ARCH+ 198/199


Erschienen in ARCH+ 198/199,
Seite(n) 102-105

ARCH+ 198/199

Präzise in der Architektur

Von Rahm, Philippe

Glaubt man bestimmten Kritikern und Architekten, ist Architektur ein Medium. Das heißt, sie ist ein Mittel, um etwas auszudrücken, das über sie hinausgeht. Der Grund für ihre Form liegt demzufolge nicht in ihr selbst, in Raum und Zeit, sondern in der Repräsentation von etwas anderem, Bedeutungsvollerem, das dem Bereich des Symbolischen, Funktionalen, Sozialen, Politischen etc. angehört. So wird beispielsweise oft als zentrales Argument zur Begründung von architektonischen Glaskonstruktionen das Bild von der „Transparenz“ bemüht. Glasfassaden seien Ausdruck von Transparenz, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn, und einem makroskopisch naiven Glauben zufolge ist die Transparenz von Glas ein Ausdruck von Demokratie, weil es von der Straße aus den Blick auf die Innenräume freigibt und nichts verbirgt. Die Undurchdringlichkeit von Stein oder Beton wäre dann, e contrario, Ausdruck finsterer Zwangsherrschaft. Nach diesem Interpretationsmuster wird den architektonischen Elementen wie Farben, Formen, Materialien eine Bedeutungsfunktion zugesprochen, mit welcher man unter Vermeidung von Interpretationsfehlern und kulturellen Missverständnissen arbeiten müsse. Aber könnte eine Glasfassade nicht auch nur deshalb geplant worden sein, um das natürliche Sonnenlicht in den Innenraum des Gebäudes einzulassen? Was Werkzeug der Kritik ist, wird auch Planungswerkzeug. Durch Analogie oder metaphorische Entsprechung werden plötzlich von der Natur hervorgebrachte Formen in die unwahrscheinlichsten semantischen Kreuzzüge eingespannt: Die Formen eines Korallenriffs werden zur Verkörperung einer freiheitlichen Gesellschaft, ein Hügelgebilde aus Beton zum Ausdruck einer Verbindung mit der Natur...

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