ARCH+ 194

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Erschienen in ARCH+ 194,
Seite(n) 10

ARCH+ 194

Zeitung: Schwellenerfahrung

Von Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh

Die Firma Siedle im Porträt
Tagtäglich passieren wir eine Vielzahl von Schwellen, die wir als solche nicht bewusst zur Kenntnis nehmen. Unzählige technische Apparaturen wirken daran mit, diese räumlichen oder virtuellen Übergänge „unterschwellig“ zu regeln. Erst wenn sie nicht ordnungsgemäß funktionieren, nehmen wir Schwellenelemente missmutig wahr: eine defekte Tür, ein nicht funktionierender Aufzug, ein vergessenes Passwort. Walter Benjamin stellte bereits in seinem Passagenwerk die fortschreitende Abstrahierung des Schwellenbegriffs fest. So sei die Phase des Einschlafens und des Erwachens vielleicht die letzte Schwellenerfahrung, die wir noch bewusst erleben. Die Frage wäre, wozu wir Schwellen überhaupt brauchen? Dem Medienphilosoph Vilém Flusser zufolge muss der Mensch beim Überschreiten unterschiedlicher Lebensräume Schwellen passieren, die ihn dazu zwingen, sich zu identifizieren und zu definieren. So gesehen sind Schwellen wichtig für die Herausbildung unserer Identität, die von Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen zugleich geprägt ist. Um zwischen verschiedenen Lebensräumen wechseln zu können, sind Übergangszonen oder – um es mit Flusser zu sagen – „Löcher in den Wänden“ notwendig. Laut Flusser gleichen die Wände, die unsere Lebenssphären in privat und öffentlich, profan und sakral teilen, inzwischen einem „durchlöcherten Emmentaler Käse“. Denn die Vielzahl und Vielfalt der technischen Aus- und Aufrüstung des Hauses in den letzten 150 Jahren – angefangen bei Wasser- und Stromleitungen über Radio und Fernsehen bis hin zum Telefon und Internet – hat neben den traditionellen Türen und Fenstern weitere materielle und immaterielle „Löcher“ in die Wände geschlagen, ohne die die heutige Netzwerkgesellschaft nicht denkbar wäre...
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