ARCH+ 175

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Erschienen in ARCH+ 175,
Seite(n) 4-7

ARCH+ 175

Monumentaler und minimaler Raum

Von Ronneberger, Klaus /  Schöllhammer, Georg

Die sowjetische Moderne in Architektur und Städtebau

Während der russische Konstruktivismus und die stalinistische Architektur hierzulande einer interessierten Öffentlichkeit bekannt sind, ist das Wissen über die sowjetische Moderne der Nachkriegszeit beschränkt. Das Rechercheprojekt Local Modernities geht dieser vom Verfall bedrohten, faszinierenden Parallelwelt der Architektur des Modernismus nach. In einer mehrteiligen Serie wird hier eine Periode des sowjetischen Urbanismus vorgestellt, die keineswegs nur monotone Plattenbausiedlungen hervorgebracht hat, sondern sich auch als ausgesprochen originär erweist. Ziel des Projekts ist es, die Ausprägung von Transformationsprozessen der Moderne in anderen als den westlichen Ländern aufzuzeigen und die Vielzahl “lokaler” Modernen in ihren unterschiedlichen Differenzierungen zu dokumentieren.

Perioden des sowjetischen Städtebaus

Nach der Revolution von 1917 versuchten die Bolschewiki die grassierende Wohnungsnot in den Städten durch die Enteignung der bürgerlichen Klasse zu beseitigen. Nach der Aufhebung des Privateigentums an städtischem Grundbesitz teilten die Behörden die Wohnungen in separate Einheiten auf, die dann von mehreren Haushalten belegt wurden. Die sogenannte Kommunalka gehörte für viele Jahrzehnte zum festen Bestandteil des sowjetischen Alltags. Gleichzeitig kam es in den 1920er Jahren zu einer Reihe von avantgardistischen Architektur- und Stadtprojekten, die eine radikale soziale und ästhetische Erneuerung der Gesellschaft zum Ziel hatten.

Angezogen von den sozialistischen Utopien engagierten sich damals in Rußland auch ausländische Architekten wie Ernst May oder Hannes Meyer mit eigenen Entwürfen und Bauten. Aus sowjetischer Sicht galt Urbanisierung zunächst als ein ausschließlich kapitalistisches Phänomen. Daraus ergaben sich zwei Definitionen für die sozialistische Stadt: Zum einen sollte der “Antagonismus zwischen Stadt und Land” durch eine Begrenzung des städtischen Wachstums und die Mechanisierung des Dorfes überwunden werden. Zum anderen richtete sich die Forderung “Sozialhygiene durch Auflockerung der Bebauung” gegen die alteuropäische Stadt, die auf dem Prinzip “Urbanität durch Dichte” beruhte. Der Grundgedanke des sozialistischen Modells bestand in einer engen räumlichen Verknüpfung der Arbeits- und Wohnbereiche, die durch Grünzonen voneinander getrennt sein sollten. Dieses Modul bildete wiederum ein räumliches Subsystem, das sich entlang einer Hauptachse mit anderen identischen Einheiten zu einer Gesamtstadt fügte. Das Konzept der sog. linearen Industriestadt wurde bei der Errichtung von Städten wie Wolgograd oder Magnitogorsk teilweise angewendet. Heute gilt diese Zeit als die “konstruktivistische Phase” des sowjetischen Urbanismus.

In den frühen 1930er Jahren erfolgte auf Anweisung Stalins ein Bruch mit der avantgardistischen Ästhetik. Die Partei erklärte die Architekturexperimente für “formalistisch” und “bourgeois”. Die Abkehr vom Modernismus erfolgte zugunsten eines Neoklassizismus, der seine Vorbilder in der russischen Geschichte des 19. Jahrhunderts suchte. In allen Hauptstädten der Unionsrepubliken entstanden monumentale Gebäude, die in ihrer Architektur die Idee des Sowjetstaates und die jeweilige Tradition der nationalen Kultur eindrucksvoll zur Geltung bringen sollten. Die neuen Wohnhäuser wurden entweder in die alten Quartiere eingefügt oder an den Rändern der Stadt in Blockbauweise hochgezogen. Ihre ästhetische Qualität entsprach durchaus dem damals vorherrschenden gesellschaftlichen Ideal. Die Gebäude waren handwerklich solide gebaut und relativ komfortabel.

Die Strategie der rücksichtslosen Binnenkolonisation bewirkte zwar, daß sich das riesige Land aus einem rückständigen Agrarstaat in eine Industriegesellschaft verwandelte, aber das Wachstum der industriellen Arbeitsplätze in den Städten ging viel schneller von statten als der dazugehörige Wohnungsbau. Weiterhin mußte der größte Teil der städtischen Bevölkerung in überbelegten Gemeinschaftswohnungen leben oder in Baracken hausen.

Nach Stalins Tod (1953) fand eine Abkehr von den dekorativen Baupraktiken statt. Die Problematik des Historismus lag dabei weniger in der aufwendigen Fassadengestaltung, sondern im Widerspruch zwischen dem handwerklichen Charakter dieser Architektur und der zunehmend dringlicher werdenden Forderung nach industriellen Baumethoden. Eine schnelle und umfassende Verbesserung der Wohnversorgung stellte deshalb eine der tragenden Säulen des Reformprojekts des neuen Parteichefs Chruschtschow dar. Auf der All-Unions-Konferenz der Architekten im November 1954 polemisierte er gegen die rückständige Bautechnologie, die aufwendige Fassadengestaltung und die unzureichende Standardisierung von Gebäudetypen. Der XX. Kongreß der KPdSU im Jahre 1956 setzte sich das Ziel, innerhalb von 20 Jahren das Wohnungsdefizit zu beseitigen. Das von der stalinistischen Industrialisierungspolitik vernachlässigte Bauwesen wurde mit mehr Mitteln ausgestattet und eine Steigerung der Produktivität in diesem Sektor beschlossen.

Umbruch in den urbanistischen Disziplinen

Die Kremlführung drängte die Wissenschaftler, Techniker und Architekten, in ihren Disziplinen eine radikale Modernisierung in Gang zu setzen und sich an den westlichen, weiter fortgeschrittenen Methoden zu orientieren. Während die Partei etwa im Bereich der Kunst weiterhin restriktiv gegen “Abweichungen” vorging, blieb die moderne Architektur davon weitgehend verschont, da sie als eine ideologiefreie Technologie angesehen wurde.

Die Kontakte sowjetischer Intellektueller und Spezialisten mit ausländischen Institutionen gestalteten sich im Verhältnis zur stalinistischen Periode einfacher, auch wenn sie weiterhin unter der Kontrolle des sowjetischen Geheimdienstes standen. Schon bald gelang es den sowjetischen Architekten aufgrund des Austauschs, eigene, zeitgemäße technische Lösungen zu finden. Es erschienen Bücher über die westliche Architektur, zunächst in Form übersetzter Texte, später auch die Originale. Große Architekten der Moderne wie Le Corbusier, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe - zuvor als “Formalisten” geächtet - fanden wieder Anerkennung. Ab Ende der 1950er Jahre arbeiteten vor allem französische und sowjetische Urbanisten eng zusammen. So basierte beispielsweise die erste sowjetische Serie der in Tafelbau errichteten Wohnblocks auf einem französischen Konstruktionssystem.

Die wichtigsten Quellen des auswärtigen Einflusses kamen aber zunächst aus den sozialistischen Ländern Osteuropas. Die neue sowjetische Ästhetik wurde vor allem von Publikationen aus der Tschechoslowakei und Polen beeinflußt, wo sich die moderne Bewegung in Architektur und Design fortgesetzt hatte, wenn man von einer kurzen Unterbrechung in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren absieht. Eine andere Quelle des Einflusses kam aus dem “inneren Ausland”, den baltischen Republiken, die aktiv zur Ausbildung eines neuen Stils beitrugen. In der Zwischenkriegszeit hatten diese Länder eine eigenständige Architektur-Moderne auf hohem Niveau entwickelt. Von der Sowjetunion 1940 annektiert, mußten sich die urbanistischen Disziplinen im Baltikum nur für einen kurzen Zeitraum den stalinistischen Vorgaben anpassen. Deshalb erfolgte auch dort das Aufgreifen moderner Standards viel früher als in jenen Republiken, die von Anfang an zur Sowjetunion gehörten.

Ebenso erfuhr die Ästhetik der konstruktivistischen Periode eine Rehabilitierung, wenn auch meist in simplifizierter Form. Mit zwei staatlichen Dekreten im November 1955 wurde nicht nur eine Industrialisierung und Kostenreduzierung im Bauwesen eingeleitet, sondern auch jegliche Formen von Pomp und Dekorationen untersagt.

Natürlich waren die sowjetischen Architekten weiterhin einer umfassenden Regulation unterworfen. Sie konnte nur innerhalb der Vorgaben der staatlichen Planungsorganisation agieren, eingezwängt von rigoros zu befolgenden “Konstruktionsnormen und -regeln”. Man hatte die Entwürfe an einem Katalog von vorgefertigten Bauelementen auszurichten, der nur eine beschränkte Auswahl bot. Im Sinne einer Verwissenschaftlichung der Disziplin hießen die Architekturbüros nun “Forschungsinstitute für die Entwicklung von Wohnbauten, Schulen, Krankenhäusern”. Das Bestreben, architektonische Überlegungen den technisch-ökonomischen Funktionen unterzuordnen, verstärkte utilitaristische Tendenzen im sowjetischen Urbanismus. Die Imperative der Wirtschaftlichkeit und des Baumanagements verdrängten künstlerische Aufgabenstellungen und Fragen der Qualität. Diese Reduktion auf das Elementare prägte die gesamte architektonische Praxis, vor allem was den Massenwohnungsbau anbetraf. Nur wenigen Architekten war es vergönnt, an sogenannten individuellen Projekten wie Theatern, Museen, Festsälen oder Sportbauten mitzuarbeiten.

Das 1957 angenommene Bauprogramm sah bis 1960 eine Erhöhung des Wohnbestands um mehr als elf Millionen Quadratmeter vor. Zwei Jahre später wurden diese Vorausberechnungen als ungenügend erkannt und nochmals beträchtlich angehoben. Dank der Industrialisierung des Bauwesens stieg der Anteil der vorfabrizierten Teile von 25 Prozent (1950) auf 70 Prozent im Jahre 1958. Ziegel galten nun als ein Material, das für Rückständigkeit stand, ökonomisch ineffizient war und die Industrialisierung behinderte. Die Wände wurden zunehmend mit Preßsteinen errichtet und bei den Fundamenten kamen nicht mehr Bruchsteine, sondern Stahlbeton zum Einsatz.

Nach der ersten Generation von Backsteinhäusern mit vorgefertigten Decken und Innenwänden ging man bald zur Großblock- und dann zur Großtafelbauweise über. Serienproduktion und Montage bestimmten nun die Bauorganisation. Die Notwendigkeit, die neuen industrialisierten Produktionsweisen mit der Bestimmung von Wohntypologien in Einklang zu bringen, führte zu einer grundlegenden Veränderung des Siedlungsmodells. Die Blockrandbebauung der Stalin-Ära wurde zugunsten freistehender Wohnhäuser aufgegeben. Zunächst entstanden Quartiere mit gleichförmigen fünfgeschossigen Zeilenbauten ohne Lift in paralleler oder rechtwinkliger Anordnung. Ab Mitte der 1960er Jahre stellte man die fünfgeschossige Bauweise ein, die sich wegen der relativ hohen Erschließungskosten als unwirtschaftlich erwiesen hatte. An ihre Stelle traten neun- bis zwölfgeschossige Wohnscheiben in Verbindung mit Punkthochhäusern von 16 bis zu 30 Stockwerken. Neben dem Primat der Typenbauten gab es aber auch immer den Versuch, experimentelles Bauen zu betreiben. So wurde zum Beispiel Ende der 1950er Jahre das Ziel anvisiert, 90 Prozent der Planungen im Bereich der Typenentwürfe auszuführen, während der Rest innovativen und individuellen Lösungen vorbehalten sein sollte. Die moderne sowjetische Architektur entstand also an der Schnittstelle zwischen Typenbauten und experimentellem Bauen.

Der funktionalistische Rigorismus dauerte jedoch nicht allzu lange. Im Laufe der 1960er Jahre tauchten wieder Architekturdetails der 1930er Jahre auf. In den verschiedenen Sowjetrepubliken, vor allem im Kaukasus und in Zentralasien, bildeten sich aus den Nationaltraditionen eigene Architekturrichtungen aus. Im Gegensatz zur Stalin-Zeit fand aber die erneute Hinwendung zu einem retrospektiven Stil auf der Basis einer modernen Architektursprache und industrieller Bauweisen statt. Der Rückgriff auf die “historischen Wurzeln” verdankte sich allerdings nicht nur einer (postmodernen) Kritik am monotonen Funktionalismus, sondern hatte auch mit dem Aufkommen von nationalistischen Ideologien in den Republiken zu tun.

Monumentale Zentralität und Plattenbau

Eine wesentliche Vorgabe der sowjetischen Urbanistik bestand darin, über den Städtebau die Gesellschaft mit zu formen. Die Architektur wurde als symbolischer Akt aufgefaßt, als monumentale Plastik zur Veranschaulichung künftiger kommunistischer Lebensformen. Es sollten Räume des Jubels entstehen, die zugleich die Einheit des Volkes mit der Partei untermauerten. Die Aufgabe des Städtebaus bestand darin, die gesellschaftlichen Hierarchien klar zum Ausdruck bringen. Im Vordergrund hatte das sowjetische Kollektiv zu stehen, das sich auch durch Kundgebungen konstituierte und damit zugleich die Herrschaft der Partei legitimierte. Für solche öffentlichen Manifestationen benötigte man entsprechende, großzügige Straßenachsen (“Magistralen”), die als Aufmarschräume dienten. Um weitläufige Plätze, die den politischen Mittelpunkt der “Werktätigen” bilden sollten, aber eher ein Gefühl der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Staatsgewalt erzeugten, gruppierten sich Regierungs- und Parteigebäude, Kaufhäuser, Kulturpaläste und Monumente.

Der zentrale Bezirk einer Stadt stellte dabei den Kristallisationspunkt des hierarchischen urbanen Gefüges dar. Er diente nicht nur der Verdichtung von Dienstleistungsfunktionen, sondern repräsentierte in politischer, kultureller und administrativer Hinsicht die sowjetische Staatsmacht. Diese Idee von der städtebaulichen Herausbildung eines politischen Zentrums blieb bis zum Ende der UdSSR bestimmend. Entscheidend war dabei der Umstand, daß alle urbanistischen Projekte ohne Rücksichtnahme auf die Eigentumsverhältnisse erfolgen konnten. Die Gesetze der kapitalistischen Bodenökonomie waren außer Kraft gesetzt. Der inszenierte Machtraum stellte deshalb eine bewußt herbeigeführte Konfiguration dar, die gegebenenfalls auch brachiale Umbauten und den Abriß ganzer Stadtteile einschloß. Es ging um den Entwurf aus einem Guß, in dem sich die einzelnen Objekte dem Gesamtensemble unterzuordnen hatten.

Gleichzeitig mangelte es der sowjetischen Stadt an Diversität. Im Gegensatz zu den proletarischen Vierteln im Westen war ein Ausweichen aus den beengten Wohnverhältnissen in Kneipen oder Spielhallen (mit ihren spezifischen Formen einer Semi-Öffentlichkeit) nicht möglich. Kantinen und Cafés dienten der schnellen Nahrungsaufnahme, der Besuch von Restaurants war streng reglementiert und ausgesprochen kostspielig. Ebenso herrschte ein großer Mangel an öffentlichen Toiletten, die zudem abends häufig geschlossen wurden. Bettler, Behinderte und Prostituierte versuchten die Behörden durch ordnungspolitische Maßnahmen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Insofern kann man sagen, daß es in den sowjetischen Städten eine weniger sichtbare Marginalität gab als in den kapitalistischen Metropolen.

Das Gegenstück zu den Inszenierungsräumen des Zentrums bildeten die Plattensiedlungen. Die staatliche Regulation des Wohnungswesens stellte einen integralen Bestandteil des sowjetischen Belohungssystem dar. Die Wohnraumverteilung erfolgte aufgrund der Tätigkeit und des Einflusses des Bewerbers. Während Privilegierte, wie Politiker, Militärs oder Intellektuelle, in den Zentren wohnten, lebten die einfachen Leute entweder in kommunalen Gemeinschaftswohnungen oder in Großsiedlungen an den Rändern der Stadt. Da im Massenwohnungsbau Quantität und Wirtschaftlichkeit den Vorrang hatten, war die Qualität der Bauausführung und die Ausstattung der Räumlichkeiten mangelhaft. Auch die Verkehrserschließung und die Implementierung der sozialen Infrastruktur hinkten der stürmischen Entwicklung der Wohnraumproduktion hinterher. Die Neubauwohnungen der 1950er und frühen 1960er Jahre waren sehr klein geschnitten, aber wer vorher in einer Kommunalka gelebt hatte, empfand eine eigene Küche, Badezimmer, fließendes Wasser und Fernheizung als einen enormen Fortschritt. Erst als in der BreschnewÄra die Wohnungen großzügiger ausfielen, erschienen die schnell und billig hochgezogenen “Chruschtschowoka” nicht mehr allzu verlockend. Die ästhetische Monotonie vieler Neubauviertel, besonders der fünfgeschossigen “Teppiche”, stieß in der sowjetischen Öffentlichkeit immer wieder auf heftige Kritik.

Eine wichtige Grundlage der Stadtplanung bildeten die 1958 aufgestellten “Regeln und Normen für Stadtplanung und Städtebau”. Die Städte wurden jetzt in unterschiedliche Nutzungsfunktionen gegliedert: Zonen für Wohnen, Industrie, Verkehr und kommunale Dienstleistungseinrichtungen, jeweils getrennt durch Grünbereiche. Sogenannte Mikrorayons bildeten die grundlegende räumliche Einheit der Siedlungsplanung. Sie hatten eine Größe von 0,3 bis 0,5 km2, wiesen eine Einwohnerzahl von jeweils 10.000 bis 15.000 Menschen auf und verfügten über die wichtigsten Versorgungseinrichtungen. Mehrere Mikrorayons faßte man wieder zu Wohnzonen zusammen, denen Fachgeschäfte, Kliniken und Kulturhäuser zugeordnet waren. Die Stadtzentren deckten schließlich mit Warenhäusern, Theatern, Hotels und Hochschulen den spezielleren Bedarf der Bevölkerung ab.

Aber selbst die gigantischen Siedlungen der Breschnew-Ära folgten letztlich den Idealen einer kleinstädtischen Gemeinschaft. Überschaubare Wohnquartiere sollten die Interaktion zwischen den Bewohnern vertiefen und stellten die sowjetische Variante des hierzulande geläufigen Nachbarschaftsgedankens dar. Mit Hilfe von Selbstverwaltungseinrichtungen wie “Wohnbüros” und “Wohnkomitees” versuchten die Behörden zudem eine kollektive Lebensform zu fördern. Aber ähnlich wie im Westen sah die soziale Realität völlig anders aus. Die meisten Bewohner suchten sich dem staatlichen Zugriff durch den Rückzug ins Private zu entziehen.

Grundelemente des sowjetischen Urbanismus

Mitte der 1980er Jahre lebten zwei Drittel der sowjetischen Bevölkerung in städtischen Siedlungen, beim Ausbruch der Revolution waren es gerade 18 Prozent gewesen. Dabei fällt die deutliche Konzentration auf Großstädte auf. Hatten Mitte der 1920er Jahre lediglich Moskau und Leningrad mehr als eine Million Einwohner aufzuweisen, so belief sich 1990 die Zahl der Millionenstädte auf 24. Damit erlebte die UdSSR einen Verstädterungsprozeß, der in seinem Ausmaß einmalig ist.

Auch wenn es im Urbanismus viele Übereinstimmungen mit westlichen Konzepten gab, lassen sich für die Sowjetunion, jenseits der Verstaatlichung von Grund und Boden, eine Reihe von Besonderheiten feststellen. So herrschte eine klare Dominanz der Wirtschaftspolitik über die Raumordnungs- und Städtebaupolitik. Das Siedlungsschema für das Land war dem Generalplan zur Standortverteilung der Produktivkräfte untergeordnet. Dieser gab in erster Linie Empfehlungen für die Streuung der Produktionsstandorte aus und beinhaltete Richtlinien für die Entwicklung regionaler Städtesysteme, und zwar in Abhängigkeit von den Produktionsvorhaben.

Für die städtebauliche und architektonische Planung vor Ort waren der dem städtischen Exekutivkomitee beigeordnete Chefarchitekt und seine Abteilung verantwortlich. Hier bestand eine Abhängigkeit vom Staatlichen Baukomitee beim Ministerrat der UdSSR sowie dem Staatskomitee für Zivilbauten und Architektur, welche die General- und Bebauungsplanung überwachten und deren Ausführung durch standardisierte Richtlinien und Normen festlegten. Dennoch bestand bei allem Zentralismus für die Regional- und Lokalbehörden ein gewisser Spielraum. Zwar wurde in Moskau über Planvorhaben und Mittelzuweisungen entschieden, aber die subalternen Apparate konnten in der Verwaltungspraxis die klar definierte Regierungspolitik unterlaufen und letztlich darüber bestimmen, wie die verfügbaren Ressourcen genutzt wurden. Mit fingierten Rechenschaftsberichten und Betrugsmanövern gelang es den lokalen Amtsträgern gegen die Zentrale eigene Prioritäten zu setzen.

Auch die föderale Struktur des sowjetischen Vielvölkerstaates spielte eine wichtige Rolle. Die politisch bedeutenden “Basis-Nationen” erhielten den Status von Unionsrepubliken. Auf der Grundlage einer “positiven Diskriminierung” herrschte eine Rekrutierungs- und Beförderungspolitik im Staats- und Parteiapparat der Republiken vor, die die jeweilige Titular-Nation begünstigte und zu einer Ausbildung indigener Führungsschichten führte. Ohne diese indirekte Form der Herrschaft wäre es den Sowjets auch gar nicht möglich gewesen, das riesige Land zu regieren. Die Zentrale stellte den Unionsrepubliken materielle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung, die von den “Provinzfürsten” weitgehend in eigener Regie verwaltet wurden. Bei kulturellen Angelegenheiten und architektonischen Projekten gab es in der Regel noch größere Freiheiten. Im Austausch dafür akzeptierten die regionalen Machthaber die Vorherrschaft der Moskauer Führungsspitze.

Die Verteilung der Ressourcen und finanziellen Zuwendungen erfolgte nach einem hierarchischen Prinzip. Die Gewinner der sowjetischen Entwicklungsstrategie waren neben Moskau vor allem die Metropolen der Unionsrepubliken und wirtschaftspolitisch hervorgehobene Industriestädte. Sie erhielten überproportional hohe Staatssubventionen, während die Klein- und Mittelstädte benachteiligt wurden. Entsprechend stark war das Gefälle zwischen Stadt und Land. Bis zum Ende des Regimes diskriminierte ein restriktives Paß-System die Menschen aus dem ländlichen Raum, um so die Metropolen vor einer ungesteuerten Zuwanderung zu schützen. Dennoch fand eine nicht zu kontrollierende Migrationsbewegung statt. Die Landflucht sorgte für eine Entleerung der Dörfer und für eine “Verbäuerlichung” der Städte. Ein Phänomen, das bis heute nachwirkt.

Die Produktion ungleicher Räume

Bereits in den frühen 1970er Jahren hatte der französische Philosoph und Raumtheoretiker Henri Lefebvre der UdSSR ihren Niedergang vorausgesagt. Ihm zufolge stellte das sowjetische Modell insofern eine Revision der kapitalistischen Akkumulation dar, indem es diesen Prozeß zu beschleunigen versuchte. Die Intensivierung des Wachstums sollte vor allem über die Privilegierung von herausragenden Produktionsstandorten erreicht werden. Entgegen der offiziellen Ideologie gelang es diesem Territorialkonzept aber nie, ausreichende Synergieeffekte zu produzieren, um im ganzen Land eine sich selbst tragende Entwicklung in Gang zu setzen. Die Hierarchisierung ließ die Wachstumspole immer stärker und die vernachlässigten Regionen immer schwächer werden. So blieben die großen Prestigeprojekte und die monumentalen Bauten letztlich Imponiergesten, deren symbolische Integrationskraft nicht ausreichte, um die Legitimität des Systems auf Dauer zu sichern. Auch der nicht lösbare Widerspruch zwischen den imaginären Räumen der Machtdarstellung und den realen Räumen des Alltags führte zum Untergang des sowjetischen Imperiums.

Rechercheteam: Georg Schöllhammer (Leitung), Klaus Ronneberger, Markus Weisbeck und Heike Ander

Local Modernities wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.  

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