ARCH+ 196/197

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Erschienen in ARCH+ 196/197,
Seite(n) 52-53

ARCH+ 196/197

Arabische Stadt

Von ARCH+

Klimagerechte Planung

Die traditionelle arabische Stadt schafft durch Form und Orientierung der Baumassen und Freiräumen ein angenehmes Mikroklima und dient damit als Vorbild für Masdar City. Das Wissen um klimagerechte Planung, das sich hier manifestiert, kann heute mittels neuer technologischer Möglichkeiten simuliert und systematisch angewendet werden.

Bereits in den 1950er Jahren haben Architekten wie Candilis Josic Woods  bei Siedlungsprojekten in Nordafrika arabische Bautraditionen in neue Strukturformen zu übersetzen versucht. Damals wie heute dient die karge, vielerorts noch unbesiedelte Wüste als Testgelände für ein neues Verständnis von Architektur und Städtebau. Über die intensive Auseinandersetzung mit außereuropäischen Lebensweisen gelangten anthropologische und soziologische Aspekte in den modernistischen Diskurs. Auch die Auseinandersetzung mit klimatischen Aspekten der arabischen Stadt kann – transportiert über Projekte wie Masdar –  Impulse für klimagerechte und energieeffiziente Planung in Europa geben.

Die arabische Stadt ist charakterisiert durch die Polarität privater und öffentlicher Lebensbereiche, die auch die Gebäudetypologie prägt. Zellen verschiedener Größenordnung und Komplexität können durch gleiche räumliche und architektonische Logik miteinander verkettet werden und ermöglichen ein Erschließungssystem, das vom großen offenen Raum in immer kleinere, private Bereiche führt.

Das Gebetshaus markiert das Zentrum eines selbstversorgten Viertels. Der maximale Abstand zwischen den Wochentags- und Freitags-Moscheen orientiert sich traditionell an deren fußläufiger Erreichbarkeit. Heute hingegen richten sich die Distanzen am Auto oder in Masdar City am PRT-System aus.

Klimagerechter Städtebau lässt sich in der Altstadt von Damaskus studieren. Über das regelmäßige römisch-hellenistische Straßennetz wuchs nach der muslimischen Eroberung im Jahr 636 ein engmaschiges System von Gassen. Durch zahlreiche Sackgassen wird die heiße Luft aus der Stadt herausgehalten, während durchgängige Ost-West Straßen für Durchlüftung sorgen.

Eine ähnliche Struktur findet sich im Kairoer Straßennetz des 19. Jahrhunderts: Dem städtischen Außenraum kommt kaum Bedeutung zu. Die Alternative zu öffentlichen Plätzen sind die klimatisch abgeschirmten Moscheen.

Enge Gassenquerschnitte halten das unerwünschte, direkte Sonnenlicht ab. Situationen wie diese in Fès, wo Straßen von Wohnhäusern überbaut wurden, bezeugen das oft individuelle und instinktive Eingreifen in planerische Vorgaben. Die an das Haupthaus angebauten „Masrîya“ kragen als Nebenhäuser wie hier in Fès über die darunterliegende Gasse und verschatten diese zusätzlich. Der Straßenraum bleibt dadurch verhältnismäßig kühl.

Windtürme dominieren wie hier im iranischen Chupanan häufig die Dachlandschaft. In ihren unterschiedlichen regionalen Ausformungen erfüllen sie die Funktion der Gebäudekühlung, indem sie die Luftzirkulation im Haus, aber auch in den Straßen regulieren.

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