ARCH+ 193

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Erschienen in ARCH+ 193,
Seite(n) 102-103

ARCH+ 193

Trabucchi: ultrastabile Holzkonstruktionen für den Fischfang

Von Laner, Franco

Trabucchi – oder auch “trabocchi” – sind einzigartige Holzkonstruktionen, die an der Abruzzen-Küste zum Fischfang errichtet wurden. Ihre Schönheit, ihre Widerstandskraft, ihre Fragilität sind ebenso beeindruckend wie ihre konstruktive Funktionalität. Will man hohen Kräften entgegenwirken, bedient man sich oft starker Strukturen und widerstandsfähiger Materialien, die gut ausgesteift und fest im Boden verankert sind. Beim Trabucco hingegen wurde das Prinzip der Elastizität, also der Fähigkeit zur Aufnahme von Energie und zur Deformation ohne Bruchversagen, angewendet. Er widersetzt sich den Kräften nicht, sondern biegt sich, verformt sich, beugt sich, um seine ursprüngliche Gestalt wieder anzunehmen, wenn sich das Meer beruhigt hat.

Das Konstruktionsprinzip der Trabucchi beruht auf einigen Merkmalen, die sich über lange Zeiträume der Beobachtung und des Versuchs entwickelt haben: Den Kräften von Wind und Wasser wird so wenig Oberfläche wie möglich dargeboten. Auf einige zarte Stützen, ein Minimum an Aufbauten und Beplankung sowie die weit hinausragenden Antennen beschränkt, bleibt die Angriffsfläche äußerst gering. Alle Elemente wurden mit Schnüren miteinander verbunden, niemals jedoch mit Nägeln oder Schrauben, wodurch die notwendige Beweglichkeit der Konstruktion und die Haltbarkeit der Knoten gewährleistet sind. Aussteifende Bauteile sind rar, da die gesamte Struktur weich und deformierbar sein muss, um den auftretenden Belastungen nachgeben zu können. Alles, was vom Prinzip der elastischen Biegsamkeit abweicht, ist unsinnig und schädlich. Das “Sankt Andreas Kreuz“ z.B., sehr geeignet zum Aussteifen von Strukturen, ist genauso wenig zulässig, wie es Bolzenverbindungen sind. Die Vergrößerung der “Kabine“ erhöht die dem Wind ausgesetzte Fläche. Auch das Verstärken der Pfähle schafft neue Angriffsflächen für Horizontalkräfte. Der Steg, der zum Trabucco führt, ist aus derart schmächtigen Brettern gemacht, dass das Gehen schwerfällt, aber das Meer hat minimale Angriffsfläche.

Der Bruch einiger Elemente ist vorgesehen und der Ersatz von Einzelteilen ist Bestandteil des alltäglichen Betriebs des Trabucco. Die Reparatur ist immer leicht, weil die Anordnung der Elemente einfach ist und diese problemlos austauschbar sind. Als ob der Trabucco, der wie eine große Spinne ins Meer hinausragt, auch deren Fähigkeit zur Reproduktion besäße; verliert die Spinne ein Bein, lebt sie trotzdem weiter, und wartet, bis das verlorene Glied wieder nachwächst. [...]

Als Baumaterial dienten Kastanienholz, das im Bereich des Tidenhubs sehr dauerhaft ist, sowie Robinienholz, dessen Festigkeit eine Zugspannung von bis zu 2500 kg/cm2 zulässt. Einige Trabucchi wurden restauriert und für Touristen zugänglich gemacht. Um Sicherheitsstandards einzuhalten, wurden jedoch ungeeignete Sekundärstrukturen aufgesetzt, die sie ihrer ursprünglichen Natur beraubt haben, was den Schluss zulässt, dass Restaurierungen nur dann vorgenommen werden sollen, wenn man das Wesen und die Idee einer Struktur verstanden hat. Was den Trabucco so einzigartig macht, ist eben nicht nur das Erscheinungsbild, sondern das inhaltliche Konzept, das Zusammenspiel von Beobachtungen und Gedanken, die sukzessive in ihrer Materialisierung Realität wurden und zu höchster funktioneller und architektonischer Ausdruckskraft führten.

Erstveröffentlichung in: Zuschnitt.at, Ausgabe 19, September 2005, S. 9 – 11, Übersetzung: Sieglinde Weger; www.proholz.at

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