ARCH+ 196/197


Erschienen in ARCH+ 196/197,
Seite(n) 12-20

ARCH+ 196/197

Modernisierung oder Ökologisierung?

Von Latour, Bruno

Das ist hier die Frage
Im Mittelpunkt dieses Aufsatzes steht die Beschäftigung mit dem Schicksal der politischen Ökologie. (1) Drei unterschiedliche thematische Stränge bilden das Grundgerüst meiner Argumentation, die stark von der politischen Situation in Frankreich und der anhaltend geringen Bedeutung der verschiedenen grünen Parteien dort beeinflusst ist: An erster Stelle steht ein interessantes Modell für das Verständnis politischer Debatten, das die beiden französischen Soziologen Luc Boltanski und Laurent Thévenot in ihrem Buch „Über die Rechtfertigung“ dargestellt haben. (2) Zweitens beziehe ich mich auf eine Fallstudie, die ich in den 1990er Jahren über die gesetzlich verankerte Schaffung so genannter „lokaler Wassergemeinschaften“ durchgeführt habe (Latour & Le Bourhis 1995). (3) Und drittens verfolge ich ein langfristig angelegtes philosophisches Projekt, in dem ich eine Alternative zum Modernitätsbegriff entwickle (Latour 1993) und die politischen Wurzeln unserer Vorstellung von Natur untersuche. Meine Grundthese ist schnell in Worte gefasst: Die politische Ökologie lässt sich nicht als eine weitere Ausdifferenzierung der Moderne auffassen. Im Gegenteil, man muss sie als Alternative zur Modernisierung betrachten. Um dies tun zu können, muss man sich von der falschen Vorstellung verabschieden, dass Ökologie etwas mit Natur an sich zu tun hat. Sie wird vielmehr in diesem Zusammenhang als neues Verfahren betrachtet, mit dem alle Dinge des menschlichen und nicht-menschlichen kollektiven Lebens gehandhabt werden können...
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