ARCH+ 196/197

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Erschienen in ARCH+ 196/197,
Seite(n) 8

ARCH+ 196/197

Zeitung: Open City - Designing Coexistence

Von Holl, Christian

„As I define the term, …“ beginnt Gerald Frug seinen Beitrag im Buch zur 4. Internationalen Architekturbiennale von Rotterdam, die am 10. Januar 2010 zu Ende ging. Der zentrale Begriff „Open City“, den die Kuratoren, Kees Christiaanse und Tim Rieniets, als Thema für die Biennale gewählt hatten, ist nicht eindeutig definiert: Wer ihn benutzt, muss klären, worauf er sich bezieht und unter welchen Prämissen er ihn verwendet. Dass er trotzdem richtungsgebende Hilfestellung beim Diskurs über die Stadt sein kann, zeigt diese Publikation noch besser als die Ausstellung selbst. Die sechs Sektionen der Ausstellung in Rotterdam, die jeweils von einem eigenen Kuratorenteam betreut wurden, werden im Buch ausführlich vorgestellt. Jede widmet sich einem thematischen oder lokalen Schwerpunkt: Rotterdam, Jakarta, amerikanischer Siedlungsbau, sowjetische Plattenbaustädte, Flüchtlinge und Flüchtlingslager sowie improvisierte Spontansiedlungen und Slums, vor allem in Südamerika. Dabei werden jeweils Thesen zur offenen Stadt formuliert und die Relativität und Ambivalenz des Begriffs dargestellt.

Hier wird gezeigt, wie man einerseits Offenheit im Sinne von Zugänglichkeit einschränkt, weil sie zu einer ökonomischen bzw. sozialen Bedrohung oder Überforderung wird, weil man Angst um den eigenen Wohlstand hat. Andererseits wird demonstriert, wie man mit architektonischen oder planerischen Strategien den Menschen, die unter diesen Einschränkungen zu leiden haben, helfen kann. Dabei wird auch deutlich, dass der Begriff der Offenheit nicht eindeutig einem bei uns positiv konnotierten System zugeordnet sein muss. Im 20. Jahrhundert auf dem Gebiet der Sowjetunion neu entstandene Städte, zu achtzig Prozent aus vorfabrizierten Elementen errichtet und sich daher überall gleichend, seien, so erfährt man, zur Zeit des Sozialismus in mancher Hinsicht offener gewesen, leichter und für mehr Personen unterschiedlicher Schichten zugänglich, als sie es nun unter kapitalistischen Bedingungen sind.

17 Essays zum Thema der offenen Stadt bilden den zweiten Teil des Buchs. In ihnen werden Richtungen aufgezeigt, in die sich der Diskurs über die Stadt entwickeln könnte. Es zeigt sich, dass der Begriff der Offenheit gut geeignet ist, diesen Diskurs an aktuelle Phänomene zu binden, weil er den globalen Kontext voraussetzt. Denn dem Begriff der Offenheit sind die Elemente der Bewegung und Entwicklung inhärent: Die offene Stadt muss veränderbar sein; mit der Offenheit verknüpft ist die Frage nach der Zugänglichkeit der Stadt, nach den Strömen und Bewegungen, die die Offenheit der Stadt voraussetzen und einfordern, die die Offenheit nutzen und sie gefährden.

Die in der Publikation zusammengestellten Erörterungen geben daher einen guten Überblick über aktuelle, die Stadt betreffende Fragen, sie reichen von der geschichtlichen (Angelus Eisinger) und ökogeographischen Einordnung (Dieter Läpple) bis zu philosophischen Essays (Peter Sloterdijk). Auch konkrete Fallbeispiele wie Istanbul (Orhan Esen) werden behandelt, Gebietskulissen wie etwa Suburbia (Marc Angélil und Cary Siress) werden untersucht. Sicherheitsaspekte werden in den Texten ebenso aufgegriffen wie soziologische und politische Fragestellungen.

In der Gesamtheit wird deutlich, dass weder die Frage nach der Offenheit noch die globale Perspektive den Blick auf die Besonderheit des Einzelfalls einschränkt. Die Besonderheit wird nur plausibel, wenn sie als eine in globale Verhältnisse eingebundene gesehen wird; das Entstehen von und das Bestehen auf der Verschiedenheit des Umgangs mit der Stadt kann nur verstanden werden, wenn diese Verschiedenheit als Ergebnis der globalen Zusammenhänge gelesen wird, denen sich die Städte nicht entziehen können. Umgekehrt lenkt die globale Perspektive den Blick auf jene Teile der Stadt, die gerade im Bestehen auf der jeweiligen Besonderheit oftmals ausgeblendet werden.    

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