ARCH+ 191/192

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Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 26

ARCH+ 191/192

Abfallzerkleinerer

Von Beyer, Elke

Das elektrische Kleingerät ist unterhalb des Abflusses angebracht und püriert auf Knopfdruck Abfälle und Essensreste mit Wasser zu einem flüssigen Brei, der durch die Abwasserrohre gespült und in Kläranlagen weiter bearbeitet wird. In idealer Weise macht das Gerät durch die augenblickliche Entsorgung vergessen, welche Mengen und welche Arten von Abfall es aus dem Haus transportiert. In den Blick rückt das aggressive Ventil zwischen Ober- und Unterwelt nur, wenn es die falsche Materie entsorgt, wie Wertgegenstände oder menschliche Körperteile, oder durch Fehlfunktionen den Inhalt der Rohre wieder zurück in die Wohnung transportiert. Beides sind gleichermaßen beliebte Motive für Komödien wie für Horrorfilme: Je unmittelbarer und schärfer die Trennung zwischen den Sphären des Reinen und des Unreinen konstruiert ist, desto mehr scheinen sich Phantasie und Ekel von deren Umkehrung anregen zu lassen.

Die Karriere des Abfallzerkleinerers als neuer Ausscheidungsmechanismus für Wohngebäude beginnt nach dem Ersten Weltkrieg. Verstädterung und industrielle Produktion von Nahrungsmitteln lassen die Menge der Haushaltsabfälle stark zunehmen, während hergebrachte Verwertungsformen als Brennstoff, Tierfutter, Kompost usw. sich für den Einzelhaushalt oder Kleinunternehmer nicht mehr lohnen. Was zuvor als wertvoller Rohstoff diente, wird nun mit Schmutz gleichgesetzt und innerhalb des privaten und des öffentlichen Raums zu einer unerwünschten, unreinen Materie, die nur an eigens dafür eingerichteten Orten ihren Platz hat. Doch selbst eine gut organisierte Müllabfuhr erfordert die zeitweise Lagerung von Abfall, was Arbeit macht („Wer bringt den Müll raus?“), Gerüche entstehen lässt oder unbeliebte Tierarten anziehen kann.

Wie beim Ersatz des Nachttopfs durch das -> WC kann die Einrichtung einer direkten, ständig verfügbaren Schnittstelle zwischen Haushalt und dem städtischen Entsorgungssystem der Kanalisation nur durch das komplexe Zusammenwirken technischer Erfindungen, infrastruktureller und organisatorischer Rahmenbedingungen und einer kulturellen Praxis der Wegwerfgesellschaft Fuß fassen. Das erste US-Patent für einen per Handkurbel betriebenen Abfallzerkleinerer im Spülbecken wird 1920 von Dominick Rodgers aus Pittsburgh, Pennsylvania, angemeldet. Zwei Jahre später präsentiert in Frankreich der Ingenieur Louis Antoine Garchey -> Müllschlucker eine gleichfalls durch Muskelkraft und Wasser angetriebene Hebelvorrichtung zum gleichen Zweck. Entscheidend für beide Mechanismen sind die Anpassung des Abfalls an den Durchmesser der Abflussrohre und ein luftdichter Verschluss, um die Küche vor Gerüchen und der Fauna der Kanalisation zu schützen. Garchey meldet dann 1926/27 u.a. in Frankreich, der Schweiz und den USA das Patent für ein System an, das in der modernen Architekturgeschichte Europas zunächst zum Inbegriff fortschrittlicher Gebäudetechnik im Geschosswohnungsbau und dann der damit auftretenden Probleme wird. Es sieht luftdicht verschließbare Sammelbehälter unter dem Küchenbecken jeder Wohnung vor, aus denen Abwasser und alle Abfälle bis zu einer bestimmten Größe bei Bedarf in zentrale Sammelstationen abgelassen werden können. In einigen Pilotprojekten modernen Wohnungsbaus in Großbritannien und Frankreich (Quarry Hill Flats, Leeds, 1934–1941; Unité d’habitation, Marseille, 1947–1952; The Barbican, London, 1956–1979) wird die unmittelbare Entsorgung von festen Abfällen so mit dem Abwasser gekoppelt. Diese nach Garchey benannten Systeme münden jedoch nicht in die städtische Kanalisation, sondern bilden mit eigenen Verbrennungsanlagen oder Sammeltanks geschlossene Kreisläufe. Notorische Probleme und der große Reinigungsaufwand führen dazu, dass es bei Einzelversuchen mit solchen hydraulisch betriebenen Anlagen bleibt.

In den USA hingegen bringt 1935 die Firma General Electric den ersten elektrischen Abfallzerkleinerer für das Spülbecken namens Disposall auf den Markt und im gleichen Jahr lässt John Hammes den In-Sink-Erator patentieren. Erst nach dem Krieg beginnt die Produktion in hohen Stückzahlen und bis 1948 folgen knapp zwanzig weitere Anbieter wie Waste King oder Atomic Disposer. Ab den 1950er Jahren werden in den USA jährlich etwa 200.000 Geräte neu installiert. Die Geschichte der Etablierung des Abfallzerkleinerers zeigt die enge Verschränkung von Konsumkultur, Bauwesen und öffentlicher Regulierung. Einerseits handelt es sich um ein relativ günstiges, leicht zu installierendes Elektrogerät, das sich nahtlos in den Diskurs um größtmögliche Hygiene und Zeitersparnis im Haushalt einfügt. Es gilt den Installateuren und Küchenbauern als Türöffner für den Absatz neuer Küchenausstattungen, wie die Fachzeitschrift Domestic Engineering im Oktober 1954 schreibt: „Once they have bought the idea of a disposer they have bought the idea of a whole new kitchen.“ Andererseits muss der Zerkleinerer von der kommunalen Abwasserwirtschaft genehmigt werden, bevor eine direkte Vermarktung beim Endverbraucher Erfolg haben kann. Die Hersteller verhandeln deshalb intensiv mit Kommunalverwaltungen, Abwasserfachleuten, Bau- und Installateurfirmen – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen: Die Kleinstadt Jasper in Indiana schließt 1950 mit General Electric einen Vertrag zur Ausstattung aller Haushalte mit Disposall- Zerkleinerern und stellt daraufhin als erste Kommune der USA die städtische Müllabfuhr ein und verbietet das Aufstellen von Mülltonnen außerhalb privater Gebäude. Andere Kommunen, darunter Dearborn in Michigan 1951, Denver und Detroit 1955, verpflichten zumindest bei Neubauten zur Installation eines Abfallzerkleinerers. Philadelphia, Miami und New York dagegen verbieten bereits 1949 den Betrieb der Geräte, da sie eine Überlastung des Kanalisationssystems befürchten. In New York City wird das Verbot erst 1997 aufgehoben. In den europäischen Ländern finden die elektrischen Zerkleinerer im Gegensatz zu anderen US-amerikanischen Innovationen kaum Verbreitung. Zwar wirbt die Firma In-Sink-Erator Worldwide heute mit der vermeintlichen Umweltfreundlichkeit ihres Produkts, da es Mülldeponien entbehrlich mache. Doch für einen durchdachten, ressourcenschonenden Umgang mit den Überschüssen der Zivilisation kann das Gerät kaum Zukunftsperspektiven bieten.

- William A. Cohen und Ryan Johnson (Hg.), Filth. Dirt, Disgust and Modern Life, Minneapolis 2005.

- Suellen Hoy, „The Garbage Disposer, the Public Health, and the Good Life“, in: Technology and Culture 26 (1985), S. 758–784.

- Susan Strasser, „‚The Convenience is out of this World.‘ The Garbage Disposer and American Consumer Culture, in: Dies. u.a. (Hg.): Getting and Spending. European and American Consumer Societies in the Twentieth Century, Cambridge/New York 1998, S. 263–279.

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