ARCH+ 201/202

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Erschienen in ARCH+ 201/202,
Seite(n) 82-83

ARCH+ 201/202

Berlin – eine Schlafstadt

Von Oswalt, Philipp /  Oswalt, Stefanie

Berlin lebt auf Pump. Das hier ausgegebene Geld wird andernorts verdient. Als der Kalte Krieg zu Ende ging, musste West-Berlin, die Stadt der Rentner, Wehrdienstverweigerer, Studenten und linken Lebenskünstler, nicht mehr durch hohe Subventionen des Westen als Bollwerk gegen den Kommunismus gehalten werden; und die DDR verschwand gleich ganz, nachdem sie 40 Jahre lang ausgeblutet wurde, um in Ost-Berlin einen Vorzeigekommunismus zu finanzieren. Doch auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Gesamtberlin weiterhin von staatlichen und privaten Transferleistungen abhängig. Paris, London, München, Frankfurt, Zürich, Wien – überall sind es die Zentren, die die Peripherie nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich mit versorgen. Üblicherweise dominiert in der Stadt die Arbeitswelt, gelebt wird vorwiegend im Umland. Berlin hingegen ist die Inversion einer Großstadt: Hier wohnt man in der Stadt und arbeitet andernorts.

Der russische Kunsttheoretiker und Philosoph Boris Groys bezeichnet die Stadt in einem Interview mit der Zeitschrift Lettre in ihrer Ausgabe zum Mauerfall-Jubiläum als „Jurassic Park des realen Sozialismus“. Darin führt er aus: „Strukturell gesehen ist Berlin eine Oase des Sozialismus in der Mitte Deutschlands, weil es alle Merkmale des Sozialismus aufweist: Staatliche Subventionierung, wenig Arbeit, allgemeine Stagnation und sehr viel Freizeit.“ Was Groys damit meint: Die Stadt ist arm, aber es lebt sich gut in ihr. Paradoxerweise ist eben genau ihre wirtschaftliche Erfolglosigkeit ihre Erfolgsformel. „Arm aber sexy“ kommentierte diesen Befund der durchaus zu Glamour neigende Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit im Jahr 2004. Zynismus ist ihm aufgrund dessen vorgeworfen worden, und dies nicht ganz unberechtigt. Denn für die armen bildungsnahen Schichten sind die Möglichkeiten doch erheblich sexier als für die bildungsferne Bevölkerung – Migranten, Wendeverlierer und Langzeitarbeitslose –, die in der Peripherie – etwa im Märkischen Viertel, in Marzahn oder Hellersdorf – ohne Perspektive leben. Und doch trifft Wowereits Formel auch einen Nerv der Stadt.

Berliner, so hat eine im Januar 2010 von der Bertelsmann-Stiftung über die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt veröffentlichte Studie ergeben, haben ein besonders hohes Armutsrisiko. Knapp 200 von 1.000 Einwohnern sind hier auf staatliche Hilfen angewiesen, in Bayern und Baden-Württemberg sind es nur etwas mehr als 50 Bürger. Auch beim Einkommen liegen die Berliner mit 24.800 Euro je Einwohner in der Schlussgruppe, dafür ist die Pro-Kopf-Verschuldung mit 17.000 Euro dreimal höher als anderswo und mit 67 Erwerbstätigen je 100 Einwohnern im erwerbsfähigen Alter liegt Berlin auf dem fünftschlechtesten Platz.

Nun sagen diese Zahlen nichts darüber, wie viele Wissenschaftler, Medienleute, Künstler, Schauspieler, Filmschaffende, Schriftsteller und bildende Künstler, schließlich auch Lebenskünstler durch Arbeitslosengeld oder Hartz IV finanziert werden. Ganze Generationen Kreativer und Intellektueller halten sich mit staatlichen Zuwendungen über Wasser. Sie bilden den Nährboden für das, was Berlin so attraktiv macht: Die Mischung von Sub- und Hochkultur, bei gleichzeitig gänzlichem Verzicht auf gesellschaftliche Codes oder Statussymbole, wie sie sich üblicherweise in jahrhundertealten Städten mit ausgeprägtem Stadtbürgertum herausbilden. Das mag manch einer bedauern, der eine gewisse Eleganz wertschätzt oder zivilisierte Umgangsformen, die auch durch den Zuzug urbaner Einwohner nur äußerst langsam oder gar nicht Eingang in die städtische Kultur finden.

Dafür bietet die Stadt, das ist hinlänglich bekannt, die Möglichkeit zum Experiment. Vergleichsweise billiger und attraktiver Wohnraum – etwa in Neukölln oder im Wedding – ist genügend vorhanden und die Stadt bleibt aufgrund ihrer zahlreichen durch Krieg und Sozialismus eingeschriebenen Wunden immer noch offen – im mentalen wie im konkreten Sinn. So sind die sozialen Leistungen fulminant. Als Arbeit suchend gemeldete Eltern können ihre Kinder schon im Babyalter in einer staatlichen Einrichtung – Tagespflegestelle oder Kita – unterbringen, so gut wie kostenfrei. Betreuungsplätze sind reichlich vorhanden. Auch gibt es gigantische öffentliche Bibliotheken, deren Benutzung weitgehend umsonst ist. „Für den Beginn meiner Karriere als Schriftstellerin war Berlin ideal“, erzählt Chloe Aridjis. Sie ist Mitte dreißig, ihre Eltern sind mexikanische Diplomaten und leben in Paris. Nach Jahren in den USA und in London ist Chloe nach Berlin gekommen, weil es hier billig, international und irgendwie auch introvertiert ist. Ganz abgesehen von den vielen historischen Spuren, von denen sie in ihrem „Book of Clouds“ erzählt und damit international Aufmerksamkeit erhalten hat.

So wie Chloe handhaben es aber auch ganze Kohorten aus Schwaben, Nordrhein-Westfalen oder Hessen, ebenso wie Spanier, Italiener, Amerikaner usw. Junge Architekten, Künstler und Journalisten ziehen nach Berlin und gründen hier ihre Familien. Oft haben die Eltern ihnen eine gut ausgestattete Eigentumswohnung finanziert – und mit Hilfe der staatlichen Subventionen und familiären Zuwendungen werden hier die schwierigen Jahre der Etablierung und Selbstausbeutung alimentiert. Unvergessen ist uns die Begegnung mit einem Berliner Jungkünstler, dessen Vater uns nach einem nett im Zug verplauderten Nachmittag großzügig ein Gemälde des Sohnes schenken wollte, weil der ja ohnehin nichts verkaufe, von ihm aber komplett finanziert werde. Der Sohn lebte mit seinen drei kleinen Kindern in der eigenen geräumigen Atelierwohnung unweit des beliebten Hackeschen Marktes – luxuriös eingerichtet mit neu verlegtem Parkett und einer teuren Edelstahlküche.

Wer wirklich Geld verdienen will oder muss mit Jobs, die abseits der Kulturindustrie und des Tourismus liegen, kann nicht in Berlin bleiben. Die Stadt hat keinerlei wirtschaftliches Umland und dort, wo an anderen Orten die Suburbs wuchern, ist hier schon wieder eine entgegengesetzte Tendenz zu beobachten: Zurück in die City. Denn in Berlin wird nicht gearbeitet, sondern gewohnt. Ein „Central Business District“, wie Geographen das wirtschaftliche Herzstück von Großstädten nennen, existiert nicht: Ob Friedrichstraße, Unter den Linden, Kudamm, Alexanderplatz oder Potsdamer Platz: Allerorts dominieren Konsum und Repräsentation.

So ist Berlin vor allem die Stadt der Pendler. Für sie ist Berlin wenig mehr als eine Wohn-, Schlaf- und Freizeitstadt, in der sich die Doppelverdienerpaare am Wochenende in ihrer 150 qm großen Wohnung zum schönen Leben treffen. Ausgehen, chillen, Kultur konsumieren. Etwas anders gehen damit die Familien um. Oft verdient ein Familienteil ein rentables Einkommen in einer gerade noch halbwegs erreichbaren europäischen Stadt, der andere bleibt wohnungshütend, ggf. Nachwuchs versorgend und von den sozialen Möglichkeiten profitierend mit einem deutlich weniger einträglichen Job zurück. So sind die aus Berlin nach Westen fahrenden Züge in den Morgenstunden am Wochenanfang übervoll mit gut ausgebildeten Berufstätigen. Ob Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter von Hochschulen in Braunschweig, Halle, Kassel oder Hamburg, ob Designer bei Volkswagen in Wolfburg, ob leitende Mitarbeiter von Theatern in Kassel und Hamburg, von dem Umweltbundesamt in Dessau oder selbst dem Landesverwaltungsamt oder der Bundeskulturstiftung in Halle: Alle schwärmen aus Berlin aus, um ihr Geld zu verdienen und möglichst schnell wieder an den geliebten Wohnort zurückkehren zu können.

In Wolfsburg, Braunschweig und Kassel-Wilhelmshöhe leert sich der Zug, denn die Architekturfakultät der dortigen Universität lebt vom Berliner Brain Drain – vom akademischen Personal, das hier seine Di-Mi-Do-Wochen abarbeitet und dann kollektiv Donnerstagabend wieder in die Hauptstadt zurückreist. Den Trend spiegelt der Fahrplan der Bundesbahn: Die letzte Verbindung etwa von Kassel nach Berlin ist erst um 21:13 Uhr, während man aus Berlin Richtung Kassel schon um 19:37 Uhr aufbrechen muss, um sein Ziel noch am gleichen Abend zu erreichen. Wer, wie die Kunstprofessorin A., nach Stuttgart pendelt, bucht lieber Billigflüge. Und dann ist da noch G., der in einer ostdeutschen Provinzstadt eine wichtige Kulturinstitution leitet und die freiberuflich arbeitende Frau quasi alleinerziehend mit drei kleinen Kindern in Berlin zurücklässt. G.s Kinder empfinden diesen Zustand als normal. Fast alle Väter ihrer Klassenkameraden arbeiten – wenn überhaupt – an anderen Orten: in Dresden und Leipzig, Magdeburg oder Cottbus. Mit ihren Steuern halten diese Erwerbstätigen den Haushalt der Hauptstadt aufrecht. Berlin seinerseits bietet ihnen dafür ein Refugium, gewissermaßen Sanatorium. Noch einmal Boris Groys: „Solange alles stagniert, kann man gut leben, sich geschützt fühlen, nachdenken, träumen, Wein trinken, sich gut fühlen … Je länger Berlin unter den gegebenen Umständen stagniert, desto besser geht es allen, dort und rundherum.“

Eine etwas elegantere Form des Transfers gelingt einer Reihe von Selbständigen in den „Creative Industries“: Das Büro in Berlin, die Auftraggeber meist in Westdeutschland und im Ausland. Nach diesem Modell arbeiten Architekten, Werbeagenturen oder Webdesigner. So kann man vorwiegend in Berlin arbeiten und hier auch junges, preiswertes Personal anheuern, die Aufträge kommen von außerhalb. Einziges Problem: Man muss ständig zu den Auftraggebern fahren, und auch dies zerrt an den Nerven der Familien. So überlegt der befreundete Landschaftsarchitekt mit seinen vier Kindern von Berlin-Treptow nach Hamburg zu ziehen: Während er stets quer durch die Republik unterwegs ist – Mannheim, Wuppertal, Hamburg, Ingolstadt, Kassel usw. –, haben seine Hamburger Kollegen den Vorteil, vorwiegend Aufträge in ihrer Region realisieren zu können. Andererseits muss er dort deutlich mehr verdienen, um einen ähnlichen Lebensstandard halten zu können …

Doch nicht nur die, die nach Berlin gezogen sind, halten die Hauptstadt auf Pump am Leben. So manch Auswärtiger hat einen Koffer in Berlin, wo die Immobilien immer noch billig sind. Eine kleine Wohnung können sich die Verlagsmitarbeiterin aus Stuttgart, die Theaterproduzentin aus Wiesbaden oder das Kieler Arztehepaar im Ruhestand locker leisten, von polyglotten Ausländern gar nicht erst zu sprechen. So verbringt man das ein oder andere Wochenende in der Hauptstadt mit ihren mehr als 175 Museen, mehr als 350 Kunstgalerien, 11 staatlichen und 33 privaten Theatern. Oder kümmert sich als Pensionär um die Enkelkinder, während deren Eltern ihren „Migrantenjobs“ nachgehen.

Viel Kultur und ein billiges Preisniveau – das ist es wohl auch, was die zahlreichen Touristen so anzieht, die die Stadt wie keine andere Industrie sonst mit frischem Geld versorgen. Seit dem Mauerfall strebt Berlins Beliebtheit langsam dem Unendlichen entgegen, was nicht immer gut erträglich ist. Nicht nur im eigenen Land, sondern in der ganzen Welt begegnet einem ehrfurchtsvolles Raunen bei der Erwähnung, man lebe in Berlin. Fast jeder war schon da oder kennt andere, die schon da waren. Und hin oder wieder hin will sowieso jeder. Der Tourismus boomt. Mit knapp 18 Millionen Übernachtungen in den so genannten Übernachtungsbetrieben liegt Berlin deutschlandweit an der Spitze. Wer in das frisch restaurierte Neue Museum auf der Museumsinsel will, muss vorher im Internet ein Zeitfenster buchen, will er nicht stundenlang draußen in der Kälte anstehen. Teilbereiche zwischen Reichstag, Brandenburger Tor, Holocaustdenkmal und Kollwitzplatz sind ohne Angst, von einer begeisterten (spanischen) Touristenmasse niedergetrampelt zu werden, kaum mehr zu betreten. Ganze Straßenzüge – wie etwa die Oranienburger Straße – erleben mit ihren bis zu 500 Gäste fassenden Großrestaurationen eine Ballermannisierung. Doch es ist nicht nur der Billigflug- und Vulgärtourismus, der das schnelle Geld in die Stadt schwemmt, auch der Luxustourismus boomt.

Als in Berlin Lebender wundert es beinahe, mit welcher Penetranz diese Stadt bundesweit und international gefeiert wird. Kein Intellektuellen-Magazin ist mehr zu lesen, das nicht dem Hype um Berlin eine Darstellungsfläche gibt. Da lässt die Januar-Ausgabe von „Literaturen“ Schriftsteller ihr Berlin beschreiben (darüber herrscht Einigkeit: die Stadt ist extrem heterogen) und sieht Berlin in einer „stetig wachsenden Zahl von Romanen als neues Zentrum einer hyperaktiven Gegenwart.“ Und was lesen wir nicht andernorts alles von der Stuttgartisierung des Prenzlauer Bergs, wo die letzten Einheimischen von gebärwütigen süddeutschen Mittelstandstussis verdrängt werden, die Mieten ins Unbezahlbare steigen und inzwischen sogar die Hundehaufen vom Trottoir verschwunden sind – hier flackern immer mal wieder ideologische Auseinandersetzungen zwischen Ost und West auf, die sonst kaum eine Rolle spielen. Und dann ist da noch der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der auf das Integrationsproblem in seinem „Problemkiez“ verweist und dort Parallelwelten zwischen Deutschen und Migranten feststellt. Im Alltag kommt die Berliner Mittelschicht in der Tat kaum mit den arabisch-türkischen Migranten in Berührung, auch wenn alle ganz selbstverständlich in den zahllosen kleinen Lebensmittelläden einkaufen, die es in den Innenstadtbezirken an jeder Ecke gibt (im Westen freilich mehr als im Osten). Letztlich lebt es sich in Berlin extrem unaufgeregt.

Unlängst kehrten wir von einem Parisausflug in unser vertrautes Berlin zurück. Dort, in der französischen Hauptstadt, hatten elegante Menschen auf den Boulevards an kleinen runden Tischen im Freien gesessen und Kaffee getrunken. Der Vorortzug zum Flughafen war übervoll mit schwarzafrikanischen Menschen, die in den Vorstädten nach und nach ausgestiegen waren. Im Landeanflug auf unser präsibirisches Provinznest sah man aus dem Flugzeugfenster vereinzelte kleine Lichtpunkte, dann waren die Schneeverwehungen neben der Landebahn erkennbar, Außentemperatur -15° C verkündete der Captain, local time 9 pm. Der Flughafen war wie ausgestorben, alle Läden geschlossen. Wegfliegen wollte jetzt niemand mehr.

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