ARCH+ 191/192


Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 103-109

ARCH+ 191/192

Spiegelglas

Von Martin, Reinhold

Widerspiegelungen

Die Grundlage der Postmoderne sei eine „Ökonomie mit Spiegeln“. Mit dieser Spiegelmetapher, die im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1988 in Bezug auf die „Reaganomics“, die Wirtschaftspolitik Ronald Reagans, geprägt wurde, verweist der Geograf David Harvey auf die spekulative Natur des Finanzkapitals, das er auch „fiktives Kapital“ nennt. Diese „Voodoo-Ökonomie“ (George H. W. Bush) war für ihn und viele seiner neomarxistischen Kollegen Ausdruck einer postmodernen Entmaterialisierung der Kulturproduktion, die sich zusehends in ein spektakuläres Spiel von Bildern verwandelte. In seiner 1990 vorgelegten Studie über die Bedingungen der Postmoderne deutete Harvey diese offenkundige Entmaterialisierung als Zeichen einer „Krise des historischen Materialismus“. Dass das empirische Beweismaterial nicht auf eine vollständige Ablösung der „fordistischen Moderne“ durch eine „flexible Postmoderne“ hindeutete, sondern eher auf Miteinander oder ein Nebeneinander dieser beiden Regime, betrachtete er als Bestätigung dafür, dass sie in Wirklichkeit zwei Pole in der historischen Dialektik der kapitalistischen Entwicklung selbst waren – in einem synchronischen, als auch in einem diachronischen Sinn. [1] „In welche Richtung sich der Kapitalismus auch immer entwickelt“, formulierte Harvey von dieser Dialektik ausgehend, „sein Illusionsapparat, seine Fetischismen und sein System von Spiegeln folgen ihm auf dem Fuße“. [2]

Indem er seiner Analyse Marx’ berühmtes Diktum hinzufügte, wonach „den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet [...], daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut“, maß Harvey der Kultur eine voraussagende Funktion bei, [3] welche die ihr zugrunde liegenden ökonomischen Kräfte in ästhetischen Begriffen zum Ausdruck bringe, während sie deren reale Auswirkungen kaschiere. Damit wird der postmodernen Kulturproduktion auch jene ideologische Funktion zugemessen, die im marxistischen Denken für gewöhnlich dem Fetisch zugeordnet ist, nämlich das Verschleiern der ökonomischen Gewalt – in diesem Fall unterstützt und begünstigt durch den cultural turn, eine Entwicklung, in der „die Ethik von der Ästhetik verdrängt wird“. [4] ...

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