierbarkeit“ spekulieren ließe. Die von der ARCH+ angesprochene Herausforderung, für die „Strukturform“ des Computers auch eine dazu entsprechende „Kulturform“ (vgl. ARCH+ 189, S. 7) finden zu wollen, ist somit in der Tat die vielleicht dringlichste Aufgabe einer zukünftigen Architekturtheorie.

 

Vera Bühlmann:

Was ist zum Beispiel ein mediales Haus, wenn seit Vilém Flusser’s Diagnose das Haus längst mobilisiert mutiert zur Klimakammer für die Fruchtkörper medialer Pilzmyzele in Gestalt rhizomisierender Kabelbäume?

Zahlreiche Diskurse um das Digitale haben in den vergangenen Jahrzehnten bereits ihre Tentakeln ausgestreckt und damit begonnen, die neuen Sphären von Verfügbarkeit zu erkunden, das Ertastete zu markieren, und über die Möglichkeiten zur Systematisierung und Taxierung der zunächst arbiträr gesetzten Wegmarken nachzudenken. Mittlerweile kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass auch für die Architektur die Grundlagen und das Kräftegefüge parametrisiert und volatilisiert in Bewegung geraten sind.

Um sich beim Erkunden dieser neuen Heterotopien allerdings nicht mehr in der Bodenlosigkeit eines Grundsatzproblems zu verlieren (analog vs. digital, mit den entsprechenden ideologischen Wurzeln und den entsprechend heftigen Kämpfen), braucht es wohl genau jenen von ARCH+ 189 programmatisch ausgerufenen Schritt: Wie auch immer diese eben anbrechende Zeit der Domestizierung von Netzwerken einmal nachträglich charakterisiert werden wird, die konstruktive Fragerichtung heute muss darauf gerichtet sein, was der veränderte Kontext für die Architektur bedeuten kann. Christopher Alexander mit seiner systematischen Suche danach, wie über synthetisierende Analysen „Form aus den Bedürfnissen der Gesellschaft entsteht“ (vgl. Christopher Alexander et al., ARCH+ 189, S. 21), kann wohl diesbezüglich als einer der prominenteren Abenteurer gelten.

Dass wir heute von einem Zeitalter digitaler Generierbarkeit sprechen können, bedeutet vielleicht endlich das Ankommen auf einer neuen diskursiven Ebene. Die Sedimente, aus denen diese freilich besteht, sind – etwas überraschend vielleicht – alles andere als neu. Zwar machen sich die sogenannten digitalen Maschinen erst seit etwa 60 Jahren in unserem Alltag breit. Doch die diesen Maschinen zugrunde liegende Zeichenpraxis des Digitalen (Bernhard Siegert) schichtet bereits seit einigen Jahrhunderten schon Ablagerungen in diesem volatilen und fluiden Transformationsraum des Symbolischen auf – darauf gründet beispielsweise sämtliche heutige elektronische Informationstechnik. Die auf diesem Plateau eines veräußerten Synthetischen wirksamen tektonischen wie strukturellen Prinzipien und Kräfteverhältnisse freilich beginnen wir gerade erst kennenzulernen.

Deswegen kann auch der Umgang der Architektur mit der Digitalisierung nicht darin bestehen, eine neue Stabilität im reinen Regelfolgen immer weiterer und weiterentwickelter Programme nach alter Orientierung fixieren zu wollen (Kuhnert/Ngo, ARCH+ 189, S. 8). Denn dies würde nicht nur bedeuten, in falscher Bescheidenheit auf die Üppigkeit von altem Kulturgut zu verzichten und die dünne Suppe reiner Regeln zu löffeln von denen es bisweilen sogar heißt, dass sie – wenn auch noch ganz ohne Einbettung in neue Gewohnheiten bei der Landung aus der Abstraktion im Konkreten, d.h. bei der Anwendung – plötzlich „Kultur“ bedeuten sollen. Derweil fühlen sich die alten Gewohnheiten nämlich in neuer Umgebung zunehmend schal an. Darüber hinaus aber würde es ganz anders auch bedeuten, die eigentlichen Potenziale eines veräußerten Synthetischen für die Architektur als autonomer Disziplin im Keim zu ersticken. Will man aus der Partikularität willkürlicher (oder etwa besser: willentlicher?) Formalismen ausbrechen, so könnten wir heute vielleicht die Frage stellen:Was heißt es denn, wenn wir plötzlich aus gar so vielen Methoden wählen können? Jeder Software-Ingenieur kennt die Situation, dass man – um etwas Bestimmtes zu implementieren – aus 1001 Möglichkeiten auswählen kann. Spricht man aber über Methodik, treibt man Methodologie und hat eine Methodenlehre im Auge, dreht sich alles darum: Wie erreiche ich ein Ziel? Unmittelbar daran anschließend drängt sich die Frage auf: Das Ziel der Architektur, oder bescheidener, eines arkhitekton (Baumeisters), ist was genau?

Diese Frage ist durchaus keine rein rhetorische Frage (vgl. dazu den Leserbrief von Ludger Hovestadt). Es scheint vielmehr so, dass sich in der so enorm mediatisierten, spielend netzwerkenden Gesellschaft heute die Möglichkeit für eindeutige Ziele durch Schwarmbildung aufgelöst hat: Von der Architektur zur Telotektur, sozusagen. Die Konsensmaschinen von Kaisersrot (vgl. dazu Oliver Fritz, ARCH+ 189, S. 64ff.) können ebenso als Beispiel für diese Tendenz gelten wie auch die Datenprofile zur Simulation von Space Syntax (vgl. dazu Anna Rose et al., ARCH+ 189, S. 32ff.). Die Kodierbarkeit von architektonischen Orientierungsgrößen wie Typologie, Geometrie, Ornament und Terrain in parametrisierbare Muster ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer Elementarisierung auf neuem Abstraktionsniveau. Zu diesem neuen Abstraktionsniveau gehört allerdings auch, dass die bisher stabilisierenden, weil als selbstverständlich taxierten Werte (die Semantik der alten Orientierungsgrößen) arbiträr geworden sind: Es geht wohl jetzt darum, auf dem neuen Plateau auch neue Geschichten zu erzählen, und zwar vielleicht gerade so radikal wie einst die vorsokratischen Griechen vorgegangen sind, als diese die Funktionen der mythischen Götter auf stoffliche Elemente zu projizieren begannen. Der schwierigste Teil besteht wohl heute darin, mehr über die Bedinungen zum Schaffen von arbiträr vereinbarter und dennoch nachhaltiger Verbindlichkeit zu lernen.  

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!