ARCH+ 191/192


Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 96-101

ARCH+ 191/192

Schwelle (2)

Von Diller, Elizabeth /  Scofidio, Ricardo /  Renfro, Charles /  Förster, Kim /  Ngo, Anh-Linh

Elizabeth Diller, Ricardo Scofidio und Charles Renfro im Gespräch mit Kim Förster und Anh-Linh Ngo   Ihre Arbeit scheint sich seit jeher in besonderer Weise mit Türen und Fenstern zu beschäftigen. Wann haben Sie damit angefangen, über Schwellen nachzudenken?

Ricardo Scofidio (RS): Grundsätzlich habe ich mit Schwellen so meine Probleme, denn sie setzen ein Denken in Entweder-Oder-Kategorien voraus. Entweder man ist auf der einen oder auf der anderen Seite. Und die Bedingungen auf der anderen Seite würden sich von der Seite, auf der man sich selbst befindet, unterscheiden. Eine Schwelle ist also der Moment, in dem man vom Einen zum Anderen geht. Die Idee der Schwelle beinhaltet nicht die Möglichkeit der Kontinuität.

Elisabeth Diller (ED): Das Wort Schwelle habe ich seit sehr langer Zeit nicht benutzt. Die gewöhnlichste Beschreibung einer Schwelle im architektonischen Sinn ist der Moment des „Weder hier – noch dort“, das Dazwischen-Sein. Wenn ich nicht im architektonischen Sinne über Schwellen nachdenke, dann wird es schon interessanter, weil dann die Idee eines Schwellen-Moments entsteht, eines Kippmoments. Dann ist es eine zeitliche Vorstellung. Wenn ich die Schwelle als eine räumliche Idee begreife, dann sehe ich sie lieber als Schnittstelle.

Vielleicht hat es mit der Sprache zu tun, im Deutschen könnte es anders sein. Wenn ich das Wort Schwelle höre, denke ich automatisch an die Architektur der Postmoderne. Damals sprach jeder von Torbögen, die den feierlichen Moment markieren, in dem man ein Gebäude oder einen Raum betritt. Daher reagiere ich auf den Begriff intuitiv mit Ablehnung. Wenn man das Wort hingegen durch Schnittstelle oder Interface ersetzt, steckt dahinter ein vollkommen zeitgemäßer Gedanke. Dann ergibt sich jedoch die Frage: Was ist eine räumliche Schnittstelle, was könnte ein solches Element in der Architektur sein? Mir fallen zwei unserer frühen Projekte ein, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben:

Eines war für den Eingang zur Ausstellung „Art on the Beach“, die von Creative Time 1984 kuratiert wurde. Die Ausstellung fand auf einem aufgeschütteten Gelände in New York statt, auf dem später Battery Park City gebaut wurde. Unser Projekt „Gate“ bezog sich auf die Schwelle, an der zwischen der Institution und dem Besucher eine finanzielle Transaktion stattfindet. Wir gestalteten die Architektur so, dass die Beteiligten in dem Moment, in dem das Geld bezahlt wird, wirklich interagieren müssen. Wir haben mit diesem wichtigen Detail begonnen und das Projekt darum entwickelt. So gesehen war „Gate“ tatsächlich ein Transaktionsfenster. Im Gegensatz dazu haben wir das „Slow House“ insgesamt als Schwelle konzipiert. Es ging um die Verbindung zwischen einer Tür und einem Fenster. Das Gebäude war der Schwellenraum zwischen dem Eingang und der Aussicht. ...

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