ARCH+ 198/199

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Erschienen in ARCH+ 198/199,
Seite(n) 6-9

ARCH+ 198/199

Haus K

Von Grundmann, Peter

Zehlendorf gehört zu den attraktivsten Wohnlagen Berlins. Im Krieg wenig zerstört, ist die gründerzeitliche Bebauung weitgehend intakt. Die Villen stehen auf großen, mit Altbaumbestand bewachsenen Grundstücken. Dazwischen gibt es vereinzelt Gebäude jüngeren Datums, die Häuser ersetzen, welche kriegsschadenbedingt oder später aus spekulativen Gründen abgerissen wurden. Auf einem solchen Trümmergrundstück errichtet der Vater des Bauherrn 1961 ein Mehrfamilienhaus. Der mit Egon Eiermann aus Schulzeiten befreundete Architekt entwarf im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus ein nüchternes, aber durchaus ambitioniertes Gebäude in rotem Ziegelstein mit vier kleineren Wohnungen und einer 3-Raum-Wohnung zur Eigennutzung.

Heute finden sich im Haus Redaktionsräume, eine Psychotherapiepraxis, eine Einraumwohnung und die schon mehrfach erweiterte Wohnung für die fünfköpfige Familie des Bauherrn. Die Wohnsituation der Familie wird 2009 mit einem Anbau verbessert: Ein Dachgarten sowie ein Zimmer für die 12-jährige Tochter sollen entstehen. Um das Grundstück nicht unnötig zu zergliedern, fügt sich der Anbau südlich in die straßenseitige Fassadenflucht des bestehenden Gebäudes. Die Größe des neuen Gebäudeteils ist durch die maximal mögliche Grundflächenzahl begrenzt, die durch den Anbau mit 22 qm schließlich ausgereizt wird. Gebaut wurde in Leichtbauweise: Wände und Decken bestehen aus Stützen-RiegelKonstruktionen in Holz, die innen mit farblos geöltem Kiefersperrholz und außen mit OSB-Platten beplankt sind. Der Fußboden ist ein geschliffener Beton-Estrich. Um das Zimmer nicht mit Einrichtungsmöbeln zu verstellen, wird die giebelständige Südwand als Servicewand realisiert. Ebenso in Kiefersperrholz gestaltet, organisiert sie Einbauschrank, Regal und Hochbett, das die Südwand um einen halben Meter durchstößt und sich außen als 2,4 m langer und 1,4 m hoher Kubus abbildet. Ein außenliegender Vorhang schützt vor Einblicken und Überhitzung im Sommer.

Der Anbau bezieht eine bestehende rote Ziegelsteinmauer in die äußere Wand mit ein und verzahnt so beide Baukörper mit einer selbstverständlichen Geste. Über dieser Ziegelmauer verläuft ein Fensterband, das als Oberlicht dient. Die Fuge zwischen Mauer und bestehendem Gebäude wurde nicht geschlossen, sondern mit Glas ausgefacht. Zum Hof hin ist der Bau durch eine 3,8 m lange und 2,4 m hohe rahmenlose Verglasung, die in ihrer Größe mit dem bestehenden Vordach korrespondiert, geöffnet. Der rahmenlose Anschluss der Scheibe funktioniert über eine Fuge, die in die bestehende Ziegelfassade geschnitten wurde. Dadurch wird die kontinuierliche Wirkung der bestehenden Fassade gewahrt, die visuell zwischen Innen- und Außenraum vermittelt. Die Außenfassade des Anbaus ist mit unbehandeltem Messingblech verkleidet, das normalerweise für die Halbleiterindustrie vorgesehen ist. Die Kollision der kontrastierenden Fassadenmaterialien ergibt dennoch eine harmonische Wirkung: der rote, stumpfe Ziegelstein trifft bündig auf das glatte, glänzende Messingblech. Die handwerkliche Erscheinung des Fugenbildes im Ziegelmauerwerk findet seine Entsprechung im Raster der Schrauben auf der Messingverkleidung. Diese wurde soweit nach oben gezogen, dass sie gleichzeitig das Geländer der Dachterrasse bildet und den Anbau so optisch streckt. Ein überdimensionierter Wasserspeier zur Entwässerung der Dachterrasse akzentuiert die Fassade zur Straße hin. Das Haus mit seiner fragilen, golden schimmernden Haut, dem großem Wasserspeier, außen liegendem Vorhang und dem aus der Südfassade heraustretenden Bett ist eine spielerische Referenz an das Refugium eines jungen Mädchens.  

Architekt: Peter Grundmann

Bauteam: Peter Grundmann, Thomas Pohl, Albrecht Radloff, Klemens Mühlbauer

Bauzeit: Juli–Dezember 2009

 

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