ARCH+ 194


Erschienen in ARCH+ 194,
Seite(n) 146-159

ARCH+ 194

Kapitel 7: Beziehungen zur Gesellschaft und zu den anderen Künsten

Von Taut, Bruno

Die Beziehungen der Architektur zur Gesellschaft, das heißt zum Staat und seinen verschiedenen Gruppierungen, ebenso zu der Masse der Bevölkerung überhaupt, sind zweifellos sehr große. Mehr als die Werke irgendeiner anderen Kunst bleiben die Bauten den Augen der Menschen ausgesetzt, und zwar nicht allein, weil sie dem Straßenleben und der Öffentlichkeit im gewöhnlichen Sinne des Wortes zugehören, sondern auch deshalb, weil ihre Lebensdauer eine sehr lange ist. Architektur: eine Gesellschaftskunst In der Architektur spielt die Zusammenwirkung vieler Werke eine große Rolle. Was die Schönheit einer Stadt ausmacht ist im wesentlichen das Ensemble der Gebäude. Somit ist die Architektur die Gesellschaftskunst par excellence; so gering auch die Architekturkritik verglichen mit der Kritik von Konzerten und Ausstellungen in den Zeitungen ist, so ist doch in Wirklichkeit das Interesse des Publikums an Bauten viel intensiver als an Gemälden, Skulpturen, Musikwerken und – in gewissem Grade sogar an der Literatur. Einen Roman, der in den ersten Jahren seines Erscheinens große Sensation machte und sich nachher literarisch als wertlos erwies, liest niemand mehr, wenn zehn Jahre vergangen sind. Große Bauten aber, die ebenso am Anfang Sensation machten und nachher sich als unarchitektonisch erwiesen, bleiben im freien Licht der Sonne stehen; Massen von Menschen gehen an ihnen vorüber und können fünfzig, hundert Jahre und mehr nichts dagegen tun. Die Dimensionen solcher Häßlichkeiten in Stein überragen jedes noch so bombastische Denkmal. Eine ganze Stadt aus solchen Häßlichkeiten hat ein Mißgeschick getroffen, von dem sie für schrecklich lange Zeiten niemand erlösen kann...
SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!