ARCH+ 195

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Erschienen in ARCH+ 195,
Seite(n) 18

ARCH+ 195

Architektur als politisch-militärische Plastik

Von Kamleithner, Christa

Eyal Weizman, Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung, aus dem Englischen von Sophia Deeg und Tashy Endres, Nautilus Verlag, Berlin 2009
Architekten waren über Jahrhunderte nicht zuletzt Festungsbaumeister und hatten deshalb auch mit der jeweils aktuellen Kriegstechnik bestens vertraut zu sein. Nachdem das Berufsfeld der Architektur in der Moderne zivil wurde, ist dieses Wissen in den Hintergrund getreten. Wo politisch-militärische Konflikte den Alltag bestimmen, zeigt sich aber auch heute noch, dass Architektur und Städtebau als „Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln“ verstanden werden können: Seit kurzem liegt Eyal Weizmans 2007 in englischer Sprache erschienenes Buch über „Israels Architektur der Besatzung“ in deutscher Übersetzung vor. Es führt in dichter Beschreibung sowohl die räumliche Logik von Kriegs- und Kontrolltechniken als auch die militärische Logik baulicher Infrastrukturen vor, die in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten zum Einsatz kommen. Das Buch basiert auf den jahrelangen Forschungen des Autors Eyal Weizman. Dieser erzählt nicht nur anschaulich von den Mechanismen der Besatzungsarchitektur, sondern analysiert, wie sich in Verschiebungen im Bereich militärischer Strategien, rechtlichen Denkens und technischer Möglichkeiten im Nahen Osten eine global bedeutsame Neuformulierung von Territorialität und Souveränität abzeichnet.Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf dem israelischen Siedlungsbau im Westjordanland seit den 1970er Jahren. Seit dieser Zeit hat sich die dortige Siedlerbewegung radikalisiert und zunehmende staatliche Unterstützung erfahren, nicht zuletzt aufgrund einer neuen militärischen Logik. Ging die militärische Führung im Jom-Kippur-Krieg  noch von linearen Verteidigungsmaßnahmen aus, so entwickelte Ariel Scharon, der in diesem Krieg zum Helden avancierte, ein neues „Konzept der Tiefe“, das ein wesentlich effektiveres Netzwerk gestaffelter Militärbasen vorsah. Auf dieser Basis schlug er einen Besiedlungsplan vor, der nie offiziell bestätigt wurde, aber eine Schlüsselrolle im Siedlungsprozess einnahm. Getragen wurde dieser von privaten Siedlervereinigungen, deren Landnahmen auch eine militärische Funktion zukommt und die im Nachhinein unter Berufung auf Sicherheitskriterien legitimiert wurden. Dieser komplexe Prozess steht in deutlichem Gegensatz zur top-down-Planung, die die Anfänge des israelischen Staates in den 1950er- und 60er Jahren maßgeblich geprägt hat; er setzt ein mit einem politischen Führungswechsel in Israel und verläuft parallel zu einem Wechsel der Planungsmodelle in der westlichen Welt. In den 1980er Jahren wird er zum Staatsprojekt, in das große Summen investiert werden: Jerusalem wird von einem Ring an Vorstädten umgeben und die Siedlungen werden durch Straßen vernetzt. Im Umfeld der Großstädte wird der Siedlungsbau auch zur Angelegenheit der Mittelschicht, die an den Rand der Städte zieht. Diese Vorstadt-Projekte gleichen nicht zufällig dem nordamerikanischen new urbanism, sie wurden auch von denselben Architekten geplant. Entstanden sind so ausgedehnte „Aussichts-Siedlungen“, die von den Berghöhen herab auf die von der wesentlich ärmeren palästinensischen Bevölkerung besiedelten Täler hinunter blicken und diese kontrollieren.Diese fragmentierte Topografie bildet die Grundlage der durch den 1993 beginnenden Osloer Friedensprozess erreichten Teilautonomie der palästinensischen Gebiete. Das Buch macht deutlich, dass sie für Israel keinen Kontrollverlust bedeutet: Zwar wurde die militärische Präsenz in den besetzten Gebieten zum Teil aufgegeben, über Checkpoints und den Zugriff auf Luftraum und Untergrund kann dennoch eine umfassende Kontrolle ausgeübt werden. Umgekehrt wurden sämtliche Verwaltungsaufgaben der palästinensischen Autonomiebehörde übertragen und damit die Verwaltung im Sinne der neuen Governance-Logik effizienter gestaltet. Die territoriale Komplexität dieser Situation zeigt sich augenscheinlich im Mauerbau und im Projekt der Straßensysteme, die durch Brücken und Tunnel die Siedlungsfragmente beider Seiten verbinden sollen. Der Verlauf der Mauer ist dabei noch keineswegs festgelegt, sondern wird vor Gerichten ausgefochten; Weizman zufolge ein Krieg mit anderen Mitteln, in dem die Kräfte ungleich verteilt sind: Die Mauer zerstört oftmals das soziale und wirtschaftliche Gefüge der palästinensischen Städte. Aber auch der direkte Krieg wirkt formbildend. Auf die im Jahr 2000 beginnende zweite Intifada  antwortete das israelische Militär mit gezielten Tötungen aus der Luft und dem Einmarsch in die als Ausgangspunkte des Terrors angesehenen palästinensischen Flüchtlingslager. Hier zeigt sich die neue territoriale Logik in aller Deutlichkeit: In kleinen, unabhängig agierenden Gruppen schneiden sich die Soldaten ihren Weg durch die Mauern und Decken der Häuser. Sie nehmen nicht die bestehenden Straßen, sondern erzeugen ihren eigenen Raum – der Raum wird zu einer „Frage der Interpretation“. Beunruhigend zeigt sich hier, wie Konzepte aus Philosophie und Architektur in militärischen Doktrinen aufgenommen werden: Insbesondere Deleuze und Guattari werden als Vordenker einer Kriegsführung begriffen, die keine Grenzen mehr kennt, sondern das territoriale Gefüge in bisher unbekannter Weise verflüssigt. Das Buch zeigt „Israels Architektur der Besatzung“ als Modell eines Raumes, in dem der Krieg zum Dauerzustand geworden ist und der Raum nicht mehr als Einkerbungsfläche fungiert, sondern zu einem hochgradig verschiebbaren Kräftefeld geworden ist
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