ARCH+ 195

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Erschienen in ARCH+ 195,
Seite(n) 24-25

ARCH+ 195

Editorial: Die grünen Seiten Istanbuls

Von Karakurt, Nuray /  Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh

Die Türkei war schon immer ein besonderer Bezugspunkt für deutsche Architekten. So hat Bruno Taut immer wieder die Bedeutung des Orients für die Erneuerung der Moderne beschworen, die in seinen Augen einem trockenen Rationalismus verfallen war.  Dieser ideelle Bezugspunkt wurde während der Zeit des Nationalsozialismus zu einem konkreten Fluchtpunkt für eine ganze Generation von Architekten, Stadtplanern, Künstlern und Wissenschaftlern, die vom NS-Regime verfolgt wurden und in Istanbul und Ankara Schutz und Arbeit fanden: Architekten wie Bruno Taut, Margarete Schütte-Lihotzky oder Paul Bonatz, um nur einige zu nennen. Sie haben bei der Modernisierung des Landes mitgewirkt, die Staatsgründer Kemal Atatürk der Türkei nach 1923 verordnet hatte. Vor allem halfen diese „Universitätsemigranten“ mit bei der Umsetzung der Bildungsreform von 1933, die ein wichtiger Baustein der Modernisierungspolitik Atatürks war. Das Ergebnis dieser verordneten Modernisierung wirkt bis heute nach und bestimmt ein labiles Verhältnis zwischen Tradition und Moderne, nationalistischem Säkularismus und religiösem Konservatismus, latentem Autoritarismus und Demokratie. Aber auch die Sonderrolle der Türkei im islamischen Kontext ist diesem Ausgangspunkt zu verdanken: Der islamische Fundamentalismus konnte hier nie wirklich Fuß fassen. Interessanterweise werden gerade die politischen Defizite der Vergangenheit, zu denen eine vom Militär gelenkte Demokratie und ein tief sitzender Nationalismus gehören, gegenwärtig von einer islamisch-konservativen Bewegung vorsichtig behoben. Das Faszinierende an dieser Entwicklung ist, dass diese Reformen weniger aus ideologischen als vielmehr aus pragmatisch-merkantilen Erwägungen heraus erfolgen. Sei es die moderate Stärkung der Bürgerrechte im Rahmen der europäischen Annäherung, sei es die vorsichtige Anerkennung der kurdischen Minderheit oder die gerade begonnene Aussöhnungspolitik gegenüber Armenien, das alles geschieht vornehmlich mit dem Ziel, den politischen und ökonomischen Handlungsspielraum der Türkei als strategische Mittelmacht an der Grenze zwischen Europa und den Krisenherden des Nahen Ostens zu vergrößern. Grün – die Farbe des Islam Es ist also nicht übertrieben, von einer Zeitenwende zu sprechen, trotz aller noch bestehenden eklatanten Defizite bei den Freiheitsrechten, wie der Fortschrittsbericht der EU-Kommission zum Beitrittsprozess der Türkei soeben wieder gezeigt hat. Die Partei, die die skizzierten Entwicklungen vorantreibt, ist die islamisch-konservative AKP des Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan. Deren Parteistrategen wollen sie als konservative Partei etablieren, die für ein „calvinistisches“ Verständnis des Islams steht: fromm, stockkonservativ – und zugleich fleißig und geschäftstüchtig.    Diese „stille islamische Reformation“ (ESI) geht mit politischen und sozio-ökonomischen Reformen einher, deren Tragweite weit über die Sphäre der Politik hinausreicht. In Bezug auf die Stadtentwicklungspolitik beschworen die AKP und deren Vorgängerparteien ursprünglich das Ideal der „muslimischen Stadt“. Wie diese aussehen sollte, beschreibt der Soziologe Cihan Tuğal in seinem Beitrag „Istanbul wird grün“, dessen Titel wir für diese Ausgabe übernommen haben: Hauptmerkmale sollten architektonische Bescheidenheit und Einklang mit der Natur sein; Planung und Entwicklung sollten die historische Textur der Stadt berücksichtigen.“ Grün – die Farbe des Geldes Statt für Bescheidenheit und Berücksichtigung der historischen Textur der Stadt steht die regierende AKP jedoch seit geraumer Zeit für eine radikale Stadtentwicklungspolitik, deren Ziel es ist, Istanbul stärker für das globale Kapital zu öffnen. Das Kapital, mit dessen Hilfe Istanbul zu einem geostrategisch wichtigen Wirtschaftsstandort ausgebaut werden soll, hat nicht nur die grüne Farbe des „Greenback“, wie die Leitwährung US-Dollar umgangssprachlich genannt wird. Grün ist das Kapital auch durch so genanntes „Green Money“, das nach dem 11. September 2001 verstärkt nach Istanbul strömte, weil die Golfstaaten des Nahen Ostens teilweise ihre Anlagen aus Amerika abzogen und Istanbul ein lukratives Geschäft verspricht. Diese Entwicklung wirkt sich unmittelbar in der Stadtentwicklungspolitik aus und wird durch die Tatsache verstärkt, dass in der Regierungszeit der AKP die staatliche Wohnungsbaubehörde TOKİ zu einer alles umschlingenden Immobilienkrake umgebaut wurde, die massiv in den Bodenmarkt eingreift und verantwortlich ist für eine Unzahl von spekulativen Stadterneuerungsprojekten, die ganze Stadtviertel ausradieren. Diesen Schwenk hin zu einer profitorientierten Stadtpolitik hat Erdoğan bereits in seiner Zeit als Bürgermeister von Istanbul Ende der 1990er Jahre vollzogen, als er „das islamische Erbe der Stadt eher dazu [nutzte], weltweites Kapital und Tourismus anzulocken als eine islamische Republik darauf zu gründen. Dieser Prozess verstärkte sich 2002 noch, als die ehemaligen Islamisten den Bau von Wolkenkratzern im neuen Finanzzentrum der Stadt vorantrieben. […] Mit diesem neuen Ansatz starben der Gleichheitsgedanke und die populistische Unterstützung der Landbesetzer durch die frühen islamistischen Vordenker.“ (Tuğal) Grün – die Farbe der Zugänglichkeit Diese Entwicklung verweist auf den dritten Aspekt, den wir mit dem vieldeutigen Titel „Istanbul wird grün“ verdeutlichen wollen. Die Integration der oppositionellen islamisch/islamistischen Bewegung in die säkulare, marktwirtschaftlich orientierte Politik der Türkei hat nämlich auch deren Charakter stark verändert. War ihr Aufstieg mit dem populistischen Eintreten für die Armen und Marginalisierten der Gesellschaft verbunden, so hat sie sich in Anpassung an die Machtstrukturen immer stärker den wirtschaftlich aufstrebenden Schichten zugewendet und in letzter Konsequenz eine Art „Islam mit neoliberalem Antlitz“ (Tuğal) geschaffen. Dies wird besonders in der Stadterneuerungspolitik der AKP deutlich, die zunehmend zu Gunsten der kapitalstarken neuen Mittelschichten ausgerichtet ist, während Benachteiligte und Gecekondu-Bewohner die Lasten dieses Stadtumbaus zu tragen haben. Für Tuğal sind dies stadträumliche Auswirkungen dessen, was er „die passive Revolution der Türkei“ genannt hat: „die Herausforderungen des Islam mit den Energien der atlantischen Marktwirtschaft zu binden.“  Aber damit ist zugleich eine negative Entwicklung verbunden, die die Solidarität mit Benachteiligten der Gesellschaft untergräbt. Denn das „Recht auf die Stadt“ hängt verstärkt von den eigenen Geldmitteln ab, was sich im Boom von Gated Communities, Luxussanierungen ganzer Viertel oder in einem touristisch gefärbten Geschichtsbild niederschlägt. Grün – die Farbe der Natur Ein anderes Zeichen für die zunehmende globale Ausrichtung der Stadtökonomie Istanbuls, deren Erfolg mehr denn je von der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ abhängig ist, ist der Bedeutungszuwachs von ikonischer Architektur und bildhafter Stadtplanung. Nicht zuletzt durch den UIA Kongress in Istanbul im Jahre 2005 hat die Stadt die Werbewirksamkeit der internationalen Stars der Architekturszene für sich entdeckt. Seitdem findet kaum einer der seltenen Wettbewerbe ohne Beteiligung von Stararchitekten statt. Dass Architektur als Marketingtool eingesetzt werden kann, hat spätestens seit Frank Gehrys Guggenheim Museum in Bilbao wohl jeder Bürgermeister verstanden. Neu ist allerdings, dass „Ökologie als Planungsgestus“, wie Şevin Yıldız in ihrem Beitrag beschreibt, als Marketinginstrument und Argumentationshilfe der spekulativen Stadterneuerungspolitik zum Einsatz kommt. Die Ökologie gerät hier in Gefahr, zur Bemäntelung einer Gentrifizierungspolitik benutzt zu werden, die in letzter Konsequenz den benachteiligten Bewohnern das Recht auf Stadt entzieht. Zugang zu den Segnungen der Verbesserungen haben dann nur noch diejenigen, die es sich leisten können. Daher sollten „Naturschutzanliegen nicht der Grund sein, Diskussionen verstummen zu lassen und keine weiteren Fragen zum Charakter der Umgestaltung mehr zu erlauben – etwa nach den Nutznießern der wiedergewonnenen Ökologie“ (Yıldız). Besonders hier zeigt sich, dass die unterschiedlichen Aspekte, die wir in diesem Heft ansprechen, miteinander verwoben sind und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, oder um beim Bild „Istanbul wird grün“ zu bleiben: es sind lediglich unterschiedliche Schattierungen von Grün. Grün – die Farbe der Hoffnung Bei aller berechtigten Kritik gibt es natürlich auch viele hoffnungsvolle Entwicklungen. Es scheint, als ob die „passive Revolution der Türkei“ am Ende eine Gesellschaft hervorbringen wird, die ihre islamische Tradition mit den rechtstaatlichen und demokratischen Prinzipien der Moderne in Übereinstimmung bringt und als Rollenmodell für den gesamten Nahen Osten fungieren kann. Auch wenn es noch ein langer Weg ist, so ruhen die Hoffnungen der EU darauf, die Türkei über den Prozess der europäischen Annäherung und Integration auf Dauer auf diesem Weg begleiten zu können. Die Hoffnung in die Zukunft ist aber auch verbunden mit einer jungen Generation, die weltoffen und hellwach ist und in ihrem Streben kaum zu unterscheiden ist von der jungen Generation anderer Länder. So endet das Heft denn auch mit den Hoffnungsträgern der Architekturszene in Istanbul. In kurzen Gesprächen haben Pelin Tan und Şevin Yıldız, die mit uns als Gastredakteurinnen das Heft konzipiert haben, Porträts exemplarischer Büros erstellt und deren Arbeitsweisen dokumentiert. (gekürzte Fassung des Editorials)
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