ARCH+ 200

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Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 5

ARCH+ 200

Farbatlas Zürich

Von Neitzke, Peter

Die Instrumente, die man mit der Publikation Farbraum Stadt zur Verfügung gestellt hat, sagt Stefanie Wettstein, am Zürcher Haus der Farbe zusammen mit ihren Kollegen Jürg Rehsteiner und Lino Sibillano verantwortlich für das dort entwickelte Forschungsprojekt „Farbatlas Zürich“, sollen Fachleute und Laien für das Thema Farbe im öffentlichen Raum sensibilisieren und Farbentscheidungen fundiert begründen. Ein Passus in der Zürcher Bauordnung schreibt vor, dass „Farbe und Materialisierung der Fassaden ‚zufriedenstellend‘ sein müssen“ – eine gesetzliche Regelung, etwa einen „plan couleur“, gibt es allerdings nicht.

Im Amt für Städtebau wird seit 2002 für Gebiets- und Nutzungsidentitäten der Begriff „Zürichs Zimmer“ verwendet. Hübsch: Wenn man sich die Stadt als Wohnung vorstellt, sind deren Zimmer die Quartiere, geprägt „von unzähligen Brüchen und Differenzierungen“, wahrlich keine Zürcher Spezialität, „also von unzähligen Teilidentitäten“. Material und Farbigkeit, schreiben die Herausgeber, stifteten nicht nur „die Identität eines Straßenzugs, eines Quartiers oder eines Stadtteils“, sie erhielten und stärkten auch Gebietsidentitäten. Wie der Begriff der Identität hier zu verstehen ist, wird allerdings nicht ausgeführt.

Im Baukollegium der Stadt – einer Kommission, die sich aus externen Fachleuten und Mitgliedern der Verwaltung zusammensetzt und den Stadtrat und die Baubewilligungsbehörde in Fragen des Städtebaus und der Architektur berät – fragte man sich eines Tages, was denn eigentlich die „spezifische Farbigkeit“ Zürichs ausmache, ja ob überhaupt „ein typischer Farbklang“ festzustellen sei. Also setzte man eine Untersuchung der „Gesamtfarbigkeit“ der Stadt mit ihren rund 41.000 Gebäuden auf die Agenda. Nach einem Pilotprojekt im Viertel Schwamendingen wurden die Farben der Stadt in drei Jahren Feldforschung ermittelt. Auf ihrem Weg durch die Stadtquartiere sammelten die Farbforscher 800 Gebäudefassadenfarben und mischten sie nach. Resultat ist ein Farbfächer, der dieses Spektrum auf 115 Farben reduziert. Eine Datenbank versammelt anhand handgemalter Farbportraits ausgewählte Einzelbauten, die einzelnen Themenfeldern zugeordnet wurden: dunkle Bauten, bunte Bauten, Epochenfarbigkeit, Ensemblequalität, städtebauliche Qualität, Materialqualität, unscheinbar schön, in Würde gealtert, gelungene Erneuerung. Neben einem Textband, der das Projekt „Farbatlas Zürich“ detailliert erläutert, und einem Plan, der die Fassadenfarbigkeit der Stadt Zürich zeigt, enthält die – hervorragend gestaltete – Publikation Farb­ raum Stadt: Box ZRH vierfarbige Karten, die mit 96, an Bilder der konkreten Kunst erinnernden Repräsentationen die Farbigkeit ausgewählter Einzelbauten und die proportionale Verteilung der Fassadenfarbigkeit (Hauptfarbe, Akzentfarbe) sowie der Materialien veranschaulichen.

Eine „endgültige und generelle Antwort auf die Frage, ob eine strikte Reglementierung oder eine liberale Haltung zum optimalen Ergebnis führt“, gebe es kaum, schreiben die Herausgeber des Werkes. Und so erstaunt eigentlich nicht, dass der Textteil der Veröffentlichung mit zehn – mehr oder weniger unverbindlichen – Qualitätskriterien schließt. Die mit Farbraum Stadt vorliegende außergewöhnliche Form der Repräsentation städtischer Objekte soll Grundlage für Farbentscheide sein. In Zürich und anderswo.

Den Werkraum Berlin erreicht man über berlin@hausderfarbe.ch

Farbraum Stadt: Box ZRH, herausgegeben von Jürg Rehsteiner, Lino Sibillano und Stefanie Wettstein, Haus der Farbe, Kontrast Verlag Zürich 2010, 86 Euro.

 

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