ARCH+ 191/192


Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 24-25

ARCH+ 191/192

Präliminarien zu einer Theorie der Schwelle

Von Stalder, Laurent

Etymologisch, nach Grimms Wörterbuch, meint die Schwelle den Grundbalken, der einen Aufbau trägt. Schwelle kommt also nicht von schwellen, sondern von gründen (germ.: „svelo“). In der Architektur bezeichnet die Schwelle jedoch nicht nur den unteren Querbalken einer Konstruktion, sondern auch den des Türrahmens. Ihre Bedeutung ist also eine doppelte, widersprüchliche. Sie ist auf der einen Seite der Ort der Gründung eines Bauwerks, an dem die Grenze zwischen innen und außen, privat und öffentlich, rein und unrein, warm und kalt, heimlich und unheimlich fixiert wird. Auf der anderen Seite ist die Schwelle aber auch der Ort, wo diese Grenze übertreten werden kann, wo die Geschlossenheit der vier Wände aufgelöst wird und die „Beschränktheit abgesonderten Fürsichseins“ mit der „Unbegrenztheit aller Wegerichtungen“ verbunden wird, wie Georg Simmel treffend in „Brücke und Tür“ (1909) über den Eingang notierte.
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